Ausgabe 12/25

Waldorf ist eine Brezel

Ketao Feng

«Was ist Waldorf eigentlich?» Diese Frage tauchte vor Kurzem in einer Lehrer:innenkonferenz auf – und ich war verblüfft. Nach über 100 Jahren Forschung und Praxis in Deutschland wird sie also immer noch gestellt. Bei tausend Menschen gibt es tausend Hamlets – und bei tausend Lehrer:innen mindestens zweitausend Waldorfs! Denn das Verständnis von Waldorf wird im Laufe des Lebens immer wieder neu geboren. Ich habe in dem Kollegium sowohl konservative als auch innovative Menschen getroffen. Die Zusammenarbeit von so unterschiedlichen Persönlichkeiten ist für mich der wahre Geist dieser Philosophie. Wir müssen nicht in allem einer Meinung sein – und doch können wir gemeinsam mit denselben Schüler:innen arbeiten. Rudolf Steiner sagte einmal in einem seiner pädagogischen Vorträge: «Die höchste Kunst ist die soziale Kunst.» Und genau das spiegelt sich in der Waldorfschule wider. Wir folgen keinem starren Curriculum. Vielmehr wird jede:r ermutigt, mit eigener Begeisterung und Fähigkeit den eigenen Weg zu erkunden.

Ich glaube: Es kommt nicht darauf an, was ein Mensch lernt, sondern wie – mit Begeisterung und echtem Interesse. Noch wichtiger erscheint mir: Nicht das Gelernte zählt, sondern der Mensch, der daraus entsteht. Ich habe Steiner zitiert, um meine Gedanken zu bekräftigen. Doch wenn man seine Worte wie Dogmen behandelt, wird es gefährlich – denn dann hören wir auf, selbst zu denken. Steiner selbst sagte: «Glaubt mir nicht, sondern prüft nach.» ( GA 4)

Nicht zu sehr an Büchern hängen
 

Bevor ich wieder nach Deutschland zog, arbeitete ich fast zehn Jahre lang an verschiedenen Schulen in China. China ist wie ein pädagogisches Versuchsfeld, in dem viele innovative Ideen Wurzeln schlagen – Waldorf ist nur eine davon. Die Waldorfbewegung in China existiert seit über 20 Jahren. Das gelegentliche Verschwinden von Schulen liegt meiner Erfahrung nach nicht an der zentralisierten Politik oder strengen Gesetzen, sondern an den engagierten Lehrer:innen selbst. Viele hängen zu sehr an Büchern und Curricula und verlieren dabei den Blick für die Kinder. Rudolf Steiner sagte dazu: «Wo ist das Buch, in dem der Lehrer lesen kann, was Lehren ist? Die Kinder selbst sind dieses Buch.» (GA 295) Waldorf ist Menschenbildung. Das einzige Curriculum ist der Mensch. Deshalb müssen wir Kinder beobachten. Bücher sind nur gelegentliche Helfer.

Manche Lehrer:innen in China sind so begeistert, dass sie ihre Erfahrungen für allgemeingültig halten und andere belehren wollen. Diese inneren Konflikte führen zu häufigem Lehrkräftewechsel. Vielfalt zuzulassen und Gemeinsamkeiten zu suchen, braucht Zeit. Waldorfpädagogik ist letztlich Selbstpädagogik – ein Weg, der nicht nur persönliche Reife, sondern auch kollektive Geduld verlangt. Besonders in China zeigt sich, wie anspruchsvoll dieser Weg sein kann. Die Idee der Lehrer:innenautonomie, wie sie in der Waldorfpädagogik angestrebt wird, steht dort oft im Spannungsfeld mit gesellschaftlichen Erwartungen, institutionellen Strukturen und kulturellen Hierarchien. Die Umsetzung von Selbstverantwortung im Kollegium ist ein langsamer, aber notwendiger Weg – und vielleicht gerade deshalb ein besonders wertvoller. Ich frage mich, ob Deutschland ähnliche Phasen durchlebt hat – und in welcher Phase es sich jetzt befindet. Die staatliche Unterstützung für Waldorfschulen ist in Deutschland im internationalen Vergleich beeindruckend. Und doch besuchen nur etwa 0,9 Prozent der Schüler:innen in Deutschland eine Waldorfschule.

Fremd im eigenen Haus?
 

Das ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass Waldorf heute weltweit verbreitet ist – in über 70 Ländern, in unterschiedlichsten Kulturen und Gesellschaften. Es gilt als die größte alternative Bildungsbewegung der Welt. Und dennoch: In Deutschland, dem Ursprungsland dieser Pädagogik, bleibt Waldorf trotz hundertjähriger Geschichte und hoher Bekanntheit eine Randerscheinung. Dieses Spannungsverhältnis fasziniert mich: Wie wird Waldorf in der deutschen Kultur verstanden?

Ist es ein vertrautes Konzept – oder ein fremdes im eigenen Haus? Ich bin neugierig, wie Menschen in Deutschland dieses «heimische» Bildungskonzept wahrnehmen – und warum es trotz seiner Wurzeln hier so wenig gewählt wird. Eine weitere interessante Beobachtung: Ich fragte einmal meine achte Klasse, wer später Influencer:in werden möchte. Niemand meldete sich. In China habe ich erlebt, dass viele Waldorfschüler:innen ab der Mittelstufe beginnen, sich von der Schule zu entfremden. Sie verlieren das Interesse an den meisten Fächern, hängen viel am Handy und träumen vom Dasein als Influencer:in. In der Waldorfbewegung dort spricht man sogar von «Waldorf-Flüchtlingen» – Jugendliche, die die Schule wechseln, von einer Waldorfschule zur nächsten ziehen oder ganz in andere Schulsysteme oder sogar ins Ausland gehen. Die Pädagogik verliert für sie also an Attraktivität. Auch in Deutschland gibt es ähnliche Tendenzen – wenn auch weniger drastisch. Manche Schüler:innen distanzieren sich ab der Mittelstufe innerlich von der Schule, ohne dass es sofort sichtbar wird. Das wirft für mich die Frage auf: Was brauchen Jugendliche, damit sie sich von Waldorf getragen fühlen?

Ich erinnere mich an einen Rat, den ich selbst gerne weitergebe: «Unterrichte das, was dich selbst begeistert – denn nur dann kannst du andere begeistern.»

In der Waldorfpädagogik steht immer der Mensch im Mittelpunkt – nicht der Inhalt. Ich finde, Waldorf ist eine Brezel. Es geht nicht immer geradeaus. Manchmal biegt es sich, manchmal windet es sich, manchmal kreuzt es sich. Es ist sehr deutsch – aber nicht alle in Deutschland haben ein Gefühl dafür. So ist es eben in der Welt. 

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