Ausgabe 09/25

Summerhill – Psychologie toppt Bildung

Fiona-Livia Bachmann


1938 veröffentlichte Alexander Sutherland Neill das Kinderbuch Die grüne Wolke. Das Buch entstand in Zusammenarbeit mit den Schüler:innen seiner Summerhill-Schule. Die Kinder durften sagen, wie die Geschichte weitergehen sollte und Neill ließ die Geschichte dann so weitergehen, inklusive gewalttätiger Szenen, in denen die Jugendlichen mit Waffen um ihr Leben kämpfen. In dieser Herangehensweise zeigt sich der antiautoritäre, demokratische Geist von Summerhill, in dem Selbstbestimmung und Mitbestimmung zentrale Werte waren. In Neills Schule gab es keine Prüfungen, keine Noten, keinen Leistungsdruck und keine festen Regeln. Kritiker des Buches und der Pädagogik bemängelten, dass Kinder keinen Respekt vor Erwachsenen und Autoritäten haben müssten. Das hielten sie für gefährlich. Neill kritisierte am konventionellen Unterrichtsmodell, dass die Erziehung nicht auf die persönliche Entwicklung des ganzen Menschen abgestimmt sei. Dieser ganze Mensch würde auf die Grundform einer Schulstruktur begrenzt werden, die sich durch Stundenpläne, Frontalunterricht, Noten, Jahrgangsklassen und die Aufteilung von Lerninhalten widerspiegle. Das Entscheidende, das Erleben des Lernstoffes, wäre nicht gegeben, sondern das Kind müsse sich dem Schulstoff anpassen und das Erlebte den Vorgaben entsprechen. 

Freiheit statt Zwang 
 

Neill lebte von 1883 bis 1973. Er war Pädagoge, Autor und langjähriger Leiter der von ihm gegründeten Demokratischen Schule Summerhill. In der Auseinandersetzung mit Psychoanalyse und zeitgenössischer Pädagogik entwickelte er seine Grundprinzipien, die auf den Werten der Freiheit statt des Zwangs und der Selbstbestimmung statt der Autorität basierten. Neills Kindheit war geprägt vom Zeitalter des Calvinismus in Schottland. In der Schule bedeutete dies ein striktes Autoritätsverhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden inklusive strenger und harter körperlicher Strafen. Neill wuchs als viertes von acht Kindern in bescheidenen Verhältnissen auf und hatte eine schlechte und angstbesetzte Beziehung zu seinem Vater, der einen harten Erziehungsstil hatte. Der Vater war gleichzeitig der Lehrer der Dorfschule und da er seinen Sohn auf keinen Fall bevorzugen wollte, wurde dieser besonders hart bestraft. Neill war selbst kein guter Schüler. Seine Eltern beschlossen für ihn, dass er selbst den Lehrerberuf ausüben sollte. Die Ausbildungsjahre zum Pädagogen schilderte Neill als eine von Angst und militärischer Disziplin geprägte Zeit. Auch seine anschließende Praxis an staatlichen Schulen gefiel ihm nicht. Es wurde für ihn immer offensichtlicher, dass die herrschenden Erziehungsmethoden zu schweren charakterlichen und seelischen Dauerschäden führten.

Psychologie wichtiger als Bildung 
 

So ist es nachvollziehbar, dass der Pädagoge im Zuge seiner beruflichen Laufbahn die Motivation entwickelte, strukturelle Erziehungsformen aufzubrechen und revolutionieren zu wollen. Er zeichnete sich durch die Einstellung aus, dass Psychologie wichtiger als Bildung sei. 1921 gründete er seine eigene Internatsschule Summerhill im gleichnamigen englischen Ort, die in seinen Augen eine therapeutische Stätte für «normale» Kinder war und während der 1930er Jahre in Großbritannien einen hohen Bekanntheitsgrad erlangte. Das Internat zog insbesondere sogenannte Problemkinder an, die an anderen Bildungseinrichtungen als faul, frech und schwierig eingestuft wurden. Als Referent der antiautoritären Erziehung war der Reformpädagoge einflussreich. Seine Zielsetzung berief sich darauf, dass Heranwachsende ihre Kindheit und Jugend so ausleben dürfen, dass sie individuelle Stärke und emotionale Ganzheit entfalten können. Die Summerhillians, wie Neills Schüler:innen bald genannt wurden, sollten eine Einheit mit ihrer Persönlichkeit erreichen. Seine Schule konzentrierte sich auf drei Hauptmerkmale: Selbstregulierung, freiwilliger Unterrichtsbesuch und Werkstätten für die Schüler:innen. Den Kindern wurde Freiheit gewährt, jedoch waren sie nicht von Regeln befreit. Diese wurden innerhalb der Schulgemeinschaft festgelegt. Lehrkräfte und Schüler:innen stimmten gleichberechtigt und demokratisch über relevante Fragen und Anliegen des Schulalltags ab. Es gab keine Anwesenheitspflicht. Unterricht wurde angeboten, war jedoch nicht obligatorisch. Abschlüsse durften gemacht werden, waren jedoch nicht verpflichtend. Es herrschte das Prinzip der freien Erziehung und Selbstbestimmung. Die Kinder wählten selbst, ob sie akademische Unterrichtsstunden, künstlerisch-handwerkliche Tätigkeiten oder dem freien Spiel nachgehen wollten. Am Ende der Schulzeit gab es die Möglichkeit, einen staatlich anerkannten Abschluss zu machen.

Neill ging davon aus, dass Kinder grundlegend lernbegeistert sind. Da nur interessierte Schüler:innen am Unterricht teilnahmen, war dieser demensprechend effizient und das Lernklima positiv. Lernzwang führe in seinen Augen zu der Selbstentfremdung des Kindes. Er wollte verhindern, dass Heranwachsende in der Schule erleben mussten, was er erfahren hatte. Mit der Zeit wurde Summerhill auch international bekannt. Neills Pädagogik und die von ihm gegründete Schule symbolisierten einen Weg, der bis dahin Unvorstellbares möglich machte. Dass Kinder auch ohne Notendruck und Disziplin freiwillig und mit Freude lernten, hatte man bis dahin nicht für möglich gehalten. Diese sogenannte antiautoritäre Erziehungsweise verbreitete sich auch unter Eltern vor allem in den 1970er und 1980er Jahren. 

Revolutionär post-mortem 
 

Neill leitete seine Schule bis zu seinem Tod 1973. Danach übernahm zunächst seine Frau Ena und ab 1985 sein einziges Kind Zoe Readhead die Leitung des Internats. Im Jahr 1999 wurde dem Summerhill-Internat mit einer Schließung gedroht. Die dort gelebte antiautoritäre und unkonventionelle Unterrichtsführung erhielt wieder einmal scharfe Kritik. Es wurde infragesellt, ob die Kinder die notwendige Grundausbildung erhielten. Nach fachspezifischen, standardisierten Tests wurde schließlich die Anklage fallengelassen. Denn es stellte sich heraus, dass Schüler:innen aus Summerhill mit ihrem Wissenstand und ihren Kenntnissen sogar über dem Landesdurchschnitt lagen. Die Schule besteht bis heute und es werden dort Kinder aus aller Welt frei und selbstbestimmt unterrichtet. 

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