Jugendliche sind sich selbst fremd und gespannt darauf, die Persönlichkeit ihrer Eltern und anderer Personen zu erforschen. Bild einer ehemaligen Schülerin der Freien Waldorfschule Hannover-Bothfeld.
Neulich erwarteten wir Gäste mit Kindern im Pubertätsalter. Wir überlegten im Vorfeld, was wir zu bieten hätten außer schmackhaftem Essen. Unser Spieleschrank ist von früher noch gut bestückt, im Garten kann man Federball und Tischtennis spielen, in der Nähe gibt es einen Bolzplatz. Die Familie kam, wir aßen zusammen, zeigten die Zimmer für die Übernachtung, und schon waren die jungen Leute verschwunden. Ihren mobilen Endgeräten galt ihr Hauptinteresse. Am nächsten Morgen zogen sie sich nach dem Frühstück zurück, nur zur Verabschiedung sahen wir sie noch kurz.
Einerseits konnten wir Erwachsenen uns in Ruhe unseren eigenen Themen widmen, andererseits blieben Begegnung und Austausch mit den Jugendlichen fast gänzlich aus, was sehr schade war. Sie waren übrigens sehr höflich bei der Ankunft, hilfsbereit beim Abdecken des Tisches, agierten lautlos und fast unsichtbar. Auch im Alltag gab es nach Aussage der Eltern in ihrer Familie keine Dramen und Dispute, kaum Provokationen, aber auch wenig gemeinsam verbrachte Zeit.
Dieses Erlebnis warf in unserer Familie Fragen auf: Was konsumieren die Kinder in den vielen Stunden, die sie regungslos am Bildschirm verbringen? Fehlen ihnen nicht körperliche Aktivität und Interaktion mit anderen? Woran liegt es, dass sich Eltern oft weder aus Neugier noch zu Kontrollzwecken einmischen, die Medienzeit nicht eingegrenzt und auf ein familiäres Zusammensein verzichtet wird?
Für beide Seiten ist es bequem, wenn es wenig Anlass für Reibereien gibt. Aber durch Reibereien entsteht Wärme, wenn man Feuer und Flamme für etwas ist und sich die Köpfe heiß redet, mit hochkochenden Emotionen und gar nicht cool. Gerade während der Pubertät sollten doch im Gespräch viele unterschiedliche Themen bewegt werden, alltägliche und lustige, ernste und schwierige, damit die Jugendlichen erfahren, dass auch die Erwachsenen um Lösungen ringen, nicht immer einer Meinung sind, Fragen unbeantwortet bleiben. Idealerweise hört man einander zu, nimmt sich gegenseitig ernst, vertritt seine Ansichten und ist offen für die des anderen, ohne unbedingt Recht haben zu wollen.
Es ist unbestritten, dass Jugendliche ernst genommen werden wollen, auch wenn sie sich wie magnetisch angezogen vor die Bildschirme begeben. Sie sind sich selbst fremd und gespannt darauf, die Persönlichkeit ihrer Eltern und anderer Personen zu erforschen und dabei Vergleiche anzustellen, um sich neu zu orientieren. Dabei erleben sie etliche Enttäuschungen über die Unzulänglichkeiten der Welt sowie die Ambivalenz, sich individuell frei entfalten und doch die Geborgenheit der Kindheit noch nicht loslassen zu wollen.
Pubertät beginnt immer früher
Der Begriff Pubertät bezeichnet die Reifezeit bis hin zur Fortpflanzungsfähigkeit. Biologisch fällt der Startschuss, wenn durch das Pubertätsgen Kiss1 über Hypothalamus und Hirnanhangsdrüse in mehreren Schritten Signale an Eierstöcke beziehungsweise Hoden gesendet werden, damit diese Geschlechtshormone synthetisieren und in die Blutbahn ausschütten. Die hormonellen Vorgänge beginnen bereits im neunten oder zehnten Lebensjahr, also während des Rubikons, und lange bevor äußerlich Veränderungen sichtbar werden.
Seit den Siebzigern verfrüht sich der Pubertätsbeginn durch Wohlstand und Übergewicht pro Jahrzehnt um drei Monate, während der Coronazeit wegen Bewegungsmangels sogar noch stärker, auch das blaue Licht der Bildschirme spielt dabei eine Rolle durch eine verminderte Melatoninsekretion, ferner Chemikalien wie Bisphenol A.
Psychologisch gesehen entstehen in der Pubertät ständig neue Synapsen im Gehirn, andere verschwinden. Man geht davon aus, dass Stimmungsschwankungen und Impulsivität der Pubertierenden Folgen dieses Umbaus sind. Besonders betroffen davon ist das Frontalhirn als Sitz der Vernunft, zuständig für Handlungsplanung, Abwägen von Risiken, Interpretation und Regulation von Emotionen. Deutlich früher reifen die für Wahrnehmung, Bewegungskoordination und Sprache verantwortlichen Areale aus.
Hüllenlos und verletzlich
Anthroposophisch betrachtet geht es am Ende des zweiten Jahrsiebts, der Zeit zwischen Zahnwechsel und Pubertät, darum, dass sich das Seelen- und Gefühlsleben des jungen Menschen von seinen Eltern und dem sozialen Nahraum emanzipiert und individualisiert. Dieser Prozess ist vergleichbar mit der physischen Schwangerschaft und ebenso störanfällig. An seinem Ende ist der junge Mensch geschlechtsreif und körperlich weit entwickelt, seelisch aber wie ein Neugeborenes, das die schützende Hülle der Eltern verloren hat wie die Eihaut bei der Geburt. Es ist nackt und bloß, hüllenlos und verletzlich – einerseits.
Da sind andererseits aber auch Neugier und Aufbruchstimmung zu erkennen, die Launen wechseln wie oben beschrieben. Zuweilen überwiegen Unsicherheit und Zukunftsangst, dann wieder Rebellion und Abgrenzung, beide Pole können sich bis ins Pathologische steigern, was sich auch in einem verständnisvollen Umfeld nicht immer verhindern lässt. 18 Prozent der Teenager machen eine Identitätskrise durch, fünf Prozent werden psychisch krank. Gerade Depressionen haben zugenommen, sie sind oft schwer therapierbar, wiederkehrend und unterbrechen den Schulbesuch für Monate, mitunter Jahre.
Mit zunehmender Reife lassen sich verstandesmäßig Zusammenhänge zwischen dem erkennen, was zuvor als pure Sinneswahrnehmung in das Gedächtnis aufgenommen wurde, dem Begreifen folgen Begriffe, eigene Urteile und Meinungen. Rudolf Steiner vergleicht diese neue Qualität damit, dass man ein Samenkorn zunächst nur als solches wahrnimmt, später aber durch das Erlebte und Erlernte denkend erfasst, dass in diesem bereits die ganze Pflanze enthalten ist. Zum Training des selbstständigen Denkens und Steigern des Selbstwertgefühls sind Diskussionen und Dialoge gut geeignet.
Kinder vor dem Rubikon sind ganz Teil der Welt ihrer Bezugspersonen und ihrer Fantasie und generieren eine Fülle innerer Bilder. Aktivität und Sich-Einbringen fungieren als Brückenschlag nach dem schmerzlichen Erleben des Getrenntseins von Ich und Welt. Äußere Bilder brennen sich besonders tief ein, wenn sie starke Emotionen hervorrufen. Das ist im Unterricht nützlich, nicht jedoch in Bezug auf die viele Zeit, die Jugendliche mit PC-Spielen und Social Media verbringen und die ihnen für echte Erfahrungen verloren geht.
Unvoreingenommene Offenheit
Eltern und alle anderen, die mit Heranwachsenden zu tun haben, sollten mit ihnen im Gespräch bleiben über alles, was sie bewegt, auch wenn das Interesse der Erwachsenen an TikTok, Instagram oder Youtube möglicherweise gering ist. Auch alle anderen Themen, die junge Menschen bewegen, benötigen Resonanz. Mode und Musik zum Beispiel – auch wenn wir ihren Geschmack nicht teilen – Ernährungsformen wie Veganismus, Körper und Sexualität, Werte, Ziele und vieles mehr. Resonanz bedeutet, in Beziehung zu gehen mit unvoreingenommener Akzeptanz und Offenheit. Jugendliche, die den Eindruck haben, dass keiner sie versteht, fühlen sich einsam und suchen erst recht im virtuellen Raum nach Gleichgesinnten und deren Anerkennung. Die lauten Widerworte, das Geschrei und Türenknallen sind nicht mehr erforderlich, da Eltern weniger Grenzen setzen als es früher üblich war, die Rebellion verläuft still, fast unmerklich und im Netz.
Durch ihre mangelnde Fähigkeit, zwischen den eigenen egozentrischen Gedanken und Gefühlen und denen anderer Menschen zu unterscheiden, sehen sich die Jugendlichen fortwährend im Fokus ihrer Umgebung. Das betrifft ihre Handlungen, Gefühle, Gedanken, Probleme und auch ihr Aussehen, sodass alles peinlich ist. Sie erleben sich als anders, empfinden Weltschmerz, fühlen sich unverstanden und allein. Das andere Extrem ist die Selbstüberschätzung, die durch Mut, unbändige Energie und Omnipotenzgefühl gekennzeichnet ist. Beide psychischen Zustände haben mit Ablösung und der Suche nach dem ganz eigenen Weg zu tun. Was heute unerwünscht ist – Risikofreude, Angriffslust et cetera – und die Diagnose Störung des Sozialverhaltens nach sich ziehen kann, was vor vielen Generationen unverzichtbar für die Evolution war.
Auch den Wandel vom kindlichen zum erwachsenen Körper nehmen die Teenager so wahr, als sei er einzigartig und unvergleichlich. Über die körperlichen Vorgänge wie erste Menstruation und erster Samenerguss ist zwar bereits alles gesagt und nachzulesen, aber nicht über den eigenen Körper, die eigene Sexualität. Selbst- und Fremdwahrnehmung differieren, Scham und sexy Styling wechseln sich ab.
Von Jugendlichen genervte Erwachsene sollten sich immer wieder klar machen, dass die jungen Menschen selbst unter dem inneren und äußeren Chaos leiden. Wir alle waren einmal pubertär, und es ist im Umgang mit Pubertierenden hilfreich, sich an die eigenen Wechselbäder der Gefühle zu erinnern und davon zu erzählen, anstatt ihr Verhalten zu belächeln oder zu ignorieren. Interviews mit mehreren 20- bis 70-Jährigen zum Erleben ihrer Pubertät ergaben, dass die Kernpunkte offensichtlich universell und zeitgeistunabhängig sind: Freund:innen, Familie, Eltern, Verliebtheit, ferner Zukunft, Ideale, Neugier, dann Identitätsfindung, Selbstzweifel, außerdem das ganze Spektrum der Emotionen sowie der eigene Körper und die erste Sexualität. Stimmungswechsel, Ambivalenzen und Unsicherheiten – alle genannten Nöte ähneln sich, auch wenn die Themen sich je nach Alter unterscheiden.
Daraus ist abzuleiten, dass Eltern oder Lehrkräfte Stabilität, Fürsorge und Schutz bieten müssen, bis der junge Mensch weiß, welche Talente und Neigungen er mitgebracht hat und was er daraus machen will. Um das aus selbst gesammelten Erfahrungen zu erkennen, sind tiefe Erlebnisse und Herausforderungen in der analogen Welt nötig. Dafür braucht es Möglichkeiten, die eigenen körperlichen Grenzen kennenzulernen und im Sinne von Initiation zu überschreiten, scheitern zu dürfen und an Widerständen zu wachsen. Da alles Gewohnte nicht mehr trägt – die Gefühle, die Wahrnehmung der Welt, die Beziehungen zu den Mitmenschen – muss der Teenager auf dem neuen Terrain laufen lernen wie ein Kleinkind. Eltern sollten wie damals ermuntern und bei Stürzen wieder aufhelfen. Die Jugendlichen sind die neue Generation, die unsere Welt künftig gestaltet. Die vielgenannte Jugend von heute ist wertvoll und wird gebraucht, und sie braucht auch uns – noch. Sie benötigt Liebe und Verständnis, auch wenn sie es uns mitunter schwer macht, diese aufzubringen. Beim nächsten Besuch der Familie wollen wir die jungen Gäste jedenfalls aktiv ins Gespräch einbeziehen, uns danach erkundigen, was sie am Handy spielen und anschauen, uns interessierter zeigen an dem, was sie aktuell bewegt. Und darüber hinaus eine gemeinsame Bootstour vorschlagen, den Besuch eines Kletterparks oder einer Skaterhalle inklusive gemeinsam zubereitetem Picknick.
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