Haltung und Urteilskraft finden, das ist die Aufgabe im Unterricht der Oberstufe in der Waldorfschule, sagt unsere Autorin.
Zitat: «Die Oberstufe der Waldorfschule hat mehr denn je die Aufgabe, jungen Menschen deutlich zu machen: Du bist ein handelnder Mensch. Du kannst zum Gestalter deiner Welt werden – wenn du lernst, deine Urteilskraft zu gebrauchen.«
Rosa beschreibt, wie in einer zunehmend durchoptimierten Welt der Spielraum für echtes menschliches Urteilen und Handeln immer enger wird. Als ich neulich hörte, dass Oberstufenschüler:innen im Unterricht den Einsatz von Künstlicher Intelligenz einforderten – weil es Themen gäbe, die sie mit deren Hilfe einfach besser verstehen würden –, hat mich das zunächst nachdenklich gestimmt. Bemerkenswert war aber nicht die Forderung selbst, sondern das, was dieselben Schüler:innen gleichzeitig betonten: wie wichtig ihnen die Lehrkraft sei. Sie wollten schließlich nicht mit einer Maschine in Beziehung treten. Sie brauchten Menschen – Menschen, an denen sie sich orientieren, aber auch reiben können.
Diese scheinbar widersprüchliche Aussage bringt etwas auf den Punkt, das mir als zentrales pädagogisches Thema unserer Zeit erscheint: die Frage nach der Urteilskraft.
Eine Kompetenz, die leise verschwindet
In einer zunehmend digitalisierten und automatisierten Welt übernehmen Maschinen immer mehr Entscheidungen, die wir früher selbst getroffen haben. Das Auto sagt uns, wann wir müde sind und eine Pause einlegen sollten. Kinder, die mit Lego spielen, folgen Schritt für Schritt einer Anleitung – jedes Teil hat seinen vorgesehenen Platz, nichts bleibt der eigenen Entscheidung überlassen. Wenn das Essen mit dem Thermomix nicht gelingt, war das Rezept schlecht – nicht der Koch, nicht die Köchin.
Was dabei verloren geht, ist das, was Rosa als etwas beschreibt, das sich nicht durch das Studium von Regeln und Vorgaben entwickelt, sondern nur durch praktische Erfahrung und wiederholtes Handeln. Gemeint sind Augenmaß und Fingerspitzengefühl – eben: Urteilskraft.
Warum Urteilskraft unbequem ist
Urteilskraft ist keine Kompetenz, die man ein für alle Mal erwirbt. Das Unangenehme an ihr ist, dass man sie stets hinterfragen kann und sollte. Das ist anstrengend. Zudem geht Urteilskraft, wie Rosa feststellt, stets mit einer gewissen «Ungleichbehandlung» einher: Jeder Mensch beurteilt eine Situation anders. Die eine Lehrkraft drückt bei fehlenden Hausaufgaben ein Auge zu, die andere vermerkt es direkt negativ. Urteilskraft ist immer eng mit dem Subjekt verbunden – mit dessen Persönlichkeit, Haltung, Erfahrungen und manchmal sogar der Tageslaune. Wer sich hingegen an klare Anweisungen hält, handelt sich weniger Diskussion ein. Und man kann das eigene Gewissen erleichtern, indem man Verantwortung abgibt: «Das Vorgehen wurde im Klassenkollegium so definiert. Ich kann da nichts dafür.» Das hat durchaus seine Berechtigung – gemeinsam vereinbarte Regeln geben Schüler:innen psychologische Sicherheit und das Gefühl von Gerechtigkeit. Aber sie nehmen der Lehrkraft auch den Spielraum, auf besondere Umstände einzugehen, auf die Einzelnen zu schauen – auch dann, wenn das der Mehrheitsmeinung der Klasse widerspricht.
Nur Menschen können Möglichkeitsspielräume öffnen
Urteilskraft ist heute so wichtig, denn Vollziehen und Anwenden können Computer und Roboter effizienter und genauer als wir Menschen. Was menschliches Handeln auszeichnet, ist Kreativität – die Fähigkeit, Deutungs- und Möglichkeitsspielräume zu nutzen, die außerhalb berechenbarer Algorithmen liegen. Eine Künstliche Intelligenz kann keinen echten Urteilsakt vollziehen. Sie optimiert, berechnet, schlägt vor. Aber sie wägt nicht ab zwischen dem, was regelkonform ist, und dem, was in diesem Moment, für diesen Menschen, richtig ist. Genau das ist es, was junge Menschen lernen müssen – und was ihnen niemand abnehmen kann.
Loslassen als pädagogische Haltung
Für mich als Lehrkraft bedeutet das konkret: Ich muss den Mut haben, meine Schüler:innen immer wieder loszulassen – in die Unsicherheit, ins Ausprobieren, ins Scheitern. Nur wer eigene Erfahrungen macht, entwickelt Urteilskraft. Und auch wenn mein eigenes Urteil Schüler:innen manchmal enttäuscht, so hoffe ich, dass gerade diese Enttäuschung ihre Urteilsfähigkeit schult.
Selbstorganisiertes Lernen bedeutet nicht, Schüler:innen auf sich allein gestellt zu lassen. Es bedeutet das Gegenteil: mit ihnen in echter Beziehung zu sein – ihnen ein Gegenüber zu sein, an dem sie sich sowohl orientieren als auch reiben können. Wie viel Orientierung jemand braucht, wie viel jemand sich traut, in Freiheit auszuprobieren – das ist sehr individuell. Hier ist das Augenmaß der Lehrkraft gefragt, ihre Urteilskraft.
Rosa beschreibt diesen wechselseitigen Prozess treffend: Menschliche Urteilskraft sei Ergebnis eines biografischen Lernprozesses, dessen Voraussetzung sei, dass Menschen einander als Akteur:innen begegnen, die sich den Einsatz von Urteilskraft gegenseitig zumuten – indem sie voneinander verlangen, Urteilskraft walten zu lassen, und einander zutrauen, sie angemessen und gerecht einzusetzen.
Die Oberstufe als Ort der Menschwerdung
Die Oberstufe der Waldorfschule hat mehr denn je die Aufgabe, jungen Menschen deutlich zu machen: Du bist ein handelnder Mensch. Du kannst zum Gestalter deiner Welt werden – wenn du lernst, deine Urteilskraft zu gebrauchen. Diese Perspektive sollte Mut machen. In einer Zeit, in der junge Menschen sich immer öfter fragen, wozu sie bestimmte Dinge noch selbst tun sollen, wenn Künstliche Intelligenz es schneller und fehlerfreier kann, brauchen sie Orte und Begegnungen, die ihnen zeigen: Das Urteil, das du fällst, das Abwägen, das Zweifeln, das Entscheiden – das ist genau das, was dich als Menschen ausmacht. Und das kann dir keine Maschine abnehmen. Daran erinnert uns Rosas Buch – und daran erinnert uns täglich unsere Arbeit in der Oberstufe.
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