Ausgabe 06/26

Und einmal in der Woche: Gemeinwohl statt Unterricht!

Anabell Dreber

Bild oben: In einer Grundschule malt eine Schülerin die Erde.
Bild links: Spiel zu den 17 Zielen für globale nachhaltige Entwicklung. 
Bild rechts: FREI DAY im Klassenraum_Gesamtschule_Pulheim.

«Learn to change the world» lautete der Slogan, unter dem die Waldorfschulen 2019 ihr hundertjähriges Bestehen feierten. Er wurde auch aufgegriffen, als im vergangenen Jahr die neue Webseite des Bundes der Freien Waldorfschulen online ging, auf der Schulen ihre Projekte im Kontext der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) präsentieren.

Wer sich mit der Waldorfpädagogik auseinandersetzt, erkennt schnell, dass ihre pädagogischen Ansätze und Lehrpläne in vielerlei Hinsicht gut zu dem passen, was für die Zukunft unserer Gesellschaft und unseres Planeten notwendig erscheint. Dies zeigt sich nicht nur in konkreten Unterrichtsinhalten wie der Ackerbau-Epoche der dritten Klasse, dem Fach Gartenbau oder den Praktika in Land- und Forstwirtschaft. Auch das soziale Miteinander ist geprägt vom Prinzip der Solidarität, das sich etwa in internen Gehaltsordnungen oder einkommensabhängigen Schulbeiträgen widerspiegelt. Auf Schulfeiern und Adventsbasaren wird zudem sichtbar, welche zentrale Rolle Gemeinschaft im Schulleben einnimmt. Zahlreiche weitere Beispiele ließen sich anführen, die verdeutlichen, dass Waldorfschulen eine Bildung für eine sozial-ökologische Zukunft anstreben.

Auch die 2012 gegründete Initiative Schule im Aufbruch setzt sich für eine nachhaltige Welt und eine zukunftsmutige Gesellschaft ein. Inzwischen arbeiten unter ihrem Dach mehr als 20 festangestellte sowie über 50 freiberufliche Mitarbeiter:innen. Sie finanziert sich im Wesentlichen durch eine Kombination aus Stiftungsförderungen, Mitgliedsbeiträgen der Netzwerkschulen und Spenden. Zentrale Geldgeber sind Stiftungen wie die Schöpflin Stiftung und die Software AG Stiftung. Neben einem ganzheitlichen zweijährigen Transformationsprozess für Schulen, in dem es insbesondere um die Veränderung von Schulstruktur sowie Schulkultur, und in diesem Zuge auch um neue Lerninhalte geht, ist in den vergangenen Jahren das Lernformat Frei Day entstanden.

Begleiten statt lehren


Beim Frei Day erhalten Schüler:innen die Möglichkeit, sich pro Woche mindestens vier Schulstunden lang mit Fragen zu beschäftigen, die sie persönlich bewegen – und dabei einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Je nach Schulform und Alter kann das ein Schulvor- oder nachmittag sein. Die einzige Bedingung: Das Projekt soll im Kontext der Bildung für nachhaltige Entwicklung stehen. Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen geben hierbei Orientierung. Lehrkräfte treten in die Rolle von Lernbegleiter:innen. Sie geben keine Aufgaben vor, sondern unterstützen die Kinder und Jugendlichen durch Fragen, Feedback und methodische Impulse bei der Umsetzung ihrer Projekte und schaffen zugleich einen verbindlichen Rahmen.

Ein möglicher Ablauf beginnt mit einer gemeinsamen Phase, in der Tagesziele formuliert oder Projektstände transparent gemacht werden; auch kurze Inputs durch Lehrkräfte oder externe Expert:innen sind denkbar. Anschließend arbeiten die Schüler:innen in selbst gewählten Gruppen an ihren Projekten. Eine Gruppe richtet vielleicht eine Schulbibliothek ein, eine andere entwickelt Ideen zur Müllvermeidung in der Gemeinde, wieder andere nähen nachhaltige Kleidung oder programmieren eine App zur Aufklärung über Umweltverschmutzung.

Die Projekte entstehen aus den Ideen der Kinder. Von der Planung bis zur Umsetzung liegt die Verantwortung bei ihnen. Häufig müssen sie dafür Gelder einwerben oder externe Unterstützung organisieren. Dabei erfahren die Schüler:innen Selbstwirksamkeit und erleben, dass auch Scheitern Teil des Lernprozesses ist. Die Lernbegleiter:innen schützen sie nicht davor. Zweifel an der Umsetzbarkeit dürfen geäußert werden, die Entscheidung über das weitere Vorgehen liegt jedoch bei der Gruppe.

Für Lehrkräfte ist der Frei Day herausfordernd. Er verlangt, Kontrolle abzugeben und darauf zu vertrauen, dass Schüler:innen ins Tun kommen. In diesem Sinne ist das Lernformat nicht nur eine Willensschulung für die Kinder, sondern ebenso für die Erwachsenen. Gleichzeitig besteht die Sorge vor Überforderung der Lehrer:innen. Denn der Frei Day bedeutet keineswegs, dass keine Vorbereitung mehr nötig wäre. Die Rolle der Lernbegleitung ist vielmehr eine andere: Es geht nicht darum, Expert:in für alle Themen zu sein, sondern darum, Lernprozesse zu begleiten.

Diese Form der Begleitung erfordert methodische Kompetenzen, die nicht bei allen Lehrkräften selbstverständlich vorhanden sind. Besonders die Frage nach angemessenen Formen von Feedback gewinnt an Bedeutung. Der Frei Day ist bewusst benotungsfrei – ein Ansatz, der den Waldorfschulen sehr entgegenkommt. Rückmeldungen, Reflexionen und gemeinsame Auswertungen sind jedoch umso zentraler. Den Raum zu halten, ohne inhaltlich steuernd einzugreifen, verlangt gerade in der Anfangsphase oft mehr Kraft als der vertraute, lehrkraftzentrierte Unterricht. Der Frei Day fordert damit nicht nur neue Strukturen, sondern vor allem einen inneren Haltungswandel.

Austausch und Inspiration
 

Schule im Aufbruch hat hierfür ein breites Unterstützungsangebot aufgebaut: Online-Fortbildungen, vielfältige Materialien sowie regionale Netzwerktreffen – online wie in Präsenz – ermöglichen Austausch und gegenseitige Inspiration. Grundsätzlich kann der Frei Day in allen Klassenstufen umgesetzt werden. Während ältere Schüler:innen deutlich autonomer arbeiten, benötigen jüngere Kinder mehr Begleitung. Entsprechend wächst die Komplexität der Projekte. So berichten Grundschulen von Schüler:innen, die Gedichte auswendig lernen und in Pflegeheimen vortragen oder Selbstgebasteltes für einen guten Zweck verkaufen. In den höheren Klassen entstehen nicht selten ganze Schüler:innenfirmen.

Unabhängig von der Jahrgangsstufe verfolgt der Frei Day stets dieselben Ziele: Kinder und Jugendliche sollen Selbstwirksamkeit erfahren und sich als Gestalter:innen der Welt erleben. Sie bleiben neugierig, lernen mit Freude und erwerben Kompetenzen, die für die Zukunft zentral sind. Neben Kooperationsfähigkeit, kreativem und lösungsorientiertem Denken kommen grundlegende Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen nicht zu kurz. Wie es auch an Waldorfschulen üblich ist, lernen die Schüler:innen vor allem durch ihr eigenes Tun.

Viele Menschen, die erstmals vom Frei Day erfahren, sind schnell überzeugt. Zugleich zeigt sich bei der Einführung immer wieder eine zentrale Herausforderung: das Einräumen der notwendigen vier Schulstunden. Welche Fächer treten dafür zurück? Sind die Lehrpläne nicht ohnehin dicht gefüllt? Und lassen sich Schüler:innen unter diesen Bedingungen noch gut auf Abschlussprüfungen vorbereiten? Diese Fragen sind nachvollziehbar – und machen zugleich deutlich, wie sehr es eines grundlegenden Haltungswandels an Schulen bedarf.

Bisher keine Waldorfschule dabei


Gründerin von Schule im Aufbruch ist die ehemalige Schulleiterin und Bildungsrevolutionärin Margret Rasfeld. Sie hat auch mit der Bundesschüler:innenvertretung der Waldorfschulen über den Frei Day gesprochen. Die Schüler:innen zeigten sich von der Idee begeistert, äußerten jedoch Zweifel an einer Umsetzung an ihren Schulen. Das war im Jahr 2023 – und bislang haben sie leider Recht behalten. Zwar setzen laut Schule im Aufbruch derzeit bundesweit rund 245 Schulen den Frei Day um, eine Waldorfschule ist bisher aber nicht darunter.

Warum ist das so? Sicher spielen volle Lehrpläne und organisatorische Fragen eine Rolle. Gleichzeitig berührt dieses Lernformat grundlegende Aspekte pädagogischer Haltung und Rollenverteilung. Waldorfschulen verfolgen seit jeher das Ziel, junge Menschen zu selbstständigem Denken, Verantwortungsübernahme und Gestaltungsfähigkeit zu befähigen. Der Frei Day knüpft hier unmittelbar an, indem er Lernen als sinnstiftenden, gemeinschaftlichen Prozess erlebbar macht.

Vielleicht liegt genau hierin eine Chance: den Frei Day nicht als zusätzliches Element zu betrachten, sondern als Impuls zur Weiterentwicklung schulischer Praxis. Er lädt dazu ein, Verantwortung, Mitgestaltung und Vertrauen im Schulalltag neu zu denken – im Sinne einer Bildung, die junge Menschen befähigt, die Welt aktiv mitzugestalten. 

frei-day.org
schule-im-aufbruch.de

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