«Die Freundin meiner 14-jährigen Tochter rief mich an einem sommerlichen Abend an», berichtet eine Waldorfmutter. »Ich solle schnell kommen und meine Tochter abholen, denn sie hätte zuviel getrunken. Als mein Mann und ich sie abgeholt hatten, schlief sie sofort ein und war nicht mehr ansprechbar. Wir riefen den Notarzt. Dieser meinte, wir könnten sie zu Hause den Rausch ausschlafen lassen – oder er könne veranlassen, dass sie zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht werde. Wir entschieden uns für letzteres, weil wir hofften, wenn sie im Krankenhaus aufwachen würde, wäre ihr das eine Lehre». Gehören Rausch-Erlebnisse bei Jugendlichen heute dazu? Kann man Jugendlichen solche Erfahrungen ersparen?
Die Freie Waldorfschule Haan-Gruiten hat für die Klassen 7 bis 9 Präventionsangebote im Unterricht verankert. In der Menschenkunde im siebten Schuljahr stehen Ernährung und Verdauung im Mittelpunkt. Hier schließt die Schule eine Aufklärung über die Wirkung von Zigaretten, Drogen und Alkohol an. Im achten Schuljahr wird die chemische Zusammensetzung von Lebensmitteln besprochen, auch hier können Alkohol und Drogen von der Lehrkraft thematisiert werden. Im Chemieunterricht der Klasse 9 wird der abbauende Stoffwechsel besprochen. Dabei wird auch die alkoholische Gärung als eine Möglichkeit für bestimmte Organismen Energie zu gewinnen, durchgenommen. In diesem Zusammenhang geht die Lehrkraft auf die Gefahren des Alkoholmissbrauchs ein.
Ergänzend dazu werden in Zusammenarbeit mit der Suchthilfe der Diakonie in Erkrath Klassen- und Elternveranstaltungen zum Thema Rauchen und Alkohol angeboten, ab der neunten Klasse auch zum Thema Cannabis, berichtet Andrea Behr-Fischer. Sie ist Sozialarbeiterin an der Freien Waldorfschule Haan-Gruiten.
Externe Angebote
Ein wichtiger Baustein des Drogenpräventionskonzeptes der Schule sind externe Angebote. Für die sechste und siebte Klasse lädt die Schule alle zwei Jahre den Parcours Leben ohne Qualm der Ginko-Stiftung Nordrhein-Westfalen ein. «Die Schüler:innen durchlaufen in kleinen Gruppen einzelne Stationen», erklärt Behr-Fischer. «So erleben sie auf spielerische und kommunikative Art und Weise verschiedene Aspekte rund ums Rauchen.» Zum Beispiel wird an einem Computer gezeigt, wie sich das Gesicht langfristig verändern könnte, wenn man raucht. An einer anderen Station üben die Schüler:innen, wie sie reagieren können, wenn jemand ihnen eine Zigarette anbietet. Auch körperliche Erfahrungen spielen eine Rolle, etwa bei einem Test zur Lungenkapazität. An einer weiteren Station wird eine Zigarette auseinandergenommen und die unterschiedlichen Bestandteile werden erklärt. «Leider greift der Parcours das Thema Vapen bisher kaum auf, obwohl das für viele Jugendliche heute relevanter ist als Zigaretten», merkt Behr-Fischer an und weist darauf hin, dass Präventionsangebote mit der Lebenswelt der Jugendlichen Schritt halten müssen. In der achten Klasse besuchen die Schüler:innen eine «Mini-Messe Alkohol», organisiert von einer lokalen Suchtpräventionsstelle. Hier berichten Notfallsanitäter:innen, was sie erleben, wenn sie zu alkoholbedingten Notfällen gerufen werden, und was Jugendliche tun können, wenn Freund:innen zu viel getrunken haben. Wie Alkohol wirken kann, erleben die Jugendlichen eindrücklich durch den Einsatz von Rauschbrillen, die Koordination und Gleichgewicht stören. Ein Erfahrungsbericht eines trockenen Alkoholikers zeigt zudem, wie Abhängigkeit entstehen kann. Im Anschluss findet eine Nachbesprechung in der Schule statt. Fragen können gestellt und Eindrücke geteilt werden. «Wichtig ist, dass die Jugendlichen sich auch mit der Frage auseinandersetzen: Wann und wie wird Genuss zum Missbrauch?», sagt Behr-Fischer. «Die Schüler:innen sollen verstehen, wie man in eine Sucht hineinschlittern kann – und wie schwer es ist, dann da wieder rauszukommen.»
Mediensucht
Suchtprävention im Hinblick auf Drogensucht ist an vielen Schulen etabliert. Große Herausforderungen bestehen da, wo es um Mediensucht und Magersucht geht. «Denn diese Süchte stehen heute im Vordergrund», sagt Behr-Fischer. Hier setzt die Freie Waldorfschule Haan-Gruiten stark auf Elternarbeit. In jeder Klasse gibt es zwei bis drei «Medieneltern». Diese gestalten einmal im Jahr einen Medienelternabend, mit Materialsammlungen, Vorlagen für Vereinbarungen und Empfehlungen – etwa aus der Broschüre Medienkompass des Bundes der Freien Waldorfschulen. «Nicht jede Familie muss das Rad für sich neu erfinden. Hier ist Zusammenarbeit extrem wichtig. Eltern müssen ihre Kinder bei der Nutzung von Smartphones begleiten. Wenn man diese Begleitung am Anfang nicht ernst nimmt, wird es später sehr schwer, Grenzen einzufordern.» Zusätzlich gibt es im siebten Schuljahr Besuch aus der Kriminalprävention. Polizeibeamte informieren die Klasse über Gefahren und Risiken im Internet.
Nicht wegsehen
Und was, wenn Lehrerkräfte und Sozialarbeiter:innen den Eindruck haben, es liegt eine Suchtproblematik vor? «Dann suchen wir als erstes das Gespräch mit dem Schüler, der Schülerin», sagt Behr-Fischer. Darauf folgt ein Gespräch mit den Eltern. Allerdings sind dem Handlungsspielraum der Schule Grenzen gesetzt: «Wir können nur helfen, dass sich die Betroffenen Hilfe holen.» Bei klaren Regelverstößen, zum Beispiel beim Thema Rauchen, greifen die Hausordnungsmaßnahmen. «Es gibt kein Patentrezept zur Suchtprävention», erklärt die Sozialarbeiterin. «Aber es gibt Schutzfaktoren. Viele Grundlagen werden in den ersten Lebensjahren gelegt: sichere Bindung, Resilienz, Selbstwertgefühl. Die Schule kann vor allem im Alltag stabilisieren: hinschauen, begleiten, unterstützen. Prävention lebt davon, dass Erwachsene wach bleiben – in der Schule und zu Hause.»
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