Ausgabe 03/26

Vision einer guten Waldorflehrer:innenbildung

Martyn Rawson

Die Lehrperson sollte die Auswirkungen des eigenen Unterrichts auf das Lernverhalten der Schüler:innen erkennen und den Ansatz anpassen, sie sollte den Lernprozess jedes einzelnen Kindes fördern und kontinuierliches Feedback geben. 

John Hattie definiert eine gute Lehrperson so: Sie setzt hohe Erwartungen, schafft ein fehlerfreundliches Klassenklima, hinterfragt das eigene Handeln, evaluiert den Unterricht fortlaufend und arbeitet mit Kolleg:innen zusammen, um den Einfluss auf das Lernen besser zu verstehen. Wichtiger als bloße Kompetenzen sind dabei die Haltungen, die Denken und Handeln tragen. Feedback gehört zu den wirksamsten Mitteln, um Lernerfolg zu steigern und Fehler im Lernprozess produktiv zu nutzen. Lehrpersonen brauchen daher kontinuierliche Rückmeldungen: Sie müssen wissen, wo ihre Lernenden stehen, was sie verstanden haben und welchen Irrtümern sie unterliegen, um ihr eigenes Handeln anzupassen. Hattie kritisiert zudem die aktuelle Lehrer:innenbildung international als zu teuer und in ihren Effekten zweifelhaft und fordert deutliche Verbesserungen, vor allem an Universitäten und in den ersten Berufsjahren. Gilt das auch für die Waldorfbewegung?

Vom Unterrichten zum Lernen


Die wesentlichen Fähigkeiten einer Lehrperson lassen sich nach Hattie also so zusammenfassen: Die Lehrperson sollte die Auswirkungen des eigenen Unterrichts auf das Lernverhalten der Schüler:innen erkennen und den Ansatz rasch anpassen. Des Weiteren sollte sie den Lernprozess jedes einzelnen Kindes beobachten und wirksam fördern und kontinuierliches formatives Feedback geben, um konkrete nächste Schritte im Lernen zu ermöglichen. Demgegenüber hat sich die Ausbildung von Waldorflehrkräften traditionell auf das Unterrichten und die zugrundeliegende Menschenkunde konzentriert. Die Herausforderung besteht nun darin, die Menschenkunde sowohl in eine angemessene Unterrichts- als auch in eine konkrete Lernpraxis zu übersetzen. Pädagogik bedeutet, die Beziehung zwischen Lehren und Lernen zu verstehen, nicht beides stillschweigend gleichzusetzen.

Steiner lesen, Praxis erforschen, gemeinsam lernen


Verknüpfen wir Hatties Ansatz mit Steiners Grundideen zur Aus- und Fortbildung und beziehen die aktuelle Forschung zur Professionalisierung ein, entsteht ein in der Waldorfbewegung realisierbares Gesamtkonzept. Steiner erwartete, dass Lehrkräfte in einer beruflichen Lerngemeinschaft zusammenarbeiten, ein gemeinsames Verständnis der menschenkundlichen Grundlagen entwickeln und ihre Praxis regelmäßig überprüfen und bei Bedarf anpassen. Zudem sollten die Lehrkräfte ihre Praxisforschung im Kollegium der «fortlaufenden lebendigen Hochschule» vorstellen. In der Realität erfüllen Konferenzen diesen Anspruch selten.

Ein Schlüssel fehlt häufig: eine praktische Theorie des «Teacher Learnings» (Lehrkraftlernens). Damit ist der Prozess gemeint, in dem Lehrkräfte in einer Gemeinschaft der geteilten Praxis vom Novizen zur Expert:in heranreifen, situiert und intuitiv sinnvoll handeln, aktuelle pädagogische Erkenntnisse nutzen und eine stabile professionelle Identität ausbilden. Zentral ist die Brücke zwischen Ausbildung und der Entwicklung von pädagogischen Kompetenzen, praktischem Berufswissen und Identität. Eigene Untersuchungen deuten darauf hin, dass das Studium der Menschenkunde auf Dispositionen zielen sollte, die als Lehrkraft-Habitus in der Schulpraxis ausgebildet werden. Das gelingt besonders gut mit hermeneutischen Methoden der Textarbeit, unterstützt durch Reflexionstechniken wie Tagebuchschreiben und kollegiale Fallarbeit, etwa in Anlehnung an die Theorie U von Otto Scharmer. Innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens präsentiert eine Lehrkraft einer Gruppe von Kolleg:innen eine pädagogische Situation (den Fall), zu der sie Fragen hat. Die Kolleg:innen üben sich in aktivem Zuhören und Spiegeln des Falls, anstatt Ratschläge zu geben (genauere Anleitung finden Sie im Kurs zur Konferenzgestaltung auf der Elewa Plattform).

Masterlehrkräfte als Motor der Professionalisierung


Das Konzept der Masterlehrkräfte, auch lead teachers genannt, aus erfolgreich etablierten Bildungssystemen entwickelt, bietet anschlussfähige Anregungen. Dort basieren Lehrkraftbildung, Schulentwicklung, Lehrplanarbeit und Materialentwicklung auf der Arbeit erfahrener Lehrkräfte, die als Masterlehrkräfte anerkannt und benannt sind. Sie bleiben im Unterricht, erhalten ein reduziertes Deputat und höheres Gehalt und haben den Auftrag zu mentorieren, zu forschen und Materialien zu entwickeln; zugleich sind sie an eine Hochschule angebunden. Theoretisch fundiert ist dies im Lernen in Fachgemeinschaften beziehungsweise Professional Communities als sozial situierte professionelle Praxis.

Berufliches Lernen in solchen Gemeinschaften bedeutet, sich handelnd auf die Welt einzulassen, situiert in konkreten sozialen Situationen zu lernen, durch Ko-Partizipation in Praxisgemeinschaften zu lernen, Identität und Fähigkeiten gemeinsam auszubilden und die Bedeutsamkeit von Wissen und Können über Teilhabe zu gewinnen.

Ein dreistufiges Modell für Waldorfschulen


In der Praxis bietet sich ein Stufenmodell an: Anfänger:innen, qualifizierte Lehrkräfte und Masterlehrkräfte. Anfänger:innen beginnen nach einer kurzen Einführung mit Unterricht unter Mentorierung durch eine Masterlehrkraft. Sie nutzen kuratierte, aktualisierte Unterrichtskonzepte, die von Masterlehrkräften und Fachgruppen entwickelt wurden; pro Epoche stehen mindestens drei Varianten auf einer Online-Plattform bereit. Schrittweise entwickeln sie, begleitet durch Mentor:innen, eigene begründete Konzepte. Mehrmals im Jahr besuchen sie zweiwöchige Vertiefungen an der Hochschule mit Praxisreflexion, Menschenkunde und künstlerischem Üben. Diese etwa drei Jahre dauernde Phase wird auf Master-Ebene anerkannt.

Qualifizierte Lehrkräfte nehmen regelmäßig Fortbildungen idealerweise innerhalb der Schulzeit wahr, hospitieren, beteiligen sich an Praxisforschungsprojekten wie Fallstudien oder Lehrplanentwicklung und besuchen Vertiefungs- und Vorbereitungskurse für die nächste Klassenstufe oder Fachdidaktik. Masterlehrkräfte schließen ein Forschungsprojekt ab und bewerben sich bei einer Kommission aus Masterlehrkräften. Sie werden in Erwachsenenbildung, Mentorierung und Praxisforschung qualifiziert und übernehmen die Entwicklung von Unterrichtskonzepten und Materialien. Sie sind an der Hochschule angestellt und an eine Schule sekundiert (oder umgekehrt).

Organisation, Finanzierung und Rolle der Hochschule


Die Lehrkräftebildung wird an Ausbildungsschulen verlagert. Das entlastet Schulen finanziell, während Seminare schlanker werden, weil Masterlehrkräfte für ein reduziertes Deputat durch den Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) finanziert werden. Das Gesamtsystem wird regional unter einem Hochschuldach organisiert. Zwischen BdFWS als Geldgeber, Vertretungen der Schulen, der verantwortlichen Hochschule sowie den Ausbildungsschulen und Masterlehrkräften findet kontinuierlicher Austausch statt. Die Hochschule unterstützt Praxisforschung in den Schulen und bietet für Berufsanfänger:innen kurze Einführungs- und Vertiefungswochen an. Damit kehrt sich die traditionelle Reihenfolge um: Einsicht in die Menschenkunde und daraus erwachsende pädagogische Dispositionen entwickeln sich parallel zur beruflichen Kompetenz, überwiegend in schulischer Praxis. Lehrkraftlernen und Lehrkraftwerdung werden als lebenslanger, kontinuierlicher Prozess verstanden, der Aus- und Fortbildung einschließt. 

Eine ausführliche, wissenschaftlich fundierte Fassung dieses Textes erhalten Sie auf Anfrage.

Kommentare

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen

0 / 2000

Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.