Aaron Crook während des 6633 Arctic Ultra-Marathons, einer 620 Kilometer langen Tour durch den Polarkreis im Nordwesten Kanadas.
«Während des Rennens war ich 90 Prozent der Zeit allein. Und das war für mich völlig in Ordnung. Das habe ich definitiv von der Waldorfschule mitgenommen.»
In Irland geboren, zog Crook als Kind nach Australien, da seine Mutter Patricia Crook eine Pionierstelle als Lehrerin an der ersten Waldorfschule in Westaustralien annahm. Rückblickend beschreibt er den australischen Waldorflehrplan als «anders als das staatliche Schulsystem», insbesondere was die Abschlussprüfungen angeht. «Wir bewerben uns für die Universität mit unseren Zwölft-Klass-Projekten», erklärt er. «Diese sind anerkannt.» Crook fügt hinzu: «Es hat gut funktioniert – als ich meinen Abschluss machte, wurden alle meine Klassenkamerad:innen in die Studiengänge aufgenommen, die sie sich gewünscht hatten. Damals gab es keine Probleme und ich glaube, es gibt auch heute keine.» Seiner Erfahrung nach stehen australische Universitäten Waldorf-Absolvent:innen im Allgemeinen positiv gegenüber, da diese das selbstständige Arbeiten gewohnt sind. Dennoch stieß er auch auf Skepsis. «Es gibt immer noch ein Stigma – ein weit verbreitetes Missverständnis darüber, was Waldorfpädagogik eigentlich ist.»
Seine eigenen Kinder besuchen in Glenelg, nahe Adelaide, die öffentliche Schule, weil die nächste Waldorfschule zu weit entfernt ist. Crook schätzt, dass die Schulgebühren «denen einer mittelmäßigen Privatschule entsprechen». Er erinnert sich, dass seine Klassenkamerad:innen nicht aus wohlhabenden Familien stammten. «Meine Mutter hat sogar für einige Kinder die Teilnahme an Klassenfahrten und Aktivitäten bezahlt», sagt er.
Bis ans Ende der Welt
Seine Erfahrungen als Kind und Jugendlicher beeinflussten sein Leben dahingehend, dass es geprägt ist von Selbstständigkeit, Widerstandsfähigkeit, Unabhängigkeit und einer Vorliebe für Herausforderungen. Crook ist heute Geschäftsführer eines Unternehmens für Medizinprodukte, davor war er Beachvolleyballer und Schauspieler. Außerdem setzt er sich für die psychische Gesundheit von Jugendlichen ein. Vor kurzem hat er den 6633 Arctic Ultra, einen der härtesten Ultramarathons der Welt, gewonnen. «Das Rennen war die härteste körperliche Herausforderung, die ich mir vorstellen konnte», erklärt er. «Es war so weit außerhalb meiner Komfortzone. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mit Minustemperaturen und der Distanz umgehen würde – das hat mich fasziniert.» Der 6633 Arctic Ultra ist ein Laufwettbewerb, der in Eagle Plains beginnt. Er führt durch einige der unwegsamsten Gebiete der Welt, bei dem Laufen und Wandern kombiniert werden. Auf ebenem Gelände und bergab lief Crook, während er bergauf wanderte. Er war nicht der schnellste Teilnehmer, verschaffte sich aber durch seine Strategie, so wenig wie möglich zu schlafen, einen Vorteil. «Ich habe nie länger als zwei Stunden am Stück geschlafen. Die meisten Ruhepausen bestanden aus fünf- bis zehnminütigen Mikroschläfchen. Insgesamt habe ich in den sieben Tagen und 22 Stunden des Rennens nur elf Stunden geschlafen.» Sieger ist der Erste, der in Tuktoyaktuk das Arktische Meer berührt – und dieser Erste war Crook.
Auf seinem Weg musste er eine Reihe körperlicher und psychischer Herausforderungen bewältigen, darunter eine Sehnenentzündung und leichte Erfrierungen. Das Training für das Rennen begann im australischen Sommer. «In Adelaide herrschten 40 Grad», erinnert er sich. «Auf die arktische Kälte kann man sich zu Hause nicht vorbereiten. Aber ich habe mich intensiv informiert und mir die bestmögliche Ausrüstung besorgt.» Er verbrachte fünf Tage in Whitehorse, Yukon, um sich vorzubereiten und seine Ausrüstung bei einem zehn Kilometer langen Testlauf auszuprobieren, bevor er sich auf den Weg zur Startlinie machte – 15 Autostunden entfernt von Whitehorse. Bei allen Strapazen gab es auch Momente voller Faszination. «Sonst wäre ich nie in die Arktis gekommen», sagt er. «Ich habe die Nordlichter gesehen. Der Wind war furchtbar – aber ich werde das nie vergessen.»
Laufen für einen guten Zweck
Crooks arktische Reise war mehr als nur eine körperliche und mentale Herausforderung, sie war von einer Mission begleitet: Spenden für die psychische Gesundheit von Jugendlichen zu sammeln. In Zusammenarbeit mit der Sebastian Foundation und der Adelaide Crows Foundation sammelte er fast 27.000 Australische Dollar (rund 15.000 Euro)
von Unternehmen, Familienangehörigen und Bekannten. Das Geld ging an das Open-Parachute-Programm, das Schüler:innen in Südaustralien hilft, ihre emotionale Widerstandsfähigkeit aufzubauen, und zwar sowohl online als auch in Präsenz in der Schule.
«Für nur 15 Australische Dollar kann ein Kind zwölf Monate lang an dem Programm teilnehmen», erklärt Crook. «Das Rennen war viel mehr eine mentale als eine körperliche Herausforderung – und genau deshalb wollte ich etwas unterstützen, das schon früh mentale Stärke fördert.» Seine eigenen Schwierigkeiten in der Jugend und sein Engagement, jungen Menschen dabei zu helfen, die Herausforderungen des Lebens zu meistern, machten dieses Anliegen für ihn zu einer Herzensangelegenheit.
Die stille Kraft der Selbstständigkeit
Crook sagt, dass er dieses Rennen nicht noch einmal machen wird – heute liegt seine größte Herausforderung näher zu Hause: «Ein guter Ehemann und Vater zu sein. Das ist eine Ausdauerleistung für sich.» Die kleine Schule, in der «jeder jeden kannte», war manchmal überwältigend, sodass er sich völlig zurückzog. Dabei lernte er eine wichtige Lektion: wie man allein ist. «Während des Rennens war ich 90 Prozent der Zeit allein. Und das war für mich völlig in Ordnung. Das habe ich definitiv von der Waldorfschule mitgenommen.»
Resilienz durch Sport und Kreativität
In den Teeniejahren wurde Sport zu Crooks Lebensader. «Die Highschool war hart. Ich habe alles sehr intensiv empfunden – in diesen Jahren war ich sowohl am glücklichsten als auch am depressivsten», sagt er. «Sport hat mir geholfen. Fußball, Volleyball – alles, was mit positiven sozialen Interaktionen außerhalb der Schule zu tun hatte, hat mir geholfen, Widerstandsfähigkeit aufzubauen. Das Beste, was man für ein Kind tun kann, ist, das Kind mit guten Trainer:innen an den Sport heranzuführen.»
Nach der Highschool wurde Crook an der West Australian Academy of Performing Arts aufgenommen, dem zweitrenommiertesten Studiengang dieser Art in Australien. Seine kreativen Aktivitäten – vom Schauspielern bis zum Stricken – sind ihm nach wie vor wichtig. «Ich würde gerne wieder Theater spielen», erzählt er. «Und ich habe wieder angefangen zu stricken – vor allem im Flugzeug. Die Leute reagieren immer so positiv darauf. Das ist viel besser, als sich dumme Videos anzuschauen», lacht er. «Diese Kreativität habe ich definitiv der Schule zu verdanken.»
Mit Nadel und Faden ins Eis
Von Stricknadeln im Flugzeug bis hin zu Schlittenbahnen in arktischen Schneefeldern – Aaron Crook lebt an der Kreuzung von Reflexion und Ausdauer. Vielleicht wurden diese Fähigkeiten schon vor langer Zeit, Masche für Masche, geknüpft.
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