Waldorfpädagogik ist – ebenso wie die Anthroposophie – nie vollendet, sondern eine immerwährende Baustelle. Hier ein Konzert inmitten des Abbruchgeschehens im Sommer 2014 in der Freien Waldorfschule Augsburg. Monate später entstand dort ein Neubau mit einem großen Saal und Verwaltungsbüros.
Wohl noch nie in der Menschheitsgeschichte haben sich die Gesellschaft und damit auch die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen so rasant verändert. Es gibt
viele wachsame Zeitgenoss:innen, die diesen grundlegenden Kulturwandel aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben. Uns vor nicht allzu langer Zeit als selbstverständlich geltende Erlebnis- und Erfahrungsfelder wie Natur, Bewegung und Spiel sind aus dem Leben der Kinder weitgehend verschwunden. Diese aktuellen Entwicklungen wirken auf die Kinder zurück und erfordern, auch die Formen ihres Lernens zu verändern. Der Kulturwandel und die heutige Generation von Kindern und Jugendlichen brauchen eine neue Generation von Schulen, deren Lehrkräfte auf die aktuelle Zeit mit einer veränderten Unterrichtstätigkeit reagieren.
Dies gilt auch für die Waldorfschulen. Sie sind allerdings dann im Vorteil, wenn sie ihre Arbeit als «Kulturtat» auffassen und begreifen, dass «besondere Zeiten ihre besonderen Aufgaben haben». Solche Aussagen hat Steiner nicht nur abstrakt ausgesprochen, sondern machte sie damals in der Konzeption der Waldorfschule konkret. Die Frage ist, wie wir heute, im Jahre 2025, hundert Jahre nach seinem Ableben, unsere Schulen aus der Einsicht in die geistigen Signaturen der Gegenwart zeitgemäß ausrichten. Was heißt es heute eigentlich, eine Kulturtat in der Zeit eines Kulturwandels zu vollbringen? Steht uns etwa bei der Bemühung um eine neue Generation von Waldorfschulen das vor hundert Jahren vollendete Lebenswerk des Gründers im Wege? Ich würde diese Frage bejahen, wenn wir uns unfruchtbar an seinem Wortlaut festklammern, missionarisch und irrational auftreten und die vor Jahrzehnten entstanden Schulformen einfach unreflektiert fortführen würden. Ich würde sie verneinen, wenn wir uns an Steiner selbst orientieren. Denn er selbst war derjenige, der prinzipiell nie fertige Gedanken von irgendjemandem übernommen und tradiert hat, sondern mit Interesse aufgenommen, aber dann auf besonnene und rationale Art weitergedacht hat. Insbesondere hat er das mit Goethes Ideen und Vorstellungen praktiziert. So sind Steiners frühe und spätere Werke über Goethes Erkenntnismethode und Weltanschauung entstanden. Sie sind nicht einfach eine Wiedergabe der Ideen, die Goethe zu seinen Lebzeiten gedacht hat, sondern ihre Weiterentwicklung. Steiner fand: «Im Fortdenken und Fortfühlen des Aufgenommenen liegt ein Wesentliches». Dies ist auch heute dringend erforderlich im Hinblick auf das Fortdenken seiner Ideen. Zwei aktuelle Beispiele seien dafür angeführt. Das erste Beispiel betrifft den Ansatz einer waldorfspezifischen Medienpädagogik, der vor einigen Jahren – maßgeblich durch den Waldorfpädagogen Edwin Hübner – als eine Antwort auf die digitale Transformation der Gesellschaft initiiert wurde. Inzwischen liegen nicht nur fundierte Publikationen, sondern auch ganze Fortbildungsreihen und auch viele erfolgreiche Anwendungen in der schulischen Praxis vor. Das zweite Beispiel betrifft die waldorfpädagogischen Formen der sogenannten Erlebnis-, Handlungs- und Arbeitspädagogik, die die Frage der Willenserziehung in den Mittelpunkt ihres Ansatzes stellen und das Lernen in praktische landwirtschaftliche oder betriebliche sinnvolle Tätigkeitszusammenhänge integrieren. Aus beidem ergeben sich neue Lernformen, neue Strukturen des Schulalltags und neue Methoden.
Anthroposophie als Menschenkenntnis
Steiner kann uns noch in einer weiteren Hinsicht Vorbild sein. Die Anthroposophie erscheint in seinem Lebenswerk fragmentarisch, multiperspektivisch, lebendig und unabgeschlossen. Anthroposophie ist kein fertiges System, kein fertiges Menschenbild oder eine abgeschlossene Weltanschauung und wir sollten nicht so tun, als ob dem so sei.
Es ist symptomatisch, dass das einzige von Steiner geschriebene Buch mit dem Titel Anthroposophie (1910) ein Fragment bleibt, unvollständig. Es handelt sich um einen komplett neuen Ansatz dazu, was er 1902/03 in einer Vortragsreihe mit dem Titel Anthroposophie ausführt. Einige Jahre nach dem gescheiterten Versuch mit dem Fragment-Buch Anthroposophie nimmt Steiner einen neuen Anlauf in seinem Werk Von Seelenrätseln. In dem 1917 erschienenen Buch beschreibt er die Anthroposophie im Verhältnis zu den Naturwissenschaften (bei ihm Anthropologie genannt). Er kommt darin zur Anschauung des dreifachen Menschen und nennt sie «das wichtigste Ergebnis» seiner langjährigen Forschungen.
Demnach interagiert der Körper mit der Seele und dem Geist in der Kopforganisation anders als in den Lebensorganen des Rumpfes oder in der Bewegungsorganisation. 35 Jahre geduldigen und äußerlich unscheinbaren Forschens – so Steiner selbst – werden von diesem erfolgreichen Erkenntnisdurchbruch gekrönt. Erst ab jetzt könne man mit diesem Instrumentarium anthroposophisch in der Praxis etwas bewirken. 1924, in den letzten Monaten vor seinem Tod, unternimmt Steiner wiederholt einen Versuch, die Anthroposophie in den sogenannten Anthroposophischen Leitsätzen und in dem mantrischen Spruch Der Grundstein darzustellen. Als Steiner 1925 stirbt, bleibt sein Lebenswerk trotz der enormen Fülle fragmentarisch und unvollendet. In diesem Sinne kann man darin einen Reichtum von Impulsen, Initiativen und Innovationen, aber keine Doktrin und kein Schema vorfinden. Bemühen wir uns also auch heute, unsere Schulen entsprechend der Entwicklungsdynamik der Anthroposophie und dem gesellschaftlichen Kulturwandel lebendig im Wandel zu halten!
Der «prophetische» Blick
«Der Lehrer beschäftigt sich Tag und Nacht damit, herauszubekommen, wie es im Leben sein wird, wenn nach der jetzigen Zeit zehn, zwanzig Jahre vergangen sein werden.» Das ruft Steiner den Waldorfschüler:innen 1922 in einer Ansprache zu. Leben wir als Pädagog:innen auch heute mit der Frage, welchen Zeiten unsere Schüler:innen entgegenwachsen? Auch wenn wir keinesfalls spekulieren sollten, ist es sicher nicht sinnlos, beim Blick auf die Kinder und Jugendlichen diese Frage in unserer pädagogischen Grundhaltung mitschwingen zu lassen. Sicherlich gibt es auch Gelegenheiten, eine solche Frage mit den Schüler:innen selbst zu bewegen, zum Beispiel indem man sie dazu anregt, etwas zu schreiben. Für mich stellte die Lektüre derartiger Aufsätze eine spannende und aufschlussreiche Erfahrung dar. Lehrkräfte müssen sich mit der Frage befassen, was die Schüler:innen für ihren Lebensweg brauchen. Das erfordert einen in die Zukunft gerichteten Blick.
Auch Steiner selbst beschäftigte sich viel mit der Zukunft der Schüler:innen und teilte seine Überlegungen mit den Lehrkräften, insbesondere hinsichtlich der geistigen Ursachen und Folgen der technischen Entwicklung. Steiner sieht zum Beispiel voraus, dass in der Zukunft «neun Zehntel der Menschenarbeit» durch Maschinen erledigt werden. Er sah auch voraus, dass das Nervensystem des Menschen immer mehr mit der Maschine «zusammengeführt» würde. Und er nahm es nicht einfach hin, sondern war der Überzeugung, dem müsse etwas entgegengesetzt werden. «Nicht darum handelt es sich, den Materialismus zu widerlegen», sagt er, «denn er ist auf dem Marsche, richtig zu werden, sondern darum, ihn unrichtig zu machen». Wie machen wir den Materialismus «unrichtig», das heißt, wie überwinden wir ihn in seiner dominanten Einseitigkeit? Das geht nur, wenn sich Menschen praktisch übend einer «spirituellen Betätigung» zuwenden. Dieses Ziel verfolgte er mit den anthroposophischen Ideen. Sie sollten nicht als abstrakte Theorie behandelt werden, sondern in ihrer praktischen Anwendbarkeit, als Tat und Mittel. Sie sollten aus uns andere Menschen machen, uns verändern. So war Steiner zu seinen Lebzeiten einer der wenigen Pioniere der Meditation. Heute ist Meditation in der Mitte der Gesellschaft angekommen und in den Wissenschaften als evidenzbasiert anerkannt.
Pädagogisch führt uns die umfassende Technisierung der Lebenswelt der Schüler:innen dahin, dass das Lernen maximal auf Aktivierung, Selbständigkeit und intrinsischer Motivation beruht. Steiner meint schon damals, «in der Zukunftserziehung und im Zukunftsunterricht… [gehe es vor allem um] die Willens- und Gemütsbildung». Das heißt, die körperlichen Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen müssen bewusst gepflegt werden - durch intensivierte künstlerische Tätigkeit, praktische Arbeit, durch Spiel und Sport sowie durch dialogische Kommunikation. Die Willensbildung setzt die Möglichkeit voraus, dass Schüler:innen autonom und selbsttätig reale Erfahrungen machen können, dass sie sich damit in einem kontinuierlichen Ermutigungsprozess befinden. Gleichzeitig muss zu ihrer Willensbildung die Schule zu einer Schutzzone gegenüber ent-körperten Erfahrungen in den virtuellen Welten werden. Diese beiden Dimensionen der Willensbildung sind zugleich die Bedingungen für ein gesundes Aufwachsen.
Mut zum Geist
Wenn wir als Waldorfpädagog:innen von Steiners Lebenswerk grundsätzlich Abstand halten, wie uns Gegner:innen und Kritiker:innen unermüdlich nahelegen, wäre der Weg zur Schwächung der Waldorfpädagogik und zu ihrem Identitätsverlust beschritten. Das ist aktuell keine hypothetische, sondern eine reale Gefahr. Nur ein Bruchteil der Waldorflehrkräfte setzt sich mit den zentralen Motiven und Ideen Steiners aktiv auseinander. Damit sind nicht ein passiver Glaube oder devotionales Nachbeten gemeint, sondern ein Weiterdenken durch kritische Auseinandersetzung und eine kreative Aktualisierung. Warum ist für uns Steiner inzwischen so schwer? Aus intellektueller Gemütlichkeit? Steiners Ausführungen zu lesen und zu verstehen, erfordert anstrengende Denkarbeit. Michael Ende formulierte es einmal so: «Steiner liegt quer zu gegenwärtigen Denkgewohnheiten.» Wir können uns aber auch fragen, ob es sich dabei vielleicht um eine unbewusste Angst handeln könnte, weil wir manche Aussagen Steiners selbst nicht verstehen und vertreten können? Bangen wir wegen mancher Darstellungen, als dubiose Esoteriker:innen diskreditiert zu werden? Steiner wagte es, konsequent vom Geist zu sprechen. Und es braucht auch heute Mut dazu, den Geist zu suchen und im eigenen Tun zu berücksichtigen. Eine subtile Furcht veranlasst uns, Waldorfpädagogik und Anthroposophie zu trennen.
Wir haben den großen Vorteil, dass wir im Gegensatz zu der Zeit vor hundert Jahren die Erfahrung gemacht haben, dass die Anthroposophie in ihrer praktischen Wirksamkeit nicht nur in der Pädagogik, sondern beispielsweise auch in der Medizin und in der Landwirtschaft tatsächlich erfolgreich ist und greift. Diese positiven Erfahrungen mit Kindern, Patient:innen und im Umgang mit der Erde dürften uns motivieren, dieser praktischen Durchschlagskraft auf den Grund zu gehen. Wir sollten uns aber nicht einschüchtern lassen und auf die ideellen Grundlagen im Lebenswerk Steiners verzichten oder nur auf bestimmte, aus pragmatischen Gründen vertretbare Segmente reduzieren. Lassen wir uns deshalb auf dem Weg zu einer neuen Generation von Schulen nicht entmutigen!
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