Ausgabe 10/25

Waldorfpädagogik ist Freiheitspädagogik

Jost Schieren


Mehr als hundert Jahre nach der Gründung der ersten Waldorfschule in Stuttgart (1919) und hundert Jahre nach dem Tod Rudolf Steiners (1925) steht es an, zu fragen, was das Selbstverständnis der Waldorfpädagogik ist und wohin es in Zukunft gehen soll. 

In der Werkbiografie von Rudolf Steiner lassen sich vier Phasen unterscheiden. Bis 1900 widmete er sich hauptsächlich der Philosophie, von da an bis 1914 der Theosophie, zwischen 1914 und 1918 der Anthroposophie und bis zu seinem Tod deren Lebensfeldern. Was zeichnet diese einzelnen Werkphasen aus?

Der philosophische Steiner
 

Das Frühwerk Rudolf Steiners ist durch seine philosophischen Veröffentlichungen geprägt. Seine erste Schrift Grundlinien einer Erkenntnistheorie der goetheschen Weltanschauung erschien 1886, als Steiner 25 Jahre alt war. Es folgte darauf 1892 die Veröffentlichung seiner Rostocker Promotion unter dem Titel Wahrheit und Wissenschaft. Beide Schriften verfolgen einen komplementären phänomenologischen Ansatz der Erschließung von Welt und Ich. In der Sicht Steiners führt Goethes Methode der anschauenden Urteilskraft zu einer spirituell vertieften Erfahrung der sinnlichen Erscheinungswelt. Und Fichtes intellektuelle Anschauung, womit die zweite Schrift befasst ist, nimmt den Selbstvollzug des denktätigen Ichs in den Fokus und führt zu einer ideellen Selbstbegründung der menschlichen Individualität. In seinem 1894 veröffentlichten Hauptwerk Die Philosophie der Freiheit führt Steiner beide Ansätze zusammen, indem er die Wirklichkeit als produktives Erzeugnis des menschlichen Ichs beschreibt und indem er die im Denken hervorgebrachten Begriffe und Ideen als intuitive Erfahrungen vergegenwärtigt. Das Ich bringt sich in und an der Welt hervor und die (ideelle) Welt erscheint im Ich. Das ist der Grundzug von Steiners Monismus, seines philosophischen Ausgangspunktes, nach dem alle Phänomene der Welt auf ein einziges Erkenntnisprinzip zurückzuführen sind. Liebe zu den Welterscheinungen und die potenzielle Freiheit des Individuums sind die idealistischen Implikationen dieses Monismus.

Der theosophische Steiner
 

Der Übergang von Steiners philosophischem Frühwerk hin zur Theosophie wirft viele Fragen auf. Wie kommt der idealistisch-rationale Philosoph Steiner zu einer esoterisch-spirituellen Anschauung? Sind philosophisch-akademische Wissenschaft und eine esoterisch-spirituelle Weltsicht seit Kant nicht unvereinbar?  Liegt hier nicht ein gewaltiger Bruch vor? Es ist festzuhalten, dass Steiners philosophische Schriften nur auf ein mäßiges Interesse der Fachwelt stießen. Die theosophische Gesellschaft hat ihm einen größeren Wirkenskreis eröffnet. Er führt mit den Schriften Theosophie (1904), Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (1904/1905) und Geheimwissenschaft im Umriss (1910) in esoterische Sichtweisen auf die Entstehung der Welt sowie in die spirituelle Existenz des Menschen ein und erschließt einen Erkenntnisweg sogenannten höheren Wissens. Das kann von außen betrachtet als Gegensatz erscheinen. Das gemeinsame Band liegt allerdings im Monismus. In seinem philosophischen Frühwerk erörtert Rudolf Steiner die erkenntnismethodischen Grundlagen seines Monismus. In seinen theosophischen Schriften beschreibt er inhaltlich ein monistisches Weltbild. Das eine ist die (Erkenntnis-)Form im Menschen, das andere die Substanz in der auch übersinnlichen Welt.

Der anthroposophische Steiner
 

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs kommt es zum Bruch mit der theosophischen Gesellschaft. Steiner begründet die Anthroposophische Gesellschaft und beginnt in Dornach in der Schweiz eine weitere, eigentlich unvorhersehbare, Phase seines Werkes. Der über 50-Jährige, der bis dahin nicht selbst künstlerisch tätig geworden ist, begründet mit Ausnahme der Musik in beinah allen Sparten einen neuen Kunstimpuls. Sprache, Eurythmie, Literatur, Malerei, Bildhauerei und Architektur – das sind die Felder, in denen Rudolf Steiner selbst beziehungsweise in Zusammenarbeit mit seiner Ehefrau Marie Steiner tätig zu werden beginnt. Die Kunst wird zum zentralen Element der neuen Anthroposophie. Wie ist es dazu gekommen? Die Abkehr von den Theosoph:innen hing auch damit zusammen, dass in diesen Kreisen eine aus Steiners Sicht eher vormoderne, gläubig-empfangende Offenbarungsspiritualität gepflegt wurde. Das war nicht Steiners Anliegen. Eine moderne Spiritualität soll auf der Vollzugsform und der authentischen Entwickelung des menschlichen Ichs beruhen. Das bedeutet, dass jeder spirituelle Inhalt ohne jegliche bigotte Überheblichkeit durch die Entwicklung der menschlichen Individualität gedeckt ist. Form und Inhalt gehen zusammen. Das ist gerade das Prinzip der Kunst nach Steiners ästhetischer Theorie, die besagt, dass nicht mit dem Mittel der Kunst eine Idee bloß ausgedrückt werden soll, sondern dass das Ideelle sich vollständig mit dem Sinnlichen verbindet. Die Idee beginnt in der künstlerischen Transformation im Sinnlichen aufzuscheinen und überwältigt es nicht. Gleichzeitig mit der Entwicklung des Kunstimpulses knüpft Rudolf Steiner in der Schrift Von Seelenrätseln (1917) und in der erweiterten zweiten Auflage der Philosophie der Freiheit (1918) wiederum an seine ursprünglichen philosophischen Impulse an.

Lebensfelder
 

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs beginnt die vierte Werkphase im Leben Rudolf Steiners. Das alte Kaiserreich und mit ihm der Feudalismus hatten ihr Ende gefunden. Und die Menschen in Deutschland sehnten sich nach einer längst überfälligen Erneuerung des gesellschaftlichen Lebens. Rudolf Steiner, der bis dahin nur schriftstellerisch und seit Kurzem auch künstlerisch gewirkt hatte, ergreift dieses Bedürfnis und setzt mit großer Energie neue Impulse in den Lebensfeldern Landwirtschaft, Pädagogik, Medizin und auch Politik. Er entwirft und realisiert neue Konzepte und Visionen einer biologisch-dynamischen Landwirtschaft, einer anthroposophischen Medizin (samt der Heilmittelproduktion Weleda), einer Waldorf- und anthroposophischen Heilpädagogik und einer sozialen Dreigliederung. Für diese Impulse, die auch gegenwärtig fortdauern und sich global weiterentwickelt haben, ist er bis heute bekannt. Man möge sich ausdenken, Steiners Wirken hätte 1918 geendet, er wäre vermutlich nur eine historische Gestalt ähnlich wie Helena Blavatsky geblieben, die allein in Esoterikkreisen bekannt ist. Es ist historisch gesehen einmalig, dass ein einzelner Mensch so viele differenzierte lebensfähige Erneuerungsimpulse in eine Zivilisation gebracht hat.

Waldorfpädagogik
 

Hierzu zählt auch die Waldorfpädagogik. Sie ist sicherlich das derzeit erfolgreichste Produkt aus Steiners Wirken. Allerdings steht sie in der gesellschaftlichen Wahrnehmung im Ruch einer esoterisch-spirituellen Sektenpädagogik. Das ist das vor allem in deutschen Medien allenthalben und vermehrt seit Covid transportierte Bild. Allerdings ist dies ein Missverständnis. Die Waldorfpädagogik geht nicht primär auf die theosophische Phase Rudolf Steiners zurück, wie viele Kritiker:innen, aber auch Vertreter:innen der Waldorfpädagogik undifferenziert unterstellen. Das ist allein schon daraus ersichtlich, dass Steiner, als er von Emil Molt gebeten worden ist, die Stuttgarter Waldorfschule zu begründen, nicht auf seine 1907 veröffentlichte Schrift Die Erziehung des Kindes aus dem Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft zurückgriff. Er hat mit den inaugurierenden Vorträgen zur Allgemeinen Menschenkunde (1919) seine Studien aus der Schrift Von Seelenrätseln fortgeführt. 

Es geht in der Waldorfpädagogik eben nicht um die Vermittlung eines spirituellen Weltbildes. Steiner hat betont, dass in die Waldorfpädagogik keine anthroposophischen Inhalte einfließen dürfen, also keine Engellehre, keine spirituelle Kosmologie, keine Christologie und auch keine substanzielle Reinkarnations- und Karmabetrachtung. Die Waldorfpädagogik fußt in ihrer Konzeption auf der Erkenntnistheorie des Frühwerkes, auf einer pädagogischen Anthropologie und einer pädagogischen Psychologie, wie sie in Von Seelenrätseln veranlagt ist. Sie fußt außerdem auf der Kunst und besonders auf der Bereitschaft der meditativen Selbsterziehung der Lehrkräfte. Allein Letzteres hat seine Grundlegung in den Schriften Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? und Theosophie aus der zweiten Werkphase Rudolf Steiners erfahren. 

Worum geht es in der Waldorfpädagogik? Im Zentrum steht die Freiheitsmöglichkeit der menschlichen Individualität, die in jedem Menschen veranlagt ist. Dies ist die Inspiration Fichtes, die Steiner in die Waldorfpädagogik hineingetragen hat. Es ist das Vertrauen und der Glaube, dass jedes Kind einen Ewigkeitskern in sich trägt, den es allein in eigener Aktivität zur Erscheinung bringen kann. Daher rührt der hohe Wert künstlerisch-handwerklicher Tätigkeiten. Es geht in der Waldorfschule weniger um die Rezeption fertiger Wissensinhalte, sondern vielmehr um selbsttätige Produktion. Hinzu kommt die an Goethe angelehnte erfahrungs-, sinnes- und auch leibbasierte Weltbegegnung. Alles, was die Kinder und Jugendlichen lernen, sollen sie selbst erfahren, sollen sie selbst tun. Sie sollen nicht abstrakte und auch nicht spirituelle Inhalte über die Welt entgegennehmen, sondern sollen – das ist das didaktische Prinzip – in eine phänomenologische Weltbeziehung eintreten, indem sie sich so intensiv und praktisch wie möglich mit den Welterscheinungen verbinden. Ein Drittes kommt hinzu: individuelle Bedeutsamkeitserfahrungen. Die Zeit universeller Welterklärungsmodelle ist vorbei und auch die Anthroposophie will nicht letztgültige Deutungen vermitteln. Der moderne Mensch generiert individuelle Sinn- und Bedeutungsperspektiven. Das kann in Schulen und Bildungseinrichtungen unterstützt werden durch Erzählungen und Bilder, die eine idealistische Prägung haben. Aber kein Ideal, kein Wert darf aufgezwungen oder als Norm vermittelt werden. Die Freiheitslehre Rudolf Steiners impliziert, dass es allein Sinn- und Bedeutungsangebote gibt, mit denen Kinder und Jugendliche sich frei und ohne weltanschauliche Bevormundung verbinden können. Dieser Freiheitsgestus ist tatsächlich der Kern der Waldorfpädagogik.

Ob die Waldorfschule esoterisch-spirituell aufgeladen wird, ist also eine Entscheidung, die zu treffen ist. Dies würde mit einer Überbetonung der theosophischen Phase im Lebenswerk Rudolf Steiners einhergehen. Oder ob die Waldorfpädagogik eine an das moderne individuelle Bewusstsein appellierende Freiheitspädagogik ist. Die hier vorliegende Darstellung plädiert für Letzteres.

Kommentare

Ludger Helming-Jacoby, Kalkofen,

„Alle Jahre wieder“… Im November 2023 erschien in der „Erziehungskunst“ ein Beitrag von Herrn Schieren mit dem Titel „Waldorf ohne Steiner?“. Der vorliegende Aufsatz nun hat die gleiche Stoßrichtung, er ist erneut ein zweifelsohne eloquent formuliertes Plädoyer für die De-Spiritualisierung der Waldorfschule. Es ist hier nicht der Raum dafür, auf Herrn Schierens Darlegungen im Einzelnen einzugehen; nur einen Punkt möchte ich ansprechen: Herr Schieren stellt in seinem Aufsatz die verschiedenen Phasen in Rudolf Steiners Leben und Werk dar. Ich habe mich gefragt, wieso er die Weihnachtstagung 1923 und - damit zusammenhängend die Gründung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft mit der von Steiner selbst geleiteten Pädagogischen Sektion - mit keinem Wort erwähnt. Passt sie nicht in sein Phasen-Schema? Hält er sie für irrelevant für die Waldorfpädagogik? (Zum Verhältnis der Waldorfschule zur Freien Hochschule s. Tomáš Zdražil, Freie Waldorfschule in Stuttgart 1919–1925, Stuttgart 2019, S. 414ff.) Herr Schieren, das sei noch erwähnt, wendet sich dagegen, dass die Waldorfschule „esoterisch-spirituell aufgeladen“ wird. Wieso „aufgeladen“, warum diese negative Konnotation? Mir scheint an den Schulen (und Seminaren?) eher das Problem heute zu sein, dass die esoterisch-spirituelle Substanz in Gefahr ist, entladen zu werden!
"Von wohlmeinenden Kritikern wird den Waldorfschulen [...] - seit Jahrzehnten - nahegelegt, sich von Rudolf Steiner und seinem geistigen Werk zu distanzieren, einige 'reformpädagogische' Elemente beizubehalten und den Anschluss an die 'Gegenwart' zu suchen." – so schrieb Peter Selg in dem 2009 erschienenen, lesenswerten Büchlein „Der geistige Kern der Waldorfschule" (Verlag des Ita Wegmann Instituts.) Heutzutage brauchen die universitären Kritiker sich eigentlich nicht mehr darum bemühen, die Waldorfschule auf eine reformpädagogische Schule ohne spirituelle Grundlage zurechtzustutzen; das besorgen einige unserer Waldorf-Koryphäen inzwischen selber!

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