Ausgabe 10/25

Viva la Bildungsrevolution!

Heidi Käfer


Erziehungskunst | Frau Rasfeld, Sie haben diverse Bildungsprojekte angestoßen. Welche waren das unter anderem?

Margret Rasfeld | Ich war 39 Jahre Lehrerin, erst am Gymnasium und dann habe ich in Essen eine inklusive Gesamtschule aufgebaut, die sich damals schon nach den Leitlinien der UNESCO gerichtet hat. Diese stehen unter anderem für hochwertige, inklusive und chancengerechte Bildung für alle Menschen mit dem Augenmerk auf lebenslanges Lernen. Später habe ich eine Gemeinschaftsschule in Berlin aufgebaut. 2012 habe ich mit Gerald Hüther und Stefan Breidenbach die Initiative Schule im Aufbruch gegründet, und in Leipzig, wo ich wohne, habe ich das Reallabor Friedliche Bildungsrevolution mitgegründet.

EK | Ein Reallabor - darüber möchte ich mehr hören!

MR | Ausgangspunkt waren 70 Briefe von Gymnasiast:innen, in denen sie aufgeschrieben hatten, wie es ihnen geht. Diese Briefe waren Ausgangspunkt für die Gründung des Reallabors Friedliche Bildungsrevolution mit den Schüler:innen, zentral in der Leipziger Innenstadt. So wie es vor der friedlichen Revolution die Kirchen als Treffpunkte für kleine Gruppen gab, die sich dort ermutigten und stärkten, so braucht es einen solchen Ort jetzt für den Haltungswandel in Gesellschaft und Schule. Das Reallabor ist offen für alle, die ein Anliegen haben, hier treffen sich Gruppen wie Fridays for Future oder Schülis gegen Rechts, Elterncafé und Lehrercafé. Wir beraten Eltern, Lehrkräfte, Schüler:innen, aber auch Schulen, organisieren Veranstaltungen. Das Reallabor sieht sich als Zentrum für einen Haltungs- und Bildungswandel.

EK | Was da im Klassenraum und in der Schule passiert, scheint ja eine Spiegelung der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse zu sein …

MR | Ja. Die Schule in Deutschland ist ausgerichtet auf höher, schneller, mehr. Sie ist ausgerichtet auf Noten und Prüfungen, arbeitet im Fächerkorsett, ist nicht im Vertrauensmodus gegenüber den Jugendlichen, sondern im Kontrollmodus. Für Kreativität ist keine Zeit. Es gibt übervolle Lehrpläne, die immer noch auf Wissensvermittlung ausgerichtet sind und das alles geschieht im Ungeist der Selektion.

EK | Welche Veränderungen sind nötig?

MR | Es braucht jetzt nicht kleine Verbesserungen in diesem alten System, sondern grundsätzlich einen Paradigmenwechsel. Und der ist interessanterweise schon längst bildungspolitisch beschlossen als Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE). Das gibt es schon seit 1997. 50 Prozent des Humanpotenzials werden in unseren Schulen nicht gehoben. Dieses Potential ist nicht kognitiv, sondern da geht es um emotionale Bildung und Empathie. Wissen zu erwerben ist genauso wichtig wie das Zusammenleben. Wir sollten lernen, zu handeln und lernen, zu sein. Durch Bildung sollen alle Menschen befähigt werden, verantwortungsvoll zu handeln - ökologisch, sozial und ökonomisch. 

EK | Wir haben oft Lehrkräfte, die aus den staatlichen Schulen kommen und mit einer gewissen Resignation zur Waldorfpädagogik wechseln, weil sie festgestellt haben, dass das, was sie in den Regelschulen vorfinden, nicht ihre Werte repräsentiert und wie sie Bildung begreifen. «Zusammen» ist dabei ein wichtiges Thema. Wie lernen wir denn, zusammen zu leben? 

MR | Am besten, indem wir zusammenleben. Das selektive Schulsystem verhindert systematisch das Lernen des Zusammenlebens. Die eine Schule für alle, mindestens neun Jahre lang, bleibt Ziel. Das zweite ist, dass man in der Schule selbst zum Zusammenleben beiträgt. Frontalunterricht ist nicht darauf ausgerichtet, dass Kinder sich gegenseitig helfen. Dafür brauchen sie freie Lernformen, bei denen ausdrücklich erwünscht ist, dass Kinder auch Kinder fragen, ehe sie die Lehrkraft fragen. Wir nehmen hin, dass Mobbing ein Teil der Schule ist. Ich bin wirklich entsetzt, dass das überhaupt nicht hinterfragt wird. Wo kommt dieses ganze Mobbing eigentlich her? Kinder sind ja nicht zum Mobben geboren. An Schulen, die nicht unter Druck und Stress arbeiten und eine wertschätzende Beziehungskultur auf allen Ebenen wirklich leben, gibt es auch kaum Mobbing. 

EK | Haben Sie ein Beispiel dafür?

MR | In einem Lernformat wie Herausforderung kriegt man drei Wochen Schule geschenkt und sucht sich in Gruppen eine Herausforderung. Man muss seine Heimatstadt verlassen und mit 150 Euro überleben. Was gemacht wird, entscheiden die Schüler:innen selber. Manche gehen auf einen Biobauernhof, aber die meisten gehen in Gruppen wandern, Fahrrad fahren oder sind auf dem Wasser. Das ist das Lieblingsfach aller. Angehende Lehrer:innen, Sozialarbeiter:innen und Erzieher:innen gehen da als Begleitpersonen mit. Diese leiten aber nicht die Gruppe, sondern sind nur aus rechtlichen Gründen dabei. Die lernen da auch ihre neue Rolle, sich zurückzuhalten und auf Augenhöhe zu sprechen. Und mit fünf Euro am Tag kannst du dir keine Jugendherberge und keinen Zeltplatz leisten, also musst du bei fremden Leuten anklopfen und fragen, ob du in deren Garten zelten darfst. Die Kids lernen im Team zusammenzuarbeiten, sie lösen Probleme, die auftreten, denn das Leben läuft nicht nach Plan. Sie lernen mit Ungewissheit und disruptiven Veränderungen umzugehen und sie sind den ganzen Tag in der Natur. Sie erleben fremde Mitmenschen, die freundlich sind und sie unterstützen.

EK | Vieles von dem, was der von Ihnen beschriebene Paradigmenwechsel beinhalten soll, findet sich an der Waldorfschule wieder – der Fokus auf das Miteinander, keine Noten und Leistungsdruck, der Blick auf das Individuum. Was halten Sie von der Waldorfpädagogik?

MR | Es gibt, wie Sie wissen, große Unterschiede. Generell sind die Ansätze wirklich gut, den ganzen Menschen zu sehen, Kopf, Hand und Herz zu fördern, das Handwerkliche, das Künstlerische. Ich habe allerdings erlebt, dass der Unterricht in den klassischen Fächern auch an Waldorfschulen genauso traditionell und rückschrittlich sein kann wie an den staatlichen Schulen. Es gibt Frontalunterricht und die Schüler:innen sitzen in Reihen hintereinander. Und natürlich wächst der Druck mit dem Alter als Vorbereitung zum Abitur. Außerdem ist vorgesehen, dass die Lehrkraft sehr viel bestimmt. 

Das landwirtschaftliche Praktikum ist toll, doch an vielen Waldorfschulen noch zu eingeschränkt, da viel vorgegeben ist. Auch das soziale Praktikum kann geöffnet werden, in Formaten wie dem Schulfach Verantwortung, wie wir es in der Evangelischen Schule Berlin Zentrum und an hunderten anderen Schulen eingeführt haben. Jeder bekommt zwei Stunden geschenkt und sucht sich eine soziale oder ökologische Aufgabe im Gemeinwesen. 

Ich war auf dem Bundeskongress der Waldorfschüler:innen 2023. Da habe ich den FREI DAY vorgestellt und die waren alle total begeistert. Die Schüler:innen kamen danach und sagten, ihre Lehrkräfte werden das nicht mitmachen. Das hat mich dann doch ein bisschen irritiert. Es war auch ein Erwachsener vom Bund der Freien Waldorfschulen dabei, und der hat gesagt: «Genauso ist es leider.»

EK | Vielen Dank! 

Das Gespräch führte Heidi Käfer.

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