Ausgabe 11/23

Wahrnehmungsvignetten in der Waldorfpädagogik

Ulrike Barth
Angelika Wiehl

wartet, bis alle für den gemeinsamen Unterrichtsbeginn bereit sind. Sie bemerkt, dass ein Mädchen noch mit etwas in den Händen spielt, und wendet sich mit strenger Miene ihm zu. «Cara, packe es bitte ein», sagt sie klar und freundlich. «Nein, das Tier muss draußen sein», entgegnet Cara bestimmt. «Cara!», ruft die Lehrerin mit etwas höherer Stimme. «Du bist so gemein zu mir», reagiert Cara, steckt die Papierkatze in ihre Schultasche, murmelt dabei etwas und setzt sich mit gerade gestrecktem Rücken auf ihren Stuhl.

Diese Wahrnehmungsvignette – eine kurze phänomenologische Beschreibung – hält einen Moment fest, den eine im Unterricht beobachtende Person eingefangen hat. Sie schaut nicht nur auf die geplanten Unterrichtsaktivitäten, sondern auf die kleinen Zwischenspiele und vermeintlichen Störungen, die sie berühren oder erschrecken. In ihnen spricht sich das Individuelle und Besondere des Kindes aus. Unsere Definition dieser neuen Arbeitsweise, die im Sinne einer nicht kategorisierenden, sondern verstehenden Diagnostik eine phänomenologische Grundlage für Kinderkonferenzen sein kann, lautet: «Wahrnehmungsvignetten entspringen einer phänomenologischen Methode, die Praxisbeobachtungen, Beschreibungen, Reflexionsschritte und professionell-pädagogische Anwendungen einschließt.»

Wahrnehmungsvignetten im Studium der Waldorfpädagogik

Die Methode der Wahrnehmungsvignetten entwickeln wir seit vier Jahren am Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität der Alanus Hochschule in Mannheim. In den Praxisphasen des Bachelor-Studiums haben Studierende die Aufgabe, regelmäßig Wahrnehmungsvignetten zu schreiben, diese im Begleitseminar vorzustellen und, daran anknüpfend, sich mit anthropologischen und pädagogischen Fragen auseinanderzusetzen. Sie lernen nach dem vierphasigen Kreativitätsprozess des Sozialpsychologen Graham Wallas: Wahrnehmen in der pädagogischen Praxis, Vergessen oder Loslassen, Erinnern und Einsicht sowie dem Verarbeiten des Erinnerten in einer Wahrnehmungsvignette. Diese hält die aus subjektiver Perspektive gewonnenen Eindrücke fest. Es geht um das Miterfahren eines besonderen Moments, nicht um das Deuten oder Beurteilen von Handlungen und Äußerungen. Beim Lesen und Besprechen im Seminar zeigen sich oft überraschende Erkenntnisse: Was geht in einem Kind vor, das seine Katze einpacken muss oder das statt Bruchrechnen eine Fliege fängt?

Reflexionsphasen der Haltungsentwicklung und verstehenden Diagnostik

Eine Fliege

Du sitzt neben mir und die Klassenlehrerin erklärt das Bruchrechnen. Eine Fliege fliegt vor dir herum, während wir alle gemeinsam rechnen. Du holst vorsichtig und geschickt dein Brillenetui heraus. Langsam öffnest du es, deine Augen folgen dabei die ganze Zeit der Fliege und du versuchst, sie mit dem Etui zu fangen. Da schnappst du sie. Du neigst deinen Kopf besonnen zum Etui und öffnest es behutsam. Die Fliege sitzt auf deinem Brillentuch, das du achtsam mit deinen Fingern festhältst, ruhig herausholst und auf den Tisch legst. Das kleine Tier sitzt immer noch drauf. Ganz vertieft schaust du sie an und beobachtest sie eine Weile, als sie wegfliegt. Ich frage mich, was in deinem Kopf vorgeht. Hörst du nicht, wie laut es in der Klasse ist? Du bist wieder ganz in deiner Welt.
Wir regen an, diese Wahrnehmungsvignette zu lesen und aufzuschreiben, welche Gefühle und Gedanken sie auslöst. Über solche spontanen Reflexionen tauschen sich die Studierenden aus und entwickeln daran anthropologische, entwicklungspsychologische und pädagogische Fragen, um erarbeitetes Fachwissen auf die pädagogische Praxis beziehen zu lernen. Im Master-Studium vertiefen wir diese Reflexionsarbeit, indem – bezugnehmend auf die in der ersten Reflexionsphase gewonnenen Erkenntnisse –
Fachtexte hinzugezogen werden, um die Wahrnehmungsvignette erneut zu lesen und zu reflektieren. In dieser zweiten, kriteriengeleiteten Reflexion gilt es, die möglichen Gründe für das Verhalten eines Kindes zu bedenken. Diese Erkenntnisse fließen in die dritte, haltungsorientierende Reflexion ein.
Phänomenologie als Methode des Forschens und Erkennens scheint eine sich verstärkende Bewegung zu sein, die Subjektsein, leibliche Anwesenheit, Wahrnehmung und individuelle Bewusstseinsakte als phänomenologische Zugangsweisen zur Lebenswelt versteht. Mit Studierenden haben wir diese Methode entwickelt und in einem Studienbuch mit Übungsmanual publiziert.

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