Ausgabe 01-02/24

Von der Eurythmieform zur Architektur

Matthias Zimmer

Im Sommer 2019 wurden wir beauftragt, für den Tessin Bildungscampus für Alle erste städtebauliche Voruntersuchungen durchzuführen. Dies war Teil eines Bewerbungsprojekts für die Tessin Stiftung in München. Zur Verfügung stand eine städtebauliche Parzelle mit einer Grundfläche von circa zwei Hektar aus dem Bebauungsplan Nr. 1989 für die Bayernkaserne in München. Der Bildungscampus sollte ein heilpädagogisches Kompetenzzentrum, eine Waldorfschule für Alle, Werkstätten für Menschen mit besonderem Hilfebedarf sowie rund 80 Wohnungen als Nutzung umfassen – so weit die Rahmenbedingungen.

Annäherung
 

Als gegebene Tatsache war da das Grundstück mit langjähriger militärischer Nutzung, vermutlich über mehrere Jahrhunderte mit der entsprechenden Prägung. Es entstanden Fragen. Welcher Entwurfsimpuls ist notwendig, um zu einer Befriedung der Erde an diesem Ort zu kommen? Welche Haltung muss eingenommen werden? Welcher Geist muss entstehen, damit die neuen Nutzungen in einer gewandelten Umgebung und Atmosphäre wirken können und sich heilsam entwickeln können?

Es sollte ein Friedensimplus entstehen.


Auch in Gesprächen mit Menschen, die seit vielen Jahren in Heilberufen arbeiten und sich als Ärzt:innen oder Heileurythmist:innen auch immer wieder mit den sozialen Aspekten des Bauens und der Architektur beschäftigt haben, haben wir die Fragen einer adäquaten Formenfindung und Formensprache für ein freies und doch gleichsam besetztes Baufeld besprochen. In welcher Formensprache kann ein Friedensimpuls den besten Ausdruck finden?
Wir fanden die Antwort zunächst in den Eurythmieformen Rudolf Steiners. Für unser Projekt nahmen wir uns die Eurythmieform für den Wochenspruch zum 2. April aus dem Seelenkalender:
Weiterhin wurden äußere Einflüsse und Wirkungen wie die Lage der Parzelle im gesamten B-Plangebiet, die Orientierung nach den Himmelsrichtungen und der damit verbundene Lauf der Sonne untersucht. Wichtig war die Frage, in welchen geistigen Zusammenhang können die Nutzungen gestellt werden und wo finden sie am besten Platz.
Für die Entwicklung der räumlichen Strukturen wollten wir auf dem Grundstück eine Art Kreislauf entstehen lassen und die Formen entsprechend ihrer Nutzung von organische in kristalline und wieder in organische Strukturen führen.

Der heiltherapeutische Bereich mit einer klar organischen Grundstruktur sollte im Osten den Kreis beginnen. Weiter ging es im Uhrzeigersinn Richtung Süden mit einer kristallinen Formensprache in den pädagogischen Bereich. Dieser ging über in den westlichen und nördlichen Bereich für die handwerklich schaffenden Menschen. Im Norden und als Verbindungsglied zum Osten wurden die Wohnungen eingegliedert.

Für die abgeschlossene Vorentwurfsplanung mit Modell und den entsprechenden Berechnungen lässt sich natürlich die Frage stellen: Wo findet sich die für die Ausgangsidee als Grundlage eingesetzte Eurythmieform wieder?

Im Sichtbaren nirgendwo. Doch so, wie wir eine Wirkung aus der vergangenen Nutzung als Militärkaserne annehmen, sollte mit den Ideen und Gedanken während des Entwurfsprozesses eine neue Wirkung entstehen, die im besten Falle im weiteren Prozess bis zur Realisierung im Bewusstsein mitgetragen wird. Gedanken schaffen neue Realitäten. Von Albert Schweitzer soll der folgende Satz stammen, der mir hier sehr passend erscheint: «Erst bauen die Menschen die Häuser und dann bauen die Häuser die Menschen.»

Die Vorentwurfsstudie ist bis heute Studie geblieben und wurde nicht weiter ausformuliert. Wichtig ist die Herangehensweise, mit der wir in unserem Büro uns immer wieder den neuen Aufgaben stellen.

Übergänge und Durchgänge


Im Rahmen der Generalsanierung der Waldorfschule Augsburg wurden wir bei der Gestaltung von Bauelementen, Bauteilen oder Gebäudesituationen vor die Aufgabe gestellt, diese einerseits nach anthroposophischen beziehungsweise nach Gesichtspunkten der Menschenkunde Rudolf Steiners, andererseits zeitgemäß, also auch nach technischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten, zu entwerfen und umzusetzen.

Bei den gesamten Aufgaben lag für uns ein besonderer Schwerpunkt auf der Gestaltung der Klassenzimmertüren. Denn unserer Erfahrung nach fällt aufmerksamen Betrachter:innen am ehesten beim Durchgang durch eine Tür der Übergang von außen nach innen, und innen nach außen auf. Die sich ändernden Parameter können zum Beispiel Wärme und Kälte oder Gefühle von Geborgenheit oder Unbehaglichkeit sein.
In der Waldorfpädagogik steht jedes Schuljahr verbunden mit dem Alter der Kinder und Jugendlichen für eine bestimmte Epoche und einen bestimmten Entwicklungsschritt. Entsprechend hat jedes Schuljahr ein bestimmtes Grundthema. Die Idee für die Gestaltung der Klassenzimmer war, dieses Grundthema in einer nachvollziehbaren Entwicklungsreihe erlebbar zu machen. Diese Übergänge betrafen den Durchgang von außen nach innen, also vom Flur ins Klassenzimmer und von innen nach außen, vom Klassenzimmer in den Flur.

Ausgangspunkt der Gestaltungsüberlegung und damit Grundtypus für den Beginn, das heißt die Gestaltung der Klassenzimmertür der ersten Klasse, war der Blumenbogen, durch den die Erstklässler bei ihrer Einschulung symbolisch schreiten. Die Grundform ist eine klassische Rundbogenöffnung, welche ein statisches Grundprinzip darstellt, das seit Jahrhunderten bei Bauten verwendet wird.

Die Entwicklung der einzelnen Türbilder symbolisieren von der ersten bis zur zwölften Klasse eine Entwicklung zur Freiheit. Da die Tür als ein Bestandteil der Wand wahrgenommen wird, wurde die umliegende Wandfläche unterstützend in die Gestaltung mit einbezogen.

Zum Schluss eine Anmerkung zur Wirtschaftlichkeit: Ohne die Wandgestaltung und die farbigen Anstriche lagen die Kosten für ein Klassenzimmer bei 2.400 Euro für eine Ausführung mit Echtholzfurnier in Lärche mit technischen Anforderungen für Schall- und Brandschutz.

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