Ausgabe 09/25

Vermittler zwischen Nachfrage und Angebot

Katrin Kühne
Von links: Holger und Leonard Lauterbach 2019 auf der Waldorf-100-Tagung in Bangkok.


«Die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen – das war irgendwie immer schon mein Thema», erzählt Holger Lauterbach. Der heute 70-Jährige blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Durch das zieht sich wie ein roter Faden sein Händchen für Vertriebstätigkeiten. Schon als Jugendlicher fungierte er als Mittler zwischen Nachfrage und Angebot in seinem Freundes- und Bekanntenkreis. «Der eine suchte beispielsweise ein Tonbandgerät und ich wusste, dass ein anderer eines übrig hatte», erinnert sich Lauterbach. «Oder eine Freundin fragte mich nach einem Ferienjob und ich wusste, du musst mal da anrufen.» Jahrzehnte später ist dieses Talent zum Vernetzen und Verbinden wirtschaftlicher Interessen vielen gemeinnützigen Einrichtungen und insbesondere Waldorfschulen und -kindergärten auf der ganzen Welt zugutegekommen. Mit der EIKA hat Lauterbach ein Unternehmen am Markt etabliert, welches dem von Rudolf Steiner formulierten Prinzip der Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben folgt.

Schicksalsschlag und eigene Wege
 

Als ältestes von drei Geschwistern wurde Lauterbach am 23. Mai 1955 im nordrhein-westfälischen Hagen geboren. Nach einer bis dahin behüteten Kindheit saß er als Elfjähriger mit seinem Vater im Auto, als ein schwerer Unfall passierte. Er überlebte knapp, sein Vater jedoch nicht. Dieser Tod markierte für die Familie einen radikalen Einschnitt. «Von nun an ging es nur noch um materielle Sicherung und Neuordnung der Lebensverhältnisse», beschreibt er die Situation nach dem Verlust des Vaters. Ein Sommeraufenthalt in Loheland in der Rhön half ihm, wieder Fuß im Leben zu fassen. Fünf Wochen verbrachte er als 13-Jähriger in der Natur und in der harmonischen Gemeinschaft des anthroposophischen Dorfes. Lauterbach erinnert sich an einen Moment aus dieser Zeit, in dem er nach einem erfüllten Tag vom Volkstanz in sein Zimmer zurückkam und zu sich selbst sagen konnte: «Ach, wie schön ist doch die Welt!» Inmitten der Tragik der familiären Ereignisse war Loheland ein Lichtblick für den Jugendlichen. Diesem erhebenden Aufenthalt folgten fünf Jahre auf zwei «konventionellen» Internaten, wie Lauterbach etwas ernüchternd beschreibt. Der Besuch einer Waldorfschule hatte sich trotz familiärer Kontakte im anthroposophischen Umfeld nicht ergeben.

Seinen wirtschaftlichen Fähigkeiten folgend, studierte er nach dem Abitur Betriebswirtschaftslehre in Bielefeld, obwohl ein klassisch betriebswirtschaftlicher Arbeitsplatz für ihn schon damals ausgeschlossen schien. Lauterbach empfand sich als Freigeist, hatte einen großen Freundeskreis und bereiste mehrmals den asiatischen Kontinent. Auch die Reisen verband er mit dem Handel. So brachte er als 18-Jähriger von einem Thailand-Aufenthalt dort eingekauftes Kunstgewerbe mit nach Hause, welches er wiederum an deutsche Einzelhändler:innen verkaufte. «Als ich die Sachen in Thailand sah, dachte ich sofort daran, dass die auch für andere Menschen in Deutschland von Interesse sein könnten», so Lauterbach. Einige Jahre später vertrieb er nach einer gemeinsamen Reise mit zwei Kommilitonen deren selbst verfasstes Globetrotter-Handbuch Sri Lanka – Malediven. Hierfür gründete Lauterbach einen kleinen Verlag, über den er innerhalb von zwei Jahren 20.000 Bücher verkaufte.

Suche nach Gemeinschaft
 

Im Laufe seiner Studienzeit stellte sich für ihn die Frage, ob er überhaupt ein Abschlussdiplom brauchte. Das Leben bot ihm viele Gelegenheiten, seine Fähigkeiten gewinnbringend anzuwenden, die er auch beherzt ergriff. Auf der Suche nach Spiritualität und einer alternativen Arbeits- und Lebensweise gelangte Lauterbach über Stationen in Auroville im Süden Indiens und mehreren Landkommunen in den USA ins schottische Findhorn. Das 1962 gegründete Dorf Findhorn ist eine spirituelle Gemeinschaft und inspiriert Menschen weltweit mit seiner spirituellen, ökologischen und gemeinschaftlichen Lebensweise. Für Lauterbach war der Aufenthalt in Findhorn eine Offenbarung. «Nach zwei Wochen dort hatte ich eine Eingebung: Du beendest sofort dein Studium und machst dann Zivildienst in einer anthroposophischen Einrichtung am Bodensee.»

Mit dieser doch recht konkreten Anweisung an der Hand fand sich Lauterbach sechs Monate später – allerdings doch mit dem Abschlussdiplom nach dem Studium – in der Freien Waldorfschule in Überlingen am Bodensee wieder. «Hier fand ich viele Parallelen zu bereits Bekanntem», erzählt er. «Erinnerungen an die Steiner-Zitate im Kriegstagebuch meines Vaters, die Spielzeuge und Bücher meiner Kindheit, die Affinität meines Großonkels Hugo Kükelhaus zur Waldorfpädagogik und meine herzberührende Zeit in Loheland.» Zwar war ihm das anthroposophische Weltbild in den Grundzügen bereits vertraut, die Waldorfpädagogik selbst jedoch nicht. Als Zivi arbeitete er vormittags im Kindergarten und erlebte dort die Ausrichtung auf die ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung. «Mich faszinierte auch die Aufbruchstimmung und das Erleben von Gemeinschaft in der damaligen Zeit des Schulaufbaus und der Gestaltung dieses wundervollen Gebäudes», erinnert er sich. An der Schule lernte der mittlerweile 25-Jährige auch seine spätere Frau kennen, die als Absolventin der Alanus Hochschule zu der Zeit die Wände des Gebäudes gestaltete. Nach langer Suche hatte er nun endlich das Gefühl, «zu Hause angekommen zu sein». So stand sein Entschluss schnell fest: Er wollte seine Fähigkeiten in diese Gemeinschaft einbringen.

Ein Preis für alle
 

1982 zog Lauterbach mit seiner Frau und dem neugeborenen Sohn zurück in seine Heimatstadt Hagen, wo er bei der Gründung der dortigen Waldorfschule mitwirkte. Über sieben Jahre lang war er dann dort Geschäftsführer und kümmerte sich mit großem Enthusiasmus um die Ausstattung der Schule. «Nach einiger Zeit gründete ich eine kleine Firma, die den Einkauf der Schule übernahm und 1:1 die besseren Händlereinkaufskonditionen an die Schule weitergab», erzählt er. Davon profitierten bald auch die umliegenden Waldorfschulen, womit in Lauterbach die Idee reifte, eine große Einkaufsgenossenschaft im Bund der Freien Waldorfschulen zu etablieren. Seine Vision ließ sich jedoch nicht so ohne Weiteres im Bund – damals bestehend aus 145 Waldorfschulen – umsetzen. Die Etablierung einer solch genossenschaftlichen Struktur hätte womöglich zu viel Zeit in Anspruch genommen, so Lauterbachs Überlegung. Als Tatenmensch gründete er daher im September 1989 kurzerhand die EIKA Einkaufsgesellschaft für gemeinnützige Einrichtungen mbH mit Sitz im Hof Kotthausen in Wuppertal. So folgerichtig dieser Entschluss für ihn auch war, blieb für Lauterbach doch ein Wermutstropfen zurück: «Damit war ich für die ehemaligen Kolleg:innen nicht mehr der Kollege, der sich für sie und mit ihnen um den Einkauf kümmerte, sondern einfach ein Verkäufer, der den Schulen ein Angebot macht.»

In den ersten Jahren kamen die Schulen mit all ihren Einkaufsfragen zur EIKA. Gefragt waren Schulmöbel genauso wie Kühlschränke oder Großküchen. Als Geschäftsführer kümmerte sich Lauterbach mit viel Freude auch um spezielle Wünsche seiner Kund:innen. Mit der Verbreitung des Internets wurden die Märkte offener, sodass sich das Geschäft der EIKA zunehmend auf den Verkauf gängiger Verbrauchsgüter wie Stifte, Instrumente und Möbel konzentrierte. 2002 eröffnete Lauterbach den Web-Shop www.waldorfsupplies.org, mit dem er Waldorfeinrichtungen weltweit unter dem Slogan One world, one price ansprach. Hierüber verkauft die EIKA bis heute alle Produkte zum selben Nettopreis wie in Deutschland und sorgt mit dieser Strategie in vielen Ländern für allgemein günstigere Preise im Bereich Schulbedarf. «Ausländische Waldorfeinrichtungen sind finanziell oftmals in prekären Situationen, die Gehälter der Lehrer:innen und Mitarbeitenden sind niedrig und auch die Elternschaft könnte eine Entlastung vertragen», beschreibt Lauterbach die Lage. Sein Wunsch ist es deshalb, dass die Einsparungen beim Einkauf von Unterrichtsmaterialien wieder in den Schulorganismus zurückfließen. Als Mittler zwischen Nachfrage und Angebot sorgt er dabei für günstige Bedingungen. Viele Waldorflehrer:innen hierzulande kennen Holger und Lucia Lauterbach außerdem durch ihre Projekte in der Oberlausitz, wo sie das Parkstadthotel betreiben und über zwölf Jahre das Schloss Niederspree als Schullandheim geleitet haben. 

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