Es ist schwer vorstellbar, dass eine renommierte deutsche Uni – und gibt es überhaupt eine so renommierte wie Harvard? – eine Konferenz über Rudolf Steiner veranstaltet. Im Dezember 2025 wurden über 40 Referent:innen ausgewählt, um auf dieser Konferenz zu sprechen, die sich mit Steiners Vermächtnis hundert Jahre nach seinem Tod in einer Vielzahl von Bereichen befasste, darunter Philosophie, Medizin, Sozialwissenschaften, Geschichte, Biografie, Kunst und Waldorfpädagogik. Es war eine Forschungskonferenz, an der Wissenschaftler:innen teilnahmen, was bedeutete, dass es sich nicht nur um eine Feier innerhalb der anthroposophischen Gemeinschaft handelte – was einige anthroposophisch orientierte Teilnehmer:innen beunruhigte –, nicht zuletzt, als Aaron French und Henry Holland in ihrem Eröffnungsvortrag ihre Forschungen zu einigen Paradoxien und Ambivalenzen in Steiners Lebensbiografie vorstellten. Ein Mitglied des Publikums fragte in der anschließenden Fragerunde schmerzlich, wie man bei einer solchen Feier so kritisch sein könne. Der Vorsitzende wies höflich darauf hin, dass dies die Aufgabe von Wissenschaftler:innen sei, kritisch nach der Wahrheit zu suchen, und dass dies das Motto der Harvard University sei. Damit war der Ton gegeben.
Die Waldorfpädagogik in Deutschland wurde durch die Professoren Jost Schieren von der Alanus Hochschule und Peter Lutzker von der Freien Hochschule Stuttgart sowie mich selbst vertreten, obwohl weitere Wissenschaftler:innen aus dem deutschsprachigen Raum ebenfalls anwesend waren. Die Konferenz war in parallele Veranstaltungen gegliedert, sodass man nicht alle Referent:innen erleben konnte. Die meisten haben ihre Beiträge jedoch auf der Konferenzwebsite veröffentlicht und in den kommenden Monaten ist eine Reihe von Publikationen geplant. Es gab noch nie eine solche Fülle an wissenschaftlichen Arbeiten zu den verschiedenen Bereichen der Anthroposophie, weshalb diese schiere Menge an sich schon bemerkenswert ist. Es gibt eine junge Generation von Promovierenden, die sich dafür entschieden haben, in dem einen oder anderen Bereich von Steiners Ideen und Praktiken zu forschen. Obwohl es Beispiele für eine Art hermeneutische Ehrfurcht gab – um Professor Dan McKanan von der Harvard Divinity School zu zitieren, der die Konferenz leitete –, war der allgemeine Tenor, dass man Steiners Leistungen würdigte und ein großes Interesse an seinen Ideen sowie dem Zusammenhang zwischen ihm und anderen Denker:innen zeigte. Es gab jedoch auch kritische Stimmen, vor allem zu den umstrittenen Themen. Eines der prominentesten dieser Themen war die Frage nach Steiners Ansichten zu «Rasse», Kultur und Ethnizität.
Angesichts der aktuellen politischen und kulturellen Angriffe auf Vielfalt, Antidiskriminierungsmaßnahmen, Critical Race Theory, LGTBQ-Rechte oder Einwanderung war eine der erstaunlichsten Erfahrungen die verbale Kritik an allen Bemühungen in den Waldorfschulen, die die wichtige Rolle von Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion hervorheben (in den USA als DEI abgekürzt). Es wurden Positionen von Mitgliedern des Anthroposophical Social Justice Project aus den USA vorgetragen, die man in Europa als rechtsgerichtete, nationalistische, intolerante, autoritäre, sogar faschistische Agenda bezeichnen würde. Zum Glück gab es einige Redner:innen, die höflich, aber klar darlegten, dass nicht jeder, der Waldorf vielfältiger machen will, ein materialistischer Marxist ist und dass Spiritualität durchaus eine Rolle im aktuellen akademischen Diskurs spielt. Sogar Harvard hat eine Fakultät für verschiedene Formen der Spiritualität.
Wie viele der Redner:innen auf der Harvard-Konferenz, die eine Anthroposophie 2.0 forderten – eine Anthroposophie, die Steiners Leistungen würdigt, sich aber darauf konzentriert, unter anderem auf der Grundlage anthroposophischer Methoden neue Erkenntnisse über die Welt zu gewinnen –, fordere auch ich eine Waldorfpädagogik 2.0. Diese würde nicht einfach alte Praktiken und Überzeugungen reproduzieren, sondern durch Forschung, die die spirituelle Natur des Menschen und der Welt berücksichtigt, neue pädagogische Antworten auf aktuelle pädagogische Herausforderungen entwickeln.
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