Ausgabe 04/26

Vertrauen in den offenen Prozess

Heidi Käfer

Bild oben: Dreharbeiten im Wohnzimmer.
Bild links: Dreharbeiten an der Waldorfschule Neuwied.

The Concertmaster ist als Kino-on-Demand verfügbar: kino-on-demand.com/movies/the-concertmaster


Alles begann bei der Geburtstagsfeier des Komponisten und Trompeters Markus Stockhausen im Mai 2017. Der Instrumentallehrer Winfried Vögele, der am Landesmusikgymnasium Montabaur in Rheinland-Pfalz arbeitet, war mit seiner Frau Silvia, Eurythmistin an der Waldorfschule Neuwied, eingeladen. «Der Musiker Dinesh Mishra kam dort auf mich zu – er ist ein fantastischer Bansuri-Spieler. Er fragte, ob wir zusammen ein Orchester-Chor-Projekt machen könnten. Denn er habe viele Ideen, könne aber keine Noten schreiben.» Also trafen sich die beiden daraufhin für mehrere Wochenenden zum Komponieren. Mishra gab Vögele teilweise nur eine Basslinie vor, zu der dieser dann etwas orchestrierte. Und er hatte eine Idee: «Wenn du zurück nach Indien gehst, nimm die Musiksequenzen als Hörfassung mit und schau, ob dir eine verbindende Geschichte dazu einfällt.» In Indien zeigte Mishra die Musik seinem Freund und Filmemacher Manoj Maurya. Maurya war begeistert von der Musik und der Überzeugung, dass daraus noch mehr entstehen müsse als nur ein Konzert. Also fing er an, eine Geschichte zu entwickeln.

Entstanden ist die Geschichte von Emma und Walter. Emma ist eine ambitionierte Geigerin im Schulorchester. Für das Weihnachtskonzert bekommt sie eine Chance, die sie sich seit Langem wünscht – sie wird zur Konzertmeisterin ernannt und darf die anspruchsvollen Solopassagen spielen. Jedoch platzt dieser Traum schnell – Emma bricht sich kurz vor dem Konzert ihren Arm und kann nicht mehr Geige spielen. In seiner Not wendet sich der Dirigent Frank Schubert, gespielt von Winfried Vögele, an den jungen, etwas kauzigen Blumenverkäufer Walter, dessen außergewöhnliches Geigenspiel er zufällig entdeckt hat. Nur gibt es da ein Problem: Walter hat große Schwierigkeiten, nach Noten zu spielen ...

Die Besetzung
 

Besetzt wurden die Rollen überwiegend von Schüler:innen und anderen Laien aus den beteiligten Schulgemeinschaften. Bis auf eine Ausnahme: Theodor, der blinde Florist, wird gespielt vom Theaterschauspieler Alexander Pluquett aus Berlin. Der bereitete sich auf besondere Weise auf seine Rolle vor: «Ich habe eine blinde Frau mehrere Tage in ihrem Alltag begleitet. Ich bin mit ihr spazieren gegangen und habe immer mehr die Augen geschlossen. Ich habe gelernt, nur mit den Ohren auf die Umwelt zu achten und mich nur durch das haptische Feedback des Blindenstocks zu orientieren», so Pluquett. Theodor ist eine wichtige Figur im Film, ein Mentor, der auf besondere Weise durch die Welt geht. Von allen Charakteren ist Theodor wohl der gelassenste und womöglich offenste. Er nutzt verschiedene Sinne und gibt der Welt Farbe, obwohl er selbst keine Farben sehen kann. Er gibt auch seinem Mitarbeiter Walter innere Kraft. Walter ist ein herausragender Geiger, aber durch ein Kindheitstrauma blockiert. Theodor ermutigt ihn und sagt: «Du kannst in die Welt gehen, dich ausdrücken, Konzertmeister werden.»

Die jugendlichen Hauptrollen wurden nach einem umfangreichen Casting besetzt. «Meine Hoffnung war, dass die Schüler:innen des Musikgymnasiums die Hauptrollen übernehmen, weil sie gut Geige spielen können. Aber die Waldorfschüler:innen waren durchweg besser im Schauspielerischen. Jana Weyer, die die Protagonistin Emma spielt, konnte zum Beispiel fast auf Knopfdruck weinen – nach ein paar Sekunden kullerten ihr die Tränen über das Gesicht», so der Musiklehrer Vögele beeindruckt.

Die große Herausforderung war also, die Waldorfschüler:innen so vorzubereiten, dass es im Film überzeugend aussieht, wenn sie Geige spielen. Sie bekamen Geigenstunden, lernten den Bogen professionell zu halten und einen geraden Strich zu machen. Für die linke Hand gab es immer ein Double. «Ein ehemaliger Schüler, selbst Filmproduzent und Geiger, hat den Film gesehen und nichts gemerkt. Der Trick hat also gut funktioniert», so Vögele.

Ungewöhnlich vor und hinter der Kamera
 

Der Film mit oft improvisierten Dialogen hat eine eigene Ästhetik, manche gewählte Stilmittel lassen den Einfluss der indischen Filmtradition erkennen. Und auch die Produktion verlief ungewöhnlich: Normalerweise ist bei einem Filmdreh alles minutiös durchgeplant. Aber Maurya und sein Team kamen nicht dazu, jedes Detail zu planen. Und dann gab es allerhand Herausforderungen: Mal hatten Schüler:innen plötzlich keine Zeit, der Transport von Drehort zu Drehort gestaltete sich schwierig oder besonders sensible Szenen – wie die der Heileurythmie mit Silvia Vögele – fanden ihre endgültige Form erst während der Dreharbeiten selbst. «Der Film entstand mit minimalem Budget. Wir haben aber alle darauf vertraut, dass alle Leute mitmachen und helfen. Das passierte auf wundervolle Weise», so Director of Photography (DOP) Eckart Reichl. Dieser übernahm als Allrounder die Aufgaben von gleich mehreren Spezialist:innen beim Filmemachen – Kamera, Licht und Ton. Er kannte das von seinen Dokumentarfilmen: «Wenn man so spontan arbeitet, müssen alle schnell reagieren und dann arbeiten, wenn es gerade geht. Es war manchmal viel und die Abende waren anstrengend, aber es war tiefgreifend zufriedenstellend.» 

Nicht nur die Geschichte des Films, auch seine Entstehung war geprägt vom Wagnis und vom Vertrauen in einen offenen Prozess: ein Projekt, das aus Leidenschaft geboren wurde und ungeahnte Entwicklung freisetzte. Oder, um es mit den Worten des Regisseurs Manoj Maurya zu sagen: «Verliere niemals deine Träume. Das Universum wird dir helfen, sie zu erfüllen. Und jeder in diesem Universum ist Teil davon.» 

Beim Berliner Filmfestival Lift-Off erhielt The Concertmaster 2024 den Publikumspreis und wurde von einer internationalen Jury als bester Spielfilm ausgezeichnet. 

Kommentare

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen

0 / 2000

Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.