Waldorfschulen in der Schweiz – Eine grosse Schulbewegung im Umbruch

Von Heinz Brodbeck, November 2022

In Deutschland gibt es 250 Waldorfschulen, 28 in der Schweiz. In beiden Ländern sind es auf je 320.000 Einwohner eine Waldorfschule. Trotz der Beliebtheit der schweizerischen Waldorfschulen nimmt die Schülerzahl ab. Der Autor analysiert die Lage und regt zu Reformen an.

Gestern 

Gründungsimpulse

In der Schweiz heißt die Waldorfschule meist Rudolf-Steiner-Schule oder kurz Steinerschule. Ihre Geschichte begann 1921 mit einer Fortbildungsschule am Goetheanum. 1926 startete die erste öffentliche Rudolf-Steiner-Schule in Basel, im Jahr darauf eine in Zürich. Erst 1945 wurde dann die nächste Schule in Bern eröffnet.1 Aus der aufgelösten Rudolf-Steiner-Schule Schaffhausen ging 2017 als letzte Gründung eine neue Waldorfschule hervor. Den vorläufigen Höhepunkt erreichte die Schulbewegung im Jahre 2014: 7000 SchülerInnen, 1000 LehrerInnen, 28 Schulen.2

Gründer waren meist vom neuen Schultypus begeisterte Eltern, die für ihre Kinder Waldorfpädagogik wünschten. Sie verbanden sich mit kundigen Lehrer:innen und bildeten regionale Initiativen. Manchmal stellten Gönner:innen private Räumlichkeiten zur Verfügung, die in Klassenzimmer umfunktioniert wurden. So residierte zum Beispiel eine Schule in Zürich lange im veritablen Stadtschloss einer Brauerei. Förderer neuer Schulen waren Menschen, welche die freiheitliche und individuelle Menschenbildung im Sinne Steiners als notwendige Ergänzung – oder vielleicht sogar als Herausforderung – einer staatlich und politisch gelenkten Erziehung unterstützen wollten.

Schulverbund

Aus dem Bedürfnis, sich auszutauschen, gab es schon Ende der 1960er Jahre Treffen der Oberstufenlehrer:innen, daraus wurden halbjährliche Gesamtkonferenzen und schließlich 1976 die alle Rudolf-Steiner-Schulen in der Schweiz und Liechtenstein umfassende Arbeitsgemeinschaft.

Sie ist als Verband mit einer dreiköpfigen Teilzeit-Koordinationsstelle organisiert. Die Hauptaufgaben sind: Die Rudolf-Steiner-Schulen öffentlich zu vertreten, ihre Autonomie nach innen und außen zu schützen, ihre Zusammenarbeit und Evolution zu fördern, sowie einzelnen Schulen in schwierigen Situationen beizustehen. Vertreter:innen der Schulen treffen sich in Delegiertenversammlungen viermal im Jahr. Der Verband wird von den Schulen solidarisch getragen und entscheidet über Vorschläge zur Schulentwicklung und deren Finanzierung. Zum Verband gehören auch zwei Fachschulen für Waldorfpädagogik.  

Stiftung

Mit einem von Dritten gespendeten Vermögen wurde 1989 die Stiftung zur Förderung der Rudolf Steiner Pädagogik in der Schweiz errichtet. Sie hilft den Schulen bei der Entschuldung von teuren Hypotheken und bei neuen Bauprojekten. Die Darlehen müssen kontinuierlich getilgt werden. So fließt laufend Geld an die Stiftung zurück und steht weiteren Schulen zur Verfügung. Die Anlageerträge und Spenden zugunsten der Stiftung sind klein, weshalb sie pädagogische Projekte nur wenig mit A-fonds-perdu-Beiträgen fördern kann. So unterstützt sie zum Beispiel Forschungen und Lehrpläne. Und dank der jährlichen Gabe einer befreundeten Stiftung kann sie die Koordinationsstelle des Verbandes mitfinanzieren. Zuschüsse an Schulen zur Deckung ihrer allgemeinen Betriebskosten sind ausgeschlossen. Einzelne Schulen konnten Fonds einrichten, die bedürftigen Familien helfen, das Schulgeld für ihre Kinder aufzubringen.

Heute

Wachstum

Die Schüler:innenzahlen schwinden seit Jahren, wohingegen die Anzahl der Schüler:innen an anderen nicht subventionierten Privatschulen in den letzten zehn Jahren um ein Drittel anstieg. So beträgt der Anteil der Steinerschüler:innen an allen Schüler:innen (1. bis 9. Klasse) in der Schweiz nur 0,5 Prozent. Für Deutschland wird immerhin 1 Prozent geschätzt.3

Die tendenzielle Schrumpfung der Steinerschulen ist paradox. Denn gemäß empirischen Studien3, 4 erfüllt diese Pädagogik genau das, was alle Eltern sich für die Bildung ihrer Kinder wünschen. Steinerschuleltern selbst beurteilen ihre Schulen als gut.

Innovation

Die von drei Rudolf-Steiner-Schulen gegründete Atelierschule in Zürich ist ein glänzendes Beispiel für eine neuartige Gestaltung der Klassen 10 bis 13. Nicht nur, dass sie als einzige Schule einen hauseigenen Maturitätsabschluss (Abitur) anbieten darf, sondern auch einen Unterricht in Ateliers als pädagogisches Herzstück. Die Ateliers fördern Arbeitsliebe und Hingabefähigkeit, indem sie Schüler:innen ermöglichen, an und mit frei wählbaren Studien- und Kunstprojekten zu lernen. Organisiert als Werk-, Experimentier- und Forschungsstätten werden bildnerisches Gestalten, Biologie und Chemie sowie Musik-Tanz-Theater vertieft. Die Atelierschule ist zu einer vierzügigen Mittelschule herangewachsen und zieht Menschen aus Steiner- und anderen Schulen fast «magisch» an. Leider ist es nicht gelungen, eine Atelierschule in anderen Regionen zu implementieren, weil die vom Staat verlangten Qualifikationen nicht vorhanden waren.

Andere Steinerschulen richten alternative Bildungsgänge für den Hochschulübertritt aus. Dazu gehört die Vorbereitung auf die Eidgenössische Maturität; der steinigste Weg zur Hochschulreife. An drei Schulen wird auf das International Baccalaureat Diplom oder das französische Baccalauréat vorbereitet und an der Rudolf Steiner Schule St. Gallen kann man das in Neuseeland entwickelte Certificate of Steiner Education erlangen. Der steinerschuleigene Abschluss IMS (Integrative Mittelschule) qualifiziert für die Berufsbildung und Fachschulen.

Finanzierung

In der Schweiz gibt es in der Regel keine staatlichen Zuschüsse für private Volksschulen. Für die Finanzierung ihrer Schule sind deshalb die Eltern allein verantwortlich. Sie bringen jährlich 60 Millionen Schweizerfranken Schulgeld auf.2 Das ergibt pro Haushalt monatlich 1.200 Franken; etwa fünfmal soviel wie der Waldorfbesuch die Eltern in Deutschland kostet. Das Schulgeld wird solidarisch erhoben. Im Prinzip gilt es pro Familie, nicht pro Kind und ist vom Einkommen der Eltern abhängig.

Wenn Eltern eine solche finanzielle Last und die anspruchsvolle Mitverantwortung im Rahmen der Selbstverwaltung auf sich nehmen, sind die Erwartungen an die Schule entsprechend groß. Sie werden in hohem Masse erfüllt. 91 Prozent der Eltern empfehlen die Schule weiter, praktisch alle würden ihre Kinder wieder in die Steinerschule schicken, die Absolvent:innen selbst würden wieder dorthin gehen und 96 Prozent der Quereinsteiger-Eltern sagen, ihre an den Schulwechsel geknüpften Hoffnungen hätten sich erfüllt.3

Corona

Die Pandemie zwang alle Schulen, sich rasch umzustellen und neue Vorschriften zu befolgen. Das Bestreben war, die Schulen offen zu halten, was Fernunterricht, Unterricht im Freien und Umstellen der Tagesstruktur ermöglichten. Lehrpersonen, Schüler:innen und Eltern waren einsichtig, flexibel und experimentierfreudig. Trotzdem gab es heftige Meinungsverschiedenheiten über den Umgang mit den staatlichen Verordnungen. Das erzeugte polemische Presseberichte und Schulaustritte.

Eine Studie5 zeichnete ein Stimmungsbild über Schulerfahrungen während der Pandemie. Sie zeigt, wie das Erlebte den zukünftigen Schulalltag umformen könnte. Tendenziell werden mehr stufengerechtes, selbstgestaltetes Lernen und vielseitige Projektarbeiten gewünscht, die das Lernen noch stärker mit dem Leben verbinden. Es wird vorgeschlagen, weniger fächerspezifisch zu unterrichten und den Schulrhythmus zu ändern, hin zu mehr selbstorganisiertem Lernen in den oberen Schulstufen. Das fördere auch die autodidaktische Kompetenz. Corona setzte an allen Schulen viel Kreativkräfte frei. Die Pandemie war und ist eine Chance für die Rudolf-Steiner-Schulen, zu einer lernenden Organisation zu werden.

Ukraine 

Rasch reagierte der Verband auch, als es galt, ukrainische Flüchtlingskinder zu beschulen. Er koordinierte die Aufnahme in die Klassen an mehreren Schulen, leistet Unterbringungshilfe und gewann einige ehemalige Waldorflehrer:innen dafür, den Kindern ehrenamtlich Deutschunterricht zu erteilen. Zudem schuf er einen Fonds zur finanziellen Unterstützung der Flüchtlingsfamilien. In solidarischer Verbundenheit mit der Organisation Freunde der Erziehungskunst, schöpfte der Vorstand seine materiellen Kompetenzen aus und überwies eine Spende für deren notfallpädagogische Hilfe in der Ukraine.

Morgen

Aktionsfelder

Ihr zeitgemäßes Pädagogikkonzept mit seinem grundlegenden Menschenbild, ihr erzieherischer Erfolg, die inhaltliche Übereinstimmung von Angebot und Nachfrage und ihre 100jährige Erfahrung prädestinierten die Steinerschulen eigentlich zu quantitativem Wachstum. Es mag viele Gründe geben, warum das in der Schweiz nicht so ist. Dem Blick nach innen ergeben sich vier zentrale Ansätze zur Weiterentwicklung6: Didaktik – was brauchen die heutigen Schüler:innen für ihr Leben? Lehrpersonen – was heißt das für die pädagogische Aus- und Weiterbildung? Interaktion – wie entwickelt sich Erziehungspartnerschaft als Schulkultur? Selbstverwaltung – wie Teilhabe und Effizienz steigern?

Die Lösungen dieser Aufgaben stehen nicht als Rezepte in einem Lehrbuch. Alle Schulbeteiligten (Kollegium, Elternschaft, Schülerschaft, Schulverein), müssen gemeinsam herausfinden, wo sich ihre Schule weiterentwickeln kann und was konkret zu unternehmen ist.

Gute Erfahrungen macht der Verband mit der systematischen Begleitung neuer Lehrkräfte. Das Coaching-Modell und die Weiterbildung der Lehrpersonen will er weiter fördern. Ein anderer Schwerpunkt ist, die Zusammenarbeit zwischen den Schulen zu ermutigen und auch die Eltern mehr ins Schulgeschehen einzubeziehen. Dazu sollen ein schweizerischer Elterntag und ein Elternforum eingerichtet werden. Der Verband schuf einen international beachteten Rahmenlehrplan für Medienpädagogik.7 Er wird zurzeit in den Schulen eingeführt. Zudem wird an einem stufenübergreifenden Lehrplan für Wirtschaftskunde gearbeitet und nach Wegen gesucht, das Thema Beziehungskunst weiter zu entwickeln

Vernetzung

Die jährlichen Weiterbildungstage, die jeweils 400 Lehrpersonen aus den Rudolf-Steiner-Schulen zusammenbringen, sind ein bewährtes Modell interner Vernetzung. Ebenso wichtig ist, externe Verbindungen mit lokalen Behörden, Medienschaffenden, Erziehungswissenschaftlern, Pädagogischen Hochschulen (PHs) zu pflegen. Verband und Stiftung beschäftigen sich zum Beispiel mit der Frage, ob an öffentlichen PHs ein Waldorflehrgang eingeführt werden könnte. Einerseits um den Stellenwert der Waldorfpädagogik zu erhöhen und andererseits, um das Reservoir für die Rekrutierung von Lehrpersonen zu erweitern.

Grundsatzfragen

Manche sagen, für das Morgen der Rudolf-Steiner-Schulen sei es an der Zeit, den Waldorfimpuls neu zu fassen. Die Meinungen was zu tun ist, sind vielfältig, die Vorschläge zahlreich3 (Kap. 5), die Umsetzung noch nicht in voller Fahrt. Ich denke, die in der Schulbewegung Tätigen dürfen sich undogmatisch Fragen stellen wie: Was ist die heutige Mission, der Zweck der Steinerschulen? Warum sind wir in der Nische einer Schule für gutverdienende Bildungsbürger gefangen? Woran zeigt sich, ob wir uns als Schule inhaltlich entwickeln, nicht nur verwalten? Was ist ermattet, wo keimt Neues? Wer braucht uns? Und vor allem: Wie bekommen die Kinder das, was sie für ihr zukünftiges Leben benötigen?

Das Ringen mit solchen Fragestellungen kann Wege weisen und Kräfte freisetzen. Die tiefschürfende Bearbeitung grundsätzlicher Fragen löst vielleicht eine Dynamik bei der Gestaltung der Curricula der Lehrer:innen-Ausbildung, der Auswahlprozesse für Lehrpersonen, der Lehrpläne in den Schulen und beim Umgang mit der Selbstverwaltung aus. Noch genießen die Steinerschulen weitgehende Unabhängigkeit von staatlicher Einflussnahme. Neues könnte also eigenständig und rasch eingeführt werden und zu pädagogischer Exzellenz an allen Schulen führen. Gefragt sind nun initiative Menschen, die herzhaft Reformen voranbringen und tun, was zu tun ist.

Die Probleme klassischer, staatlicher Pädagogik auf Basis des üblichen, materialistischen Menschenbildes scheinen zulasten heutiger Generationen zuzunehmen. Auch deshalb besteht die Chance, dass Eltern die Rudolf-Steiner-Schulen neu entdecken.

Quellen:

1 Zimmermann, H. und Thomas, R., 2007. Die Rudolf-Steiner-Schulen in der Schweiz. Aesch: Geschäftsstelle Rudolf-Steiner-Schulen Schweiz

2 Aebersold, R. und Fahrni, E.M., Statistikbericht. Aesch: Geschäftsstelle Rudolf-Steiner-Schulen Schweiz (unveröffentlichtes Dokument)

3 Brodbeck, H., 2018. Rudolf-Steiner-Schule im Elterntest, Lob – Kritik – Zukunft. Norderstedt b. Hamburg: PubliQation – Academic Publishing, Books on Demand

4 Barz, H. (Hrsg), 2019: Bildung und Schule – Elternstudie 2019, Einstellungen von Eltern in Deutschland zur Schulpolitik. Münster: Waxmann

5 Seefried, M.J.,2020. Entwicklungschancen nach Corona aufgreifen. Schulkreis – Die Zeitschrift der Rudolf-Steiner-Schulen in der Schweiz, Herbst 2020, S. 10–12. [Online]

6 Brodbeck, H., 2020. Entwicklungsfelder für die Rudolf-Steiner-Schulen (Triangulationsstudie). [Folienpräsentation. Online]

7 Online

Mehr über die Rudolf Steiner Schulen Schweiz und Liechtenstein auf

https://steinerschule.ch/

Dr. Heinz Brodbeck ist Vorstand der Steiner Schulen Schweiz. Nach Berufslehre und Studium war er bei globalen Firmen leitend tätig. Im Ruhestand promovierte er mit einer Studie über soziale Banken «Values in internal Marketing» (Nomos). 2018 verfasste er die Zufriedenheitsstudie «Rudolf-Steiner-Schule im Elterntest» (BoD) und 2019 veröffentlichte er zusammen mit Robert Thomas das Buch «Steinerschulen heute» (Zbinden). Er engagiert sich ehrenamtlich in verschiedenen anthroposophisch orientierten Einrichtungen, war Schulvater und Vorstand an Steinerschulen.

Kontakt: heinz.brodbeck(at)steinerschule.ch

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