Freund:innen werden in der Pubertät scheinbar oft wichtiger als Eltern. Und Eltern brauchen Vertrauen, dass die Jugendlichen ihren Weg meistern werden.
Der QR-Code verlinkt zur Shell-Jugend-Studie 2024
Ein Neunjähriger wie aus dem Nichts: «Mama, stell dir vor, du würdest auf einer Insel leben und du hättest dort alles, was du brauchst. Wirklich alles. Und dann würdest du erfahren, dass bald ein Schiff vorbeikommt und dich mitnehmen würde. Es kommt aber nur ein einziges Mal. Würdest du mitfahren?» Gespannt sieht der Junge seine Mutter an. Würde sie mitfahren oder nicht? Die Mutter will sich so schnell nicht festlegen. Zu viele ungeklärte Fragen. Zu wenig Gewissheit. «Wo fährt das Schiff denn hin? Wie lang dauert die Reise? Wer sonst außer mir fährt mit? Was erwartet uns dort?» Der Junge insistiert: «Keine Ahnung. Sag mir einfach, ob du mitfahren würdest. Würdest du?» Die Mutter ist irritiert und ratlos zugleich: «Aber wie soll ich das entscheiden, wenn ich gar nicht weiß, was kommt?»
Der Junge bleibt hart. Sein Blick wird noch eindringlicher. «So ist es eben. Du weißt nicht, was kommt, und musst trotzdem sagen, ob du mitwillst oder nicht.» Die Mutter ist überfordert, zuckt mit den Schultern. «Das ist wirklich eine schwierige Frage. Ich weiß nicht, was ich machen würde. Ist ja zum Glück nur Theorie.» Das stimmt. Und stimmt nicht.
Ich habe als Klassenlehrerin von dieser Situation gehört und hatte sie sofort den Eindruck, der Junge hat ein inneres Erleben ins Bild gebracht, das für ihn vollkommen real ist. Während der Schulzeit stehen Kinder und Jugendliche mehrmals vor genau solchen Entscheidungen. Da tritt aus der eigenen Tiefe immer deutlicher die Ahnung hervor, dass ein nächster Entwicklungsschritt bevorsteht, der etwas Neues bringen wird. Vielleicht sogar eine Art Grenzübertritt, hinter den es kein Zurück gibt. Aber wie es auf der anderen Seite aussieht, ist nicht klar.
Aktivität oder Ausweichbewegung
Die Waldorfpädagogik fasst das Beschriebene unter dem Begriff Rubikon zusammen, benannt nach jenem Grenzfluss, an dessen Ufer Caesar die folgenschwere und unumkehrbare Entscheidung traf, sein Heer auf römischen Boden zu führen und damit einen Bürgerkrieg auszulösen. Der hier gemeinte Rubikon bezeichnet einen Entwicklungsschritt, den Kinder um das neunte oder zehnte Lebensjahr herum vollziehen und der sie in ein neues Verhältnis zur Welt stellt. Sie empfinden sich nicht mehr eins mit ihrem sozialen Umfeld, ihrer Familie, sondern nehmen sich selbst als eigene Person wahr. Einsamkeit und Trennung, insbesondere so endgültige wie der Tod, werden nun intensiv erlebt. Und diese Trennung führt zu einem stärkeren Ich-Bewusstsein. Während Kindheit und Jugend gibt es viele solcher Flussüberschreitungen – zwei in jedem Jahrsiebt, die ihrerseits immer mit einer «Geburt» anfangen und enden. Zwischen einem Rubikon und einer Geburt zu unterscheiden, ist der Lehrerin wichtig. Denn eine Geburt vollzieht sich unausweichlich. Das können wir am ehesten an der Geburt des physischen Leibes ablesen. Der kommt nach rund neun Monaten auf die Welt. Da führt kein Weg dran vorbei. Die Mutter, die bis dahin ganz physisch den schützenden Entwicklungsraum für das Kind in sich zur Verfügung gestellt hat, entlässt das Kind aus dieser Verbindung. Der physische Leib des Kindes ist nun bereit und kann den Kräften der Welt ausgesetzt werden. Voller Energie stürzt sich das Kind in die Eroberung dieser Welt, stemmt sich der Schwerkraft entgegen, lernt sich bis in die Sprache hinein zu koordinieren und mitzuteilen. Ähnliches dürfen wir uns auch für den Ätherleib und den Astralleib vorstellen, deren Kräfte ebenfalls längst im Kinde wirksam sind, sich aber erst mit ihrer jeweiligen Geburt unabhängig in der Welt erproben. Der Ätherleib ist nach Rudolf Steiner das Lebendige im Menschen, der Astralleib (wörtlich Sternenleib) ist der Träger von allen Empfindungen, er nennt ihn auch den Seelenleib. Eine Frühgeburt des physischen Leibes kann fatale Folgen haben und erfordert enorme Kraftanstrengungen seitens des Säuglings, um diese zu kompensieren.
Die elterliche Schutzgeste, das heranwachsende Kind vor einem «zu früh» zu bewahren, hat hier ihren Ursprung und ist ein wesentlicher Teil der Waldorfpädagogik.
Anders als mit diesen «Geburten» verhält es sich mit einem Rubikon, der auch Entwicklungsschritt genannt werden könnte. Da muss die Aktivität vom Kind ausgehen, dem ein «Ja» zu einem neuen Weltbezug abverlangt wird. Bis der Entschluss gereift ist, kann es so manche Ausweichbewegung geben. Weil das Wasser zu kalt ist, zum Beispiel – um im Bild des Flusses zu bleiben. Und auch die Arten, ihn schließlich doch zu überqueren, können ganz verschieden sein. Ein paar Schritte zurückgehen, Anlauf nehmen und dann aus einem schnellen Lauf drüber springen etwa. Oder Holz suchen und eine Brücke bauen. Oder an der flachsten Stelle hindurchwaten und ein bisschen nass werden dabei. Die Erwachsenen sind dabei ziemlich außen vor. Sie stehen begleitend daneben und weisen vielleicht immer wieder mal in Richtung Fluss. Aber den Schritt tun müssen die Kinder selbst.
Hier ich – und da dein Schmerz
Solche Entscheidungsmomente sind immer auch Krisenmomente. Das zeigt schon ein Blick auf das griechischen Wortes krisis, das auf Deutsch Entscheidung, Beurteilung oder auch Zuspitzung bedeutet. Und Krisen können eskalieren – klar. In solchen Fällen können die Beratungsangebote der Schule unterstützen oder das nähere Umfeld. Es ist wichtig, sich als Bezugsperson nicht in die Gefühlswelt der Heranwachsenden hineinziehen zu lassen. Denn eine stabile, verlässliche Begleitung gelingt nur, wenn wir begleiten und nicht mitleiden. Bei kleineren Kindern ist das leicht einzusehen. Da wird der Durchbruch des ersten Zahns gefeiert, weil klar ist, Entwicklung findet statt. Und trotzdem: Es tut weh. Beim Zahnen fällt es uns Erwachsenen in der Regel leicht, zu sehen: Hier bin ich – und da bist du mit deinem Schmerz. Das hilft uns, ruhig zu bleiben und den Säugling gut zu versorgen. Aber je älter die Kinder werden, desto schwerer ist das. Wir sind geneigt, mitzuleiden und mitzuwanken. Dabei sollten wir Leuchtturm sein.
Das gilt auch ums zwölfte Lebensjahr herum, in dem laut Steiners Menschenkunde der sogenannte Zwölfjahresschritt gemacht werden will. Die Kinder gehen mit der sicheren Lebensgewissheit daraus hervor, dass sie einen gänzlich eigenen Innenraum haben, für den sie Verantwortung tragen. Einen Innenraum, den sie einschätzen, beschützen und gestalten lernen müssen und aus dem heraus sie ihr Verhältnis zur Welt gestalten. Dabei kann eine Zeitlang das Recht des Stärkeren im Klassenzimmer herrschen, bis auch die sich daraus ergebenden sozialen Verantwortlichkeiten erfasst sind und der Respekt vor der Grenze des Gegenübers selbstverständlich wird. In dieser Zeit kann es eiskalt im Klassenzimmer sein. Mit spitzfindiger Rhetorik wird Unrecht begründet und die Verantwortlichkeit dafür abgelehnt. Nicht umsonst erfährt Mobbing in diesem Alter Hochkonjunktur. Doch nicht jedem erlebten Schmerz geht ein Unrecht voraus, bisweilen bietet uns die Welt schlicht Rückmeldungen an und die sich daraus ergebende Selbsterkenntnis ist schmerzhaft. So geht dem Zwölfjahresschritt oft ein Ringen um Recht und Unrecht voraus. Und nicht selten fühlen sich die Kinder in dieser Zeit stets ungerecht behandelt. Erst mit der Zeit entsteht ein Bewusstsein für Ursache und Wirkung, für Kausalität. Als objektiv ordnende Kraft nimmt in dieser Phase der naturwissenschaftliche Unterricht in der Waldorfpädagogik als etwas Neues eine besondere Rolle ein, lassen sich hier doch unabhängig vom eigenen seelischen Tangiert-Sein Ursache und Wirkung als ehernes Gesetz verinnerlichen. Das Anerkennen dessen, dass all mein Handeln oder Nicht-Handeln meine Umwelt gestaltet und damit eben auch das, was zu mir zurückkommt, bringt schließlich die Suche nach dem rechten Umgang mit dem eigenen Schicksalsfaden in Gang, befreit aus der Opferrolle und macht aus den Heranwachsenden Gestaltende. Als Umstehende können wir zu diesem Anerkennen nur ermutigen und ein positives Vorbild sein.
Thematisieren, aber nicht moralisieren
Nur wenige Jahre später, mit der Geburt des Astralleibes mit dem Beginn des dritten Jahrsiebts, wird es wieder warm bis feurig im Klassenraum. Der «eben entbundene» Astralleib ergreift die Welt mit Sympathie und Antipathie und erprobt sich darin. Leidenschaftlich wird Position ergriffen und ein Dafür oder Dagegen postuliert. Es braucht eine ganze Oberstufe, um die Urteilsfähigkeit so zu entwickeln, dass der Affekt als erste Rückmeldung zwar wahrgenommen werden kann und in unser Urteil einfließen darf, wir aber ganz selbstverständlich verschiedene Betrachtungsstufen eines Problems durchlaufen lernen, bevor wir im geglückten Fall ein empathisch durchfühltes und kritisch durchdachtes, substanzielles Urteil fällen. Auch in diesem dritten Jahrsiebt gibt es krisenhafte Momente, Klippen der Selbstwerdung, die es zu meistern gilt. Ein Hinweis darauf gibt uns die sprunghaft ansteigende Suizidrate unter Jugendlichen mit dem 16. Lebensjahr. So selbständig Jugendliche schon auf uns wirken, so wenig sie sich von uns Erwachsenen noch sagen lassen wollen, so wesentlich sind wir Erwachsene für sie als Orientierungspunkte im Sturm und sichere Häfen, in denen man einkehren, Erlebtes sortieren und neue Kräfte sammeln kann. Nach wie vor sind Eltern die Menschen, denen Jugendliche besonders gerne vertrauen. Darauf weist auch die insgesamt sehr lesenswerte Shell-Jugend-Studie 2024, siehe QR-Code, hin.
Im Zweifelsfall Vertrauen
Es ist bisweilen nicht einfach für uns Erwachsene, zwischen dem «Abhängen vor dem PC», dem «Wundliegen auf dem Sofa» und dem «exzessiven Feiern von Partys» dieses Werden-Wollen zu identifizieren und voller Vertrauen daran festzuhalten. Aber genau das benötigen die Jugendlichen in besonderem Maße: dieses Vertrauen, das wir schon beim Zahnen für sie hatten, dass es zwar nicht ohne Schmerzen gehen wird, dass sie sich aber auf dem Weg zu sich selbst befinden und dass sie diesen Weg meistern werden.
Dieses Vertrauen müssen wir in uns selbst generieren. Und so schließt sich der Kreis. Haben wir selbst unseren Zwölfjahresschritt vollständig durchlaufen? Übernehmen wir Verantwortung für das, was wir in unserem Innenraum generieren? Sind wir so unabhängig von unseren Emotionen, dass wir in uns ein wohl abgewogenes Urteil herbeiführen können? Jeder von uns bestimmt immer mal wieder. Und so üben wir gemeinsam mit unseren Kindern und Jugendlichen das Menschsein.
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