Ausgabe 12/25

Unterricht oder Lebenspraxis

Erdmann Hübner

Rituale und Gewohnheiten wie der Morgenspruch prägen den Unterricht an der Waldorfschule.

»Religion ist keine Frage von «Glaube» an Übersinnliches, sondern tätige Alltagspraxis.«


In einer Alltagswelt, in der für die meisten Kinder Religion nicht mehr erlebbar wird, werden wir den Kindern allein mit zwei wöchentlichen Religionsstunden keine sinnvolle religiöse Erziehung zuteilwerden lassen. Im Gegenteil ist zu befürchten, dass wir damit das Gefühl verstärken, dass Religion mit dem realen Leben nichts zu tun hat, sondern nur eine unwesentliche Nebenbeschäftigung ist, ein Schulfach, in dem man sich vom ernsthaften und anstrengenden Lernen ein bisschen ausruhen und an schönen Erlebnissen und Geschichten erbauen kann. Deshalb müssen wir die tradierten Formen und Ziele nach ihrer Aktualität und Berechtigung in unserer Zeit befragen.

Bei der Gründung der Waldorfschule in Stuttgart war es Rudolf Steiners Anliegen, dass in dieser neuen Schule Wissenschaft, Kunst und Religion als gleichwertige Säulen der Pädagogik gepflegt werden.
Dass Wissenschaft in der Schule eine Rolle spielen soll, ist heute selbstverständlich. Auch ist allgemein anerkannt, dass künstlerisches Tun die Entwicklung und das Lernen fördert. Die Waldorfschulpädagogik geht noch weiter, indem sie die die Pädagogik selbst als Kunst gestaltet. Was bedeutet es aber, Religion in zeitgemäßer Weise in der Schule zu pflegen?

Komme ich heute mit Studierenden der Waldorfpädagogik, jungen Kolleg:innen oder Eltern auf Religion und Religiosität als Elemente und Ziele der Pädagogik zu sprechen, begegnet mir als erste Reaktion häufig vorsichtige Zurückhaltung oder offene Ablehnung. Meist wird Religion mit der Existenz und dem oft unguten Wirken der institutionalisierten Kirchen und Staatsreligionen in den vergangenen Jahrhunderten bis in die Gegenwart in Verbindung gebracht und als einengend, lebensfeindlich und unzeitgemäß angesehen. Im Gespräch wird dann deutlich, dass wir den Begriff Religion aus diesem Kontext lösen müssen, wenn wir seine Aktualität und Notwendigkeit für die menschliche Entwicklung verstehen wollen. Oft hilft dann im Gespräch, Religion aus dem Lateinischen mit religare zu übersetzen, was Wiederanbindung (an das Geistige) bedeutet. Auch wenn diese Wortherkunft etymologisch nicht gesichert ist, scheint sie doch inhaltlich weiterführend.

Das bedeutet, dass durch alles Unterrichten, durch alles Leben in der Schule spürbar sein soll, dass sich in den Erscheinungen und Tatsachen der sinnlichen Welt geistige Ideen und Zusammenhänge ausdrücken, dass die Kinder Ehrfurcht, Andacht und Staunen der Welt und ihren Bewohnern gegenüber entwickeln lernen. Dies in jeweils altersgerechter Weise zu leisten, ist die schwierige und schöne Aufgabe der Pädagog:innen.

Zaubern können
 

Etwa bis in das zehnte Lebensjahr hinein lebt das Kind im selbstverständlichen Einklang mit der umgebenden Welt. Wenn wir es nicht durch zu frühe Erklärungen und Zweckorientierungen daran hindern, bleibt es selbst Teil der sinnvollen Zusammenhänge. Die Ideenwelt ist so nah, dass es alles als möglich und richtig erlebt. Jedes gesund entwickelte Kind kann in dieser Altersstufe «Stroh zu Gold spinnen». Es kann im lebendigen Spiel Geistiges unmittelbar wirken lassen. Im Morgenkreis einer zweiten Klasse durfte jedes Kind reihum dem Geburtstagskind einen Glück-wunsch schenken. Der häufigste Wunsch war: «dass du zaubern kannst». Für die Kinder war dies ein selbstverständlicher Wunsch, dessen Erfüllbarkeit von niemandem infrage gestellt wurde. Es wäre ein Frevel, wenn nun ein kluger Erwachsener daherkäme und den Kindern erklären würde, dass in der Welt nur Naturgesetze wirksam sind, die nichts mit Zauberei zu tun haben. Die Kinder erleben das Wirken der Natur noch selbstverständlich als geistdurchdrungen. Die Pädagog:innen tun gut, sich ebenfalls in dieser selbstverständlichen Sicherheit der Geistesgegenwart zu üben und den Kindern durch sinnvolles Tätigsein und im Erzählen gesunde Bilder sinndurchdrungener Weltzusammenhänge vorzuleben.

Um das zehnte Lebensjahr herum wird der Blick der Kinder nüchterner. Bisherige Sicherheiten werden infrage gestellt. Und nicht nur die Welt wird geprüft, auch die Erwachsenen werden einer ernsten Prüfung unterzogen. Jetzt kommt es darauf an, nicht auf gewohnte Hierarchien zu pochen oder in intellektuelle Erklärungen zu verfallen, sondern die Welt und das Wirken der Menschen in ihrem Zusammenklang zum Erleben zu bringen. Wenn wir die sinnlichen Gegebenheiten anschauen, lassen wir immer leise die dahinterliegenden Ideen und Zusammenhänge gefühlsmäßig anklingen. Wir üben das Staunen, auch über vermeintlich Bekanntes. Und die Kinder sind bereit, zu Pädagog:innen aufzuschauen, die selbst die Welt staunend und hintergründig wahrzunehmen versuchen.

Im Klassenraum einer fünften Klasse flatterten in einem Schmetterlingskäfig schon einige Falter, die sich in den letzten Nächten aus den Puppen entfaltet hatten. Zwei Puppen hingen noch an der Wand. Gegen Ende des Unterrichtes entdeckte die Lehrerin, dass sich die eine Puppenhülle gerade öffnete. Sofort drängten sich alle Kinder um den Käfig. Still und andächtig schaute die vorher recht lebendige Klasse nun zu, wie die Puppenhülle sich öffnete und der Schmetterling herausdrängte, nach und nach seine zerknitterten Flügel entfaltete und sich flatternd zum ersten Mal aufschwang. Nebenbei ergab sich ein Gespräch zwischen einigen Kindern und der Klassenlehrerin über das Wunder der Verwandlung und auch das Risiko des Sterbens, welches damit verbunden ist. War das lebendiger Religionsunterricht?

Be-Geisterung wecken
 

Nach dem zwölften Lebensjahr entsteht bei den jungen Menschen dann ein starkes Bedürfnis, die Gesetzmäßigkeiten der Welt zu verstehen. Wenn es uns jetzt gelingt, die einzelnen Erscheinungen nicht nur mit theoretischen Erklärungen zu belegen, sondern Zusammenhänge erkennbar werden zu lassen, entwicklungsfähige Begriffe anzulegen und gleichzeitig latente Sinnfragen der Kinder und Jugendlichen zu berühren, können wir auch in dieser Altersstufe religiöse Erziehung fortsetzen, bis «im späteren Lebensalter, so gegen das siebzehnte bis achtzehnte Jahr hin, dasjenige, was seelisch gemütvoll als religiöse Empfindung zutage getreten ist, … dann geistig zutage tritt, … sich in den Willen ergießt, so dass der Mensch seine religiösen Ideale in dieser Zeit aufbaut.» So formulierte es einst Rudolf Steiner. Die Erwachsenen müssen dabei selbst als idealistisch Forschende und als Menschen mit eigener Biografie sichtbar werden.

Machen wir uns klar, wie viele religiöse Elemente in allem Unterricht gepflegt werden, wenn wir die Waldorfschulmethodik ernst nehmen. Wir pflegen Gewohnheiten und Rituale, zum Beispiel im täglichen Morgenspruch und den jährlich wiederkehrenden Feiern zu den Jahresfesten. Wir bemühen uns, die Unterrichtsinhalte an geistige Urbilder, an die Ideenwelt anzubinden. Wir streben an, in den Kindern Staunen, Interesse und Be-Geisterung für die Erscheinungen der Welt zu wecken und einen gesunden Willen zu sinnvollem Tun. Wir integrieren bewusst die Pflege des Religiösen in jeden Unterricht im Sinne der drei Ehrfurchten aus Goethes Wilhelm Meister: «Die Ehrfurcht vor dem, was über uns ist, vor dem, was uns gleich ist, und vor dem, was unter uns ist.» Außerdem pflegen wir das Staunen an den Weltideen, am Sozialen, an den Mitmenschen und an den Erscheinungen der Welt. Religion ist keine Frage von «Glaube» an Übersinnliches, sondern tätige Alltagspraxis. Damit könnte sich bis zum zwölften Lebensjahr ein Religionsunterricht als abgetrenntes Fach erübrigen oder würde im besten Falle zur wöchentlichen «Feierstunde», in der alltäglich Geübtes und Gewohntes gesteigert wird.

Erkenntnis und Kenntnis suchen
 

Ab der siebten Klasse sollte es für alle Schüler:innen verbindlich ein Fach geben, das zum Beispiel Religions- und Lebenskunde heißen könnte und in dem die Weltreligionen und aktuelle Lebensfragen besprochen werden, soweit diese nicht in anderen Unterrichten ihren Platz finden. Jetzt wollen das irdische und das geistige Leben des Menschen und die religiöse Menschheitsgeschichte verstehend durchdrungen werden. So schaffen wir Offenheit und Verständnis für unterschiedliche soziale und religiöse Strömungen in der Welt und Orientierung bei der Suche nach eigenen weltanschaulichen Wegen.

Wenn Waldorfschulunterricht in dieser Weise geistdurchdrungen wäre und die Pädagog:innen aller Bereiche sich als idealistisch forschende und staunend übende Gemeinschaft verstehen würden, wäre aller Unterricht nicht nur Wissenschaft und Kunst, sondern auch Religion.

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