Ausgabe 05/24

Vom Kopf auf die Füße gestellt

Rebecca Bernstein


Ingrid Rump, die mittlerweile gemeinsam mit ihrem Kollegen Frank Steinwachs die Seminarleitung übernommen hat, spricht von der Dringlichkeit, die Lehrer:innenausbildung neu zu denken. «Die Waldorfbewegung ist gut konturiert, aber es war spürbar, dass das, was in der Vergangenheit war, nicht mehr unbedingt als tragende Säule für eine zukunftsfähige Waldorfpädagogik dient.»

Die Herausforderungen für die Schulen sind deutlich: Ein wachsender Bedarf an qualifizierten Lehrkräften, geprägt durch den Ruhestand vieler Kolleg:innen. Das Seminar reagierte auf diesen Bedarf mit einer Neuausrichtung. In enger Zusammenarbeit mit den Schulen entstand das innovative Ausbildungsmodell waldorf:dual, das eine zeitgemäße Lösung bietet.

Für Eltern beispielsweise, die sich in den Kollegien engagieren, und neben der Praxis die theoretischen Grundlagen durchdringen möchten. So wie Svenja Hanssen. Die Mutter von zwei Kindern hatte zunächst als Schulbegleitung begonnen. «Vor etwa drei Jahren», erinnert sie sich, «erhielt ich die Chance, in einer ersten Klasse eine wichtige Rolle zu übernehmen.» Hanssen schildert, wie sie sich anfangs um ein Kind mit einer speziellen Autoimmunerkrankung kümmerte, das eine kontinuierliche Unterstützung benötigte.

Mit der Zeit übernahm sie mehr Verantwortung und fand sich zunehmend im Klassenraum wieder. Ihre Rolle veränderte sich von der Unterstützung zur aktiven Teilnahme am Unterricht. «Die Vertretungsstunden waren eine neue Herausforderung», sagt sie. Die praxisnahe Erfahrung im Unterrichten verstärkte ihr Interesse an einer weiterführenden Ausbildung. Vor zwei Jahren entschied sich die gelernte Grafikdesignerin für den berufsbegleitenden Kurs zur Klassenlehrerin. Jetzt zählt sie zu den ersten Teilnehmer:innen des neuen Ausbildungsmodells, das seit dem Studienjahr 2023/24 die Tages-, Halbtages- und Abendkurse ablöst.

Enge Verknüpfung von Theorie und Praxis
 

«Wir drehen damit das traditionelle Modell um und stellen die Lehrer:innenausbildung vom Kopf auf die Füße», sagt Jürgen Lohmann, der maßgeblich an der Entwicklung der praxisintegrierten Ausbildungs- und Studiengänge beteiligt war. Das Hamburger Seminar habe zwar immer schon intensive Praktikumsphasen im ersten Jahr eingeplant, so der Dozent, aber die Kursteilnehmenden bekamen zuerst die Theorie vermittelt und gingen danach in die Praxis. «Jetzt bringen die Teilnehmenden ihre praxisbezogenen Fragen und Herausforderungen an die Theorie direkt in den Seminarraum», sagt Lohmann. «Mit der neuen Wochenform von zwei Tagen am Seminar und drei Tagen in den Schulen verschränken wir Praxis und Theorie miteinander.»

Die Kombination von theoretischen Kursen und praktischer Anwendung soll die angehenden Lehrer:innen konkret auf den pädagogischen Alltag vorbereiten. Durch das kontinuierliche Aufgreifen der schulischen Erfahrungen und deren Reflektion in den seminaristischen Kursen sowie der erneuten Vorbereitung für den Unterricht werden Theorie und Praxis eng miteinander verknüpft. «Besonders diejenigen, die wie Svenja vom früheren Ausbildungssystem gewechselt sind, empfinden den Übergang als äußerst positiv», sagt Ingrid Rump, die beobachtet, dass sich die Seminarist:innen intensiv und tiefgehend mit den Lerninhalten auseinandersetzen. «Waldorf:dual bietet ihnen die Chance, die Inhalte gründlicher zu durchdringen und direkt in der Praxis umzusetzen.»

Für Svenja ist die praxisnahe Ausrichtung der Module am Seminar eine deutliche Verbesserung. «Auch die Blockwochen sind eine Neuerung, die uns ermöglicht, intensiv in bestimmte Themen einzutauchen, wie beispielsweise in die projektive Geometrie.» Die Bedeutung der Künste habe sich ebenfalls verändert. «Es gibt nun eine stärkere Betonung auf praktischen Fähigkeiten, was sehr bereichernd ist. Das Seminar selbst hat sich durch die neuen Ansätze gewandelt – es gibt eine frischere und persönlichere Atmosphäre.»

Nah am Bedarf künftiger Pädagog:innen


Entwicklungsfreude und Zukunftsorientierung prägen das Hamburger Seminar. Immer deutlicher hatte sich in den vergangenen Jahren abgezeichnet, dass die Lehrer:innenbildung nicht auf das veränderte Graduierungssystem ausgerichtet ist. «Wir sahen, dass Absolvent:innen mit Bachelor-Abschlüssen oft die Voraussetzungen für eine Ausbildung bei uns vermissen ließen», erklärt Frank Steinwachs. Die Lösung entwickelte das Kollegium in Kooperation mit der Freien Hochschule Stuttgart. Gemeinsam wurden Masterstudiengänge in Hamburg ins Leben gerufen – ein bedeutender Schritt, um den Bedürfnissen der modernen Bildungslandschaft gerecht zu werden und angehenden Lehrkräften neue, akademisch fundierte Wege in ihre Zukunft zu eröffnen.

Zu den Studierenden der ersten Stunde gehörte Monika Zöllner. Für die Journalistin war die Entscheidung ein spannender Perspektivwechsel. Der Gedanke, umzusteigen, etwas Neues anzupacken, war in ihr schon länger gereift. «Ich hatte mich schon früher über einen Quereinstieg am Seminar informiert. Aber mein Bachelorabschluss reichte für eine Weiterbildung zur Fachlehrerin für Französisch nicht aus», erinnert sich die dreifache Mutter. Das neue Studienangebot gab schließlich den entscheidenden Impuls. «So konnte ich meinen Wunsch, mich akademisch weiterzubilden, mit einer neuen Berufsperspektive verbinden.» Das Thema ihrer Masterarbeit: Die Einführung der gymnasialen Oberstufe an Hamburger Waldorfschulen und die Umsetzung im Unterricht.

Mittlerweile ist Monika Zöllner im Schulalltag in einer Waldorfschule in Schleswig-Holstein angekommen. Angekommen sein – ein Gefühl, das sie immer wieder durchströme, «auf dem Weg zu meiner Schule oder wenn ich über die Gänge eile, den Schlüssel an einem Band um den Hals, schwer bepackt mit der Schultasche». Sie fühle sich in ihrem neuen Beruf sicher. Trotzdem lerne sie jeden Tag dazu und empfinde das als sehr bereichernd.

Persönliche Entwicklungsreise
 

Dass Lernen und Entwicklung am Hamburger Seminar nicht nur eine Sache des Kopfes, sondern auch ein künstlerisch-kreativer Prozess sind, wird im Gespräch mit Studierenden und Ehemaligen schnell deutlich.

Auf ihre intensivsten Erlebnisse am Seminar angesprochen, muss Monika Zöllner nicht lange überlegen. Die Künste, vor allem das Theaterspiel und Plastizieren. «Da hatte ich sogar Schwierigkeiten, meine Figur nach der Stunde stehen zu lassen. Und ich habe mich dabei ertappt, wie ich mich von ihr bis zur nächsten Unterrichtseinheit gewissermaßen verabschiede.» Erziehungskunst – für Ingrid Rump auch im neuen Ausbildungskonzept ein zentraler Begriff: «Die Studierenden nutzen die Inhalte aus den Peer-to-Peer-Gruppen, um sie weiter zu vertiefen.» Es entstehe eine Art kleiner Forscherteams, in denen jede:r seine Erfahrungen einbringt und zu neuen Ideen und Perspektiven führe.

Dieser Ansatz bereichert nicht nur den Unterricht, sondern auch die persönliche Entwicklung der Teilnehmenden. Sie schätzen die Möglichkeit, sich intensiv mit etwas zu verbinden und die Themen zu vertiefen. Eine Qualität, die auch Matthias Mainholz begeisterte, als er sich für einen Quereinstieg in den Beruf des Klassenlehrers entschied. Ob man sich mit Rudolf Steiners Anthroposophie auseinandersetzen müsse, um Lehrer zu werden, habe er sich anfangs gefragt. «Die Sprache Steiners ist ja seltsam, hundert Jahre alt und nicht leicht zu lesen», sagt Mainholz, der zuvor als Radioreporter beim NDR gearbeitet hatte.

Doch die darin enthaltenen Impulse sind für ihn bedeutsam geworden. Weil man mithilfe der Spiritualität eine Ahnung von der Aufgabe bekomme, die man als Mensch auf der Welt habe.

Immer wieder Fragen ans Leben und an sich selbst zu stellen, das treibt den 52-Jährigen bis heute an. Der stärkste Moment seines Berufseinstiegs?
Die ersten Tage mit seiner ersten Klasse. «Man verbindet sich ganz stark und spürt schnell – hier geht es nicht nur darum, Schüler:innen etwas beizubringen. Wir 39 Menschen haben jetzt eine Lebensaufgabe.»

Auch Svenja Hanssen fühlt sich mittlerweile eng mit ihrer Klasse verbunden. In ihrer Ausbildung erfährt sie nicht nur die Tiefe und Breite der Waldorfpädagogik, sondern auch die Stärke der Gemeinschaft und die Unterstützung durch die Klassenlehrerin Bettina Thomforde. «Die Mentorierung durch Bettina ist unglaublich bereichernd. Ihre Weisheit und Erfahrung helfen mir, meinen eigenen Unterrichtsstil zu finden und zu verfeinern», erzählt die gelernte Grafikdesignerin bewundernd. Für Svenja ist waldorf:dual nicht nur eine berufliche, sondern auch eine persönliche Entwicklungsreise.

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