Peripherie

Wahat el-Bahariya: Eine Schule in der Wüste

So wie Selma geht es aber nicht vielen Kindern in Ägypten. Es gibt zwar eine Schulpflicht, aber das ägyptische Schulsystem ist völlig überlastet. Während Selma ihre Talente im Kunstunterricht, beim Werken oder Musizieren entdeckt, müssen sich die meisten ägyptischen Kinder mit dem Auswendiglernen von Wissen begnügen, das kaum Bezug zum realen Leben hat. Die Lehrpläne sind von der Schulbürokratie vorgegeben.

An den öffentlichen Schulen sitzen bis zu 80 Kinder in schlecht ausgestatteten Klassenzimmern. Die Lehrer sind überlastet und unterbezahlt. Wer einen erfolgreichen Abschluss absolvieren möchte, muss Nachhilfestunden nehmen oder an eine private Schule gehen. Das können sich nur besserverdienende Familien leisten. Und selbst an den teuren Privatschulen liegt der Fokus auf der reinen Wissensvermittlung. Selmas Vater verdient als Fabrikarbeiter nicht viel, aber profitiert von dem solidarischen Modell der SEKEM-Schule, das für Kinder aus ärmeren Verhältnissen die Schulgebühren reduziert oder erlässt.

SEKEM, die Initiative zur Förderung von nachhaltiger Entwicklung in Ägypten, hat bereits vor über 40 Jahren dieses ganzheitliche Schulmodell gegründet und seither erprobt. Von den Erfahrungen konnte schon die aus einer privaten Initiative entstandene Hebet-el-Nil Schule in Luxor profitieren. Angelehnt an die Waldorfpädagogik werden neben dem ägyptischen Curriculum mit stark vaterländischer Prägung auch weitere Fächer unterrichtet, die das eigenständige Denken, die Kreativität und das handwerkliche Geschick fördern sollen. Die ägyptischen Kinder haben eine ausgesprochene Begabung für Sprache, Musik und Bewegung, ihre Förderung spielt aber in staatlichen Schulen keine Rolle.

Bildung in entlegene Regionen bringen

In den ländlichen Regionen müssen die Kinder oft weite Wege bis zur Schule zurücklegen und werden häufig zu Hause, in Koranschulen oder gar nicht unterrichtet. Hier möchte SEKEM einen weiteren Schritt gehen und eine Schule in der Wüste, nahe Wahat El-Bahariya gründen – Wahat heißt Oasen, bahariya heißt nördlich – eine Wüstensenke von rund 90 Kilometer nord-südlicher und 40 Kilometer ost-westlicher Ausdehnung mit mehreren Ortschaften. In dieser entlegenen Gegend, dreihundert Kilometer von der Hauptstadt und den Dörfern entlang des Nils entfernt, begrünt SEKEM Wüstenboden mit biologisch-dynamischen Methoden.

Damit soll der Nahrungsmittelknappheit des Landes und dem Klimawandel entgegengewirkt, und den Menschen vor Ort geholfen werden, ihre Lebenssituation zu verbessern. Momentan werden sechs Mitarbeiterkinder auf der Wüstenfarm provisorisch unterrichtet. Selmas Lehrer Ahmed besucht die Wahat-Farm regelmäßig, um die ansässige Lehrerin dabei zu unterstützen.

Wie Selma sollen auch die Kinder in der Wüste die Möglichkeit haben, im Rahmen einer auf eigenem Denken basierenden Bildung auch künstlerisch tätig zu werden, Flöte zu spielen oder sich über Malen, Bewegung oder Theaterspielen auszudrücken.

Ziel ist der Aufbau einer Gesamtschule. Die örtlichen Behörden konnten bereits überzeugt werden – es kann losgehen. Gemeinsam mit der Unterstützung von Freunden aus Europa sollen schon im kommenden Schuljahr 60 Kinder die Möglichkeit haben, die neue Schule in der Oasensenke von Bahariya zu besuchen. Gemäß der SEKEM-Tradition wird zunächst vieles unter Mitarbeit der Eltern improvisiert werden, Gebäude sind zu errichten und auszustatten. Dabei leisten die Berufsbildungswerkstätten der Mutterfarm einen wichtigen Beitrag. Der Lehrplan baut auf den langjährigen Erfahrungen der ersten SEKEM-Schule auf, in der immer wieder erfahrene Lehrkräfte aus Europa mit Rat und Tat zur Entwicklung und Lehrerbildung beigetragen haben. Als Finanzierungsgrundlage dient die SEKEM-Entwicklungsstiftung, in die neben Erträgen der Wirtschaftsbetriebe auch die Spenden aus dem Ausland einfließen.

Bruno Sandkühler und Christine Arlt

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