Ausgabe 10/25

Um Demokratie ringen

Angelika Lonnemann


Im Alltag wird es manchmal ziemlich schnell wenig abstrakt und sehr konkret. Und dann gehört Mut dazu, sich öffentlich mit Menschen zu solidarisieren, deren Menschenwürde verletzt wird. Ich bin nicht sehr mutig. Wenn ich in der U-Bahn sehe, dass eine Frau mit Kopftuch oder mit dunkler Hautfarbe blöd angesprochen oder angepöbelt wird, dann traue ich mich nicht, die Angreifenden zur Rede zu stellen. Ich habe Angst. Aber ich nutze meinen Körper. Ich schaue der Angegriffenen in die Augen und stelle mich neben sie. Und ich suche Blickkontakt zu anderen, die vielleicht auch solidarisch sind. Und obwohl das nur ein klitzekleiner Akt ist, bekomme ich zittrige Knie. Nicht nur bei der Menschenwürde, sondern auch bezogen auf Freiheit, Gleichheit und Solidarität ist das Verteidigen der Demokratie eine schwere Aufgabe. 

Ich mag mir nicht vorstellen, wie es Kommunalpolitiker:innen geht, die bedroht, verleumdet oder angegriffen werden, weil sie einfach nur ihrer Arbeit nachgehen. Ich glaube, wir können alle jeden Tag daran arbeiten, Demokratie zu verteidigen, indem wir etwa unsere Sprache und unsere gesamte Kommunikation achtsam steuern.

In diesem Heft gehen wir dem Verhältnis von Demokratie und Waldorfschule auf die Spur. Wir lassen eine Lehrerin erzählen, wie sie Demokratie unterrichtet. Wir beschreiben, wie Schulen sich mit dem Projekt Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage für die Menschenwürde engagieren. Wir zeigen, wie eine Freiburger Waldorfschule Partizipation versteht: Sie lässt Schüler:innen in der Schulleitung mitarbeiten. Und wir machen aufmerksam auf ein Dilemma: Toleranz gegenüber Intoleranten. Wenn Menschen aus der neurechten Szene versuchen, Eltern oder Mitarbeitende an Waldorfschulen zu werden, dann empfiehlt Frank Steinwachs, das Toleranz-Paradoxon des Philosophen Karl Popper in Handlung umzuwandeln. Wenn eine Gruppe aufgrund ihrer Toleranz intoleranten Kräften ermöglicht, die eigene Toleranz abzuschaffen, dann ist das paradox. Schulen, die sich auf das Freie Geistesleben berufen und daher Extremist:innen an ihren Schulen aufnehmen, würden verkennen, dass sie damit Kräften den Weg ebnen, die dem humanistischen Ethos der Waldorfpädagogik entgegenstehen.

Auch sonst finden Sie in dieser Erziehungskunst spannende Texte. Frieder Heß berichtet vom Jugendsymposion in Kassel, Ute Hallaschka kündigt eine neue Runde von Youth Eurythmics Projects (YEP) an und Jost Schieren begründet, warum Waldorfpädagogik ohne Esoterik auskommt.

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre und einen couragierten Oktober! 

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