Ausgabe 11/26

Wahrnehmung und Begriff – die innere Polarität

Renatus Derbidge
Bildquelle: Charlotte Fischer

Zitat: «Das Denken greift häufig nicht neutral in die Wahrnehmung ein. Es ist von Gewohnheiten, Traditionen, Zeitgeist und biografischen Erfahrungen geprägt.»


In der Wahrnehmung bin ich zunächst in Kontakt. Etwas begegnet mir. Es ist da – oft reich, oft mehrdeutig, manchmal irritierend. Und erst, indem ich beginne zu denken, zu ordnen, zu benennen, entsteht das, was wir Erkennen nennen: Der Begriff macht etwas präzise. Er bringt Konturen. Er schafft Abschluss. Er macht eine Sache handhabbar. Das klingt selbstverständlich – und ist doch heikel. Denn der Begriff hat eine Tendenz: Er will festlegen. Er will stimmen. Er möchte, dass die Welt mit ihm zusammenpasst. Wahrnehmung hingegen ist großzügiger. Sie ist, wenn man sie lässt, voller Möglichkeiten. Sie enthält mehr, als das Denken im ersten Zugriff greifen kann.

Hier liegt eine Spannung: Ohne Begriffe bleiben wir im Diffusen. Mit Begriffen verlieren wir leicht das Offene, das Lebendige, das Überraschende. Und diese Spannung ist nicht nur ein erkenntnistheoretisches Problem. Sie ist pädagogisch. Denn im Unterricht, im Elternsein, in der Erziehung begegnet uns fortwährend diese Frage: Helfe ich dem Kind, die Welt wirklich zu erleben – oder helfe ich ihm vor allem, die Welt schnell zu benennen? Schließe ich den Prozess zu früh ab – oder halte ich ihn so lange offen, dass etwas Eigenes entstehen kann? Hier lässt sich eine wichtige Beobachtung machen, die zu einer Kernthese führt: Das Denken greift häufig nicht neutral in die Wahrnehmung ein. Es ist immer auch von Gewohnheiten, Traditionen, Denkmustern, Zeitgeist und biografischen Erfahrungen geprägt. Es sieht, wenn es unbemerkt bleibt, oft vor allem das, was es ohnehin zu sehen erwartet. Das geschieht meist unbewusst. Und genau deshalb ist es so mächtig. Wenn man diese Dynamik verstanden hat, beginnt man zu ahnen, warum die Formen der Waldorfpädagogik so konfliktanfällig sind: Formen sind wie fertige Begriffe. Sie sind klar. Sie sind definiert. Sie geben Sicherheit. Und genau dadurch lenken sie unseren Blick – manchmal so stark, dass wir das Lebendige, aus dem sie entstanden sind, kaum noch erreichen.

Das Auge als Bild 
 

Man kann über Wahrnehmung und Denken lange abstrakt reden. Aber man kann es auch – ganz nüchtern – am Sehen betrachten. In der Embryologie kann man verfolgen, wie sich das Auge als herausgestülpter Teil des Gehirnes entwickelt. Es ist nicht nur ein passiver Empfänger von Licht, sondern auch ein Teil des Nervensystems, der weit nach außen verlagert ist. Und noch bevor wir «bewusst» sehen, geschieht in der Netzhaut bereits Verarbeitung: Kontrastverstärkung, Hervorhebung, Filterung. Das visuelle System macht aus dem Rohmaterial etwas, das für Orientierung und Handeln geeignet ist.

Das ist – ich betone es – nicht «schlecht». Es ist eine Meisterleistung. Aber es zeigt etwas Entscheidendes: Wahrnehmung ist immer schon mit Verarbeitung verschränkt. Das Gehirn greift gewissermaßen nach vorn, um aus dem Licht eine Welt zu schaffen. Wenn man das als Bild nimmt, wird das Zusammenspiel von Wahrnehmen und Denken plötzlich plastisch. Das Denken sitzt nicht erst am Ende wie ein Richter, der neutral urteilt. Es ist bereits im Prozess beteiligt. Es formt mit.

Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Wenn das schon bei der biologischen Wahrnehmung so ist – wie viel mehr gilt es dann für unsere geistige Wahrnehmung, für unser Verstehen, für unsere Urteile über Pädagogik, über Kinder, über «Waldorf», über «Steiner»? Wir sind ständig dabei, aus einem offenen Strom etwas Festes zu machen. Und sobald etwas fest ist, beginnt es zurückzuwirken: Es lenkt, was wir künftig überhaupt noch wahrnehmen. So wie das Auge das Licht verarbeitet, so verarbeitet ein pädagogisches System – oder eine Tradition – unsere Wahrnehmung von Kindern, von Lernen und von Unterricht. Es ist also nicht leicht, einen wirklich frischen Blick auf den lebendigen Kern zu gewinnen. Denn die Formen sind bereits da. Sie greifen vor. Sie färben.

Spielerische Selbsterfahrung des Denkens
 

Vexier- oder Kippbilder sind so schlicht, dass man ihre Tiefe leicht unterschätzt. Nehmen wir das berühmte, oft abgedruckte Beispiel eines Kippbildes von Ente und Hase, bei dem gewisse Linien je nach Vorstellung Schnabel oder Ohren zeigen. Das Bild ist so konstruiert, dass es zwei mögliche Gestalten ergibt. Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht einfach nur merkwürdig: Man erkennt nicht genau, was es ist, aber man sieht Verwandtes – eine Kontur, ein Auge, vielleicht einen Schnabel oder etwas Hasenhaftes. Wenn man länger schaut, merkt man: Es gibt zwei Möglichkeiten, das Bild von seiner Zweideutigkeit zu «befreien». Entweder sehe ich den Hasen mit Ohren oder den Entenkopf mit Schnabel. Und wenn man gut ist, kann man bewusst hin und her wechseln: aus dem Entenkopf wieder einen Hasen machen und aus dem Hasen wieder eine Ente.

Hier lässt sich wunderbar beobachten, wie sehr man mit seinem Denken beteiligt ist – und dass sogar eine Art Wille mitschwingt, der das Denken lenkt. Diese Beobachtungsübung führt unmittelbar zu dem, was man lebendiges Denken nennen kann: ein Denken, das noch nicht fixiert ist, nicht festgehalten im Entweder-oder, sondern noch im Gestalten begriffen ist.

Was geschieht hier?
 

Zuerst ist man der Wahrnehmung ausgesetzt. Das Denken findet keinen Halt. Es kann nicht landen. Man ist in einem offenen Zustand. Das kann irritieren – und ist zugleich erstaunlich ehrlich: So sieht Wahrnehmung aus, bevor sie begrifflich geordnet ist. Dann findet das Denken einen Schlüssel. Ein Begriff passt. Und in dem Moment geschieht etwas Faszinierendes: Die Wahrnehmung reorganisiert sich. Plötzlich ist alles klar. Plötzlich springt im Wortsinn das Bild. Und mit der Klarheit kommt Macht: Der Begriff hält die Wahrnehmung fest. Und dann – das ist die eigentliche Lehre – merkt man: Es ist schwer, das wieder loszulassen. Der Begriff hat sich über die Wahrnehmung gelegt. Er ist nicht nur eine Erklärung, sondern ein neues Wahrnehmungsregime.

Genau so entstehen Dogmen. Genau so entstehen Streitigkeiten. Nicht, weil Menschen dumm wären, sondern weil der Begriff, wenn er einmal sitzt, eine enorme Bindekraft hat.

Die Übung zeigt spielerisch, was im Alltag unspielbar ist: dass wir uns an unseren Deutungen festhalten und dass es eine Schulung braucht, diese Bindung wieder zu lockern. Und hier kann man mit einem Satz die Brücke zur Waldorfpädagogik schlagen, ohne abstrakt zu werden: Waldorfpädagogik will genau diese Beweglichkeit kultivieren – Begriffe bilden können, ohne die Wahrnehmung zu verlieren; Urteile fällen können, ohne das Lebendige zu ersticken. 

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