Ausgabe 04/26

Waldorfpädagogik mit Gefangenen

Xandra Fritz

Auch hinter Gefängnismauern kann Waldorfpädagogik wirken. Hier als Symbolfoto die ehemalige Justizvollzugsanstalt Vierlande in Hamburg.

Resonanz und Beziehung dürfen nicht als Belohnung fungieren, sondern müssen Ausdruck einer menschenwürdigen Grundhaltung sein.
 

Die Grundhaltungen, die ich in meiner waldorfpädagogischen Ausbildung entwickelt habe – Präsenz, Rhythmus, sprachliche Gestaltung und das Vertrauen in Entwicklungsfähigkeit – entfalten in der JVA eine unerwartete Wirksamkeit. Unterricht gelingt dort, wo zwischen Lehrenden, Lernenden und Inhalt eine wechselseitige Schwingung entsteht. Diese Resonanz ist eine Qualität, die weniger von Methoden als von Haltung getragen wird. So verbindet sich ein humanistischer Anspruch mit der sozialen Realität des Vollzugs – und es entstehen Lernräume, in denen trotz Mauern Bewegung möglich wird. 

Ein Ort der Farbe – trotz Grau
 

Als ich vor einigen Jahren begann, in einer Justizvollzugsanstalt zu unterrichten, ahnte ich nicht, wie sehr mich meine waldorfpädagogische Ausbildung tragen würde. Ich unterrichte dort Deutsch als Zweitsprache – mit erwachsenen Männern aus unterschiedlichen Herkunftsländern. Es ist ein Ort ohne Farben, ohne Bewegung, ohne Schönheit. Und doch ereignet sich dort täglich etwas zutiefst Menschliches: Lernen im Vertrauen. 

Struktur als Vertrauensanker
 

Auch wenn ich das nie geahnt hätte: Berechenbarkeit und Sicherheit sind für die Gefangenen von zentraler Bedeutung. Daher beginnt mein Unterricht immer zur selben Zeit. Wenn ich die Männer morgens abhole, brennt das Licht im Klassenraum – auch im Sommer –, ein kleines Zeichen des Willkommenseins. Wenn sie den Raum betreten, sehen sie sich sofort um. Der Raum ist karg, aber ich versuche, mit Plakaten und Tafelbildern Orientierungspunkte und etwas Ästhetik hineinzubringen. Diese kleinen Zeichen von Beständigkeit sind ein Sicherheitsanker in einer JVAWelt, in der vieles unvorhersehbar ist: Besuch, Arzttermine, Anfragen – all das bleibt oft unklar und unwillkürlich. Habe ich etwas an den Wänden verändert, bemerken und kommentieren sie es sofort. Während ich die Anwesenheitsliste bearbeite, begrüße ich jeden Einzelnen: Ich sehe jedem in die Augen, stelle eine persönliche Frage oder mache eine Bemerkung. 
 

Rhythmus des Unterrichts 
 

Meinen Unterricht beginne ich immer mit phonetischen Übungen, Sprachspielen und Artikelabfragen – eine kleine Aufwärmung für Sprechen und Willenskraft. Dann folgt der Hauptteil, in dem wir Grammatik lernen, Texte oder Übungen bearbeiten. Am Ende des Unterrichts gibt es zwar keinen Erzählteil, aber wir plaudern ein wenig frei – soweit es die Männer zulassen und Einblick in ihre Gedanken gewähren wollen. Auch nach der Pause gibt es immer denselben Ablauf: wiederkehrende Fragen, wiederkehrende Routinen. Diese Kontinuität vermittelt Ruhe und Sicherheit. 
 

Verlässlichkeit und Beziehung 
 

Mache ich Urlaub, fragen sie mich mit fast ängstlicher Sorge, ob der Unterricht danach wieder genauso stattfinden wird. Ob die Tage und Uhrzeiten dieselben sein werden. Ob ich wirklich zurückkomme. Ob sie sich verlassen können. Struktur ist für sie ein Vertrauensanker. Diese Form der Verlässlichkeit ist nicht nur Unterrichtsstruktur, sie ist ein Kernbestandteil unserer Beziehung und ihrer Resozialisierung. Denn bevor Sprache, Prüfungen oder Zukunftspläne greifen können, braucht es einen Raum, in dem die Gefangenen wieder Vertrauen in eine andere Person, in Abläufe, in Beziehungen und in sich selbst entwickeln können. Gleichzeitig fördert diese klare Struktur die Entwicklung wichtiger Sozialkompetenzen, die im Alltag und bei der Resozialisierung entscheidend sind.
 

Zwischen Freiheit und Kontrolle 
 

Dabei entsteht eine Spannung, die in der täglichen Praxis spürbar ist: Die Waldorfpädagogik gründet auf dem Freiheitsimpuls – auf innerem Wachstum, Selbststeuerung, Vertrauen. Die JVA hingegen ist ein System von Kontrolle, Zwang und äußerer Regulierung. Zwischen diesen beiden Polen entsteht ein schmaler Grat: Ich arbeite in einem Umfeld, das Freiheit einschränkt, und versuche zugleich, innere Beweglichkeit zu ermöglichen. Resonanz und Beziehung dürfen dabei nicht als «Belohnung» fungieren, sondern müssen Ausdruck einer menschenwürdigen Grundhaltung sein, die trotz aller Mauern Raum schafft. 
 

Nähe mit Maß und feinem Humor 
 

Am Ende des Unterrichts bedanke und verabschiede ich mich bei jedem Einzelnen. Körperkontakt wie Händeschütteln ist in der JVA immer ein Sicherheitsrisiko. Viele Männer sind schwer traumatisiert und schlagen instinktiv zu, wenn sie angefasst werden. Dennoch entsteht persönliche Begegnung, die Vertrauen stiftet. Ein feiner, sensibler Humor erleichtert diese Beziehung zusätzlich – gemeinsames, gelegentliches Lachen schafft Nähe, ohne Grenzen zu überschreiten. 

Der Blick auf den Menschen
 

Keinen der mir anvertrauten Männer sehe ich als Summe seiner Taten. In schweren Fällen werde ich vorab über ihre Taten informiert und gefragt, ob ich sie in meinen Kurs aufnehme. Grundsätzlich lehne ich aber keinen von vornherein ab, und ich schaue niemals vorher in die Akten – ich begegne jedem neu und gebe ihm die Chance, sich zu bewähren. Manche von ihnen haben schwere Taten begangen, und dennoch bleiben sie Menschen. Menschen mit Brüchen, mit Sehnsucht nach Anerkennung und dem Wunsch zu lernen – sie alle haben das Recht auf Wahrnehmung als ganze Menschen. 
 

Professionelle Distanz und Dank 
 

Trotz aller Zugewandtheit und allen Wohlwollens achte ich darauf, nicht zu viele Informationen über mich als Privatperson preiszugeben und professionelle Distanz zu wahren. Privaten Kontakt lehne ich aus Sicherheitsgründen ab. Trotzdem kontaktierte mich einmal ein ehemaliger Schüler. Er hatte sich nach seiner Entlassung die Mühe gemacht, mich ausfindig zu machen – nur, um sich bei mir zu bedanken: für Unterricht, Kontinuität und Wohlwollen. «Ohne Sie hätte ich diese Zeit nicht überstanden.» Seine Mutter ließ mir zudem ausrichten, sollte ich jemals in ihrem Land sein, sei ich jederzeit bei ihnen willkommen. Sie wolle dann ein dreitägiges Festessen für mich ausrichten und sich so bedanken für das, was ich für ihren Sohn getan hatte. Solche Worte wirken tiefer als jedes Zertifikat. – Nach diesem Kontakt hat er übrigens meine Privatsphäre respektiert und mich nicht noch einmal kontaktiert. 
 

Sternstunden des Gelingens 


Ein anderer meiner Schüler bestand die B1Prüfung – ein Schritt, der in Deutschland den Zugang zum Arbeitsmarkt eröffnet. Nachdem er das Ergebnis erfahren hatte, kam er mir im Flur entgegengelaufen und fiel mir um den Hals: «Ich habe noch nie in meinem Leben etwas durch eigene Leistung geschafft», rief er glücklich. «Dies ist das erste Mal.» Durch den Körperkontakt wurde Alarm ausgelöst, aber ich ließ ihn als Fehlalarm durchgehen und freute mich mit meinem Schüler. Das sind Sternstunden. 

Spuren, die bleiben
 

Ich bilde mir nicht ein, dass alle meine Schüler nach ihrer Freilassung vorbildliche Bürger sein werden. Aber ich bin davon überzeugt, dass solche Erfolgserlebnisse bleibende Spuren hinterlassen: Keime, die eines Tages aufblühen können. Etwas aus eigener Leistung erreichen! Etwas schaffen! Als Mensch angenommen werden, trotz allem. Zu einer Gruppe gehören. 
 

Schwere Momente – Zugehörigkeit halten
 

Natürlich gibt es auch viele andere Momente, voller Trauer, Depression, Wut, Frust: etwa, wenn die Mutter eines Häftlings im Sterben liegt und er nicht noch einmal mit ihr telefonieren darf. Oder wenn ein Mann eine zusätzliche Strafe bekommen hat und nur noch depressiv im Bett liegt. Immer wieder mache ich mir die Mühe und suche diese Männer außerhalb der Unterrichtszeit in ihrer Zelle auf und frage, wo sie bleiben. Was los ist. Höre ihren Kummer, wenn sie ihn mir anvertrauen möchten. Und versichere ihnen, dass sie fehlen. In unserer Gruppe. Dass sie Teil davon sind und wir uns Gedanken um sie machen. Viele kommen am nächsten Tag wieder, zaghaft, schüchtern. Wenn ich ihnen dann zur Begrüßung sage, dass ich mich über ihr Kommen freue, dass es gut ist, dass sie da sind, und sie dabei breit anlächle, dann blühen sie sichtlich auf. Egal, wie rau es manchmal mit den anderen Gefangenen zugeht: Hier sind sie gewollt und gewünscht, hier gehören sie hin, hier werden sie gesehen und gefördert. 

 

Eine Kultur der Ruhe 
 

Über die Jahre ist in meinen Kursen etwas gewachsen: Die Männer kommen gern zum Unterricht, sie werden ruhiger, manche sogar fröhlicher, zugänglicher. Und es gibt kaum Zwischenfälle. Man sagt, meine Abteilung gehöre mittlerweile zu den ruhigsten. 
 

Loyalität, Prüfungen und Schutz 
 

Manche Gefangene öffnen sich mir, teilen ihre Sorgen, manchmal fließen verstohlen Tränen. Und sie sind loyal – eine Loyalität, die man sich weder wünschen noch erzwingen kann. Immer wieder wird natürlich getestet, wie taff ich eigentlich bin, wie cool ich reagiere, ob ich standfest bleibe. Auch wenn ich immer wieder an meine Grenzen gerate – ich bin authentisch. Ich muss es sein, denn jegliche Abweichung spricht sich sofort herum. Zugleich erlebe ich Reaktionen von anderen Gefangenen, die mir zur Seite springen, mich schützen (einmal sogar körperlich), den anderen sagen, dass sie mich zu respektieren haben und die Spiele jetzt zu Ende sind, und sie gefälligst mitarbeiten sollen. 
 

Wissen, wann Nicht-Wissen schützt 
 

Einmal verweigerte mir ein Gefangener eine sensible Information – sie war auch nicht für mich bestimmt. Ich hatte aus purer Neugier gefragt. Er erklärte: «Ich sage Ihnen das nicht, um Sie zu schützen. Wenn ich Ihnen das nämlich sagen würde, dann wüssten Sie nicht, wie Sie reagieren sollen, und Sie wüssten auch nicht, wie Sie mit dieser Information umgehen sollen. Sie könnten keine Nacht mehr schlafen.» Im Nachhinein war ich ihm sehr dankbar dafür, denn er hat recht. 
 

Achtung vor dem Einzelnen 
 

Die Gefangenen kennen mich genauso gut wie ich sie – vielleicht sogar besser, denn ihr Leben hängt häufig von der Einschätzung anderer ab. Und ich schätze sie sehr: als Menschen. Als Menschen, die Schlimmes getan haben. Als Menschen, die versuchen, damit zu leben, was sie getan haben. Was ihnen an manchen Tagen besser gelingt, an manchen weniger gut. Als Menschen, die versuchen, einen neuen Weg einzuschlagen und sich neue Perspektiven zu erarbeiten. Die jeden Tag wieder den Mut aufbringen, in den Unterricht zu kommen, trotz aller Hindernisse. Die im Kurs neue Verhaltensweisen ausprobieren und sich damit auf unbekanntes Terrain wagen. Die sich den Regeln in meinem Kurs zähneknirschend beugen – darauf vertrauend, dass es gut sein wird. «Sie sind auf unserer Seite», sagte einmal einer. Und das stimmt vielleicht. Nicht gegen das System, aber an der Seite der Menschen. Ich gehe auch mit ihnen zum Arzt, wenn die Schmerzen zu groß werden und sie sich nicht allein trauen. Sie sind für mich nicht Menschen zweiter oder dritter Klasse, wie es ihnen häufig suggeriert wird. Sie sind Menschen, die es verdient haben, mit Würde behandelt zu werden. Jeder Einzelne hat seine individuelle Biografie, die ihn dahin geführt hat, wo er jetzt ist. Und das hat Gründe. Jeder von ihnen hat menschliche Seiten, die es verdienen, gesehen zu werden. Jeder Einzelne hat das Recht, als ganzer Mensch gesehen und mit Wohlwollen behandelt zu werden. Und die Männer danken es mir: Sie machen sich Gedanken über mich, versuchen mich zu schützen, wenn es nötig ist, und gelegentlich schenkt mir der ein oder andere eine kleine Aufmerksamkeit im Rahmen seiner Möglichkeiten. Meist entgegne ich: «Danken Sie nicht mir, denn ich habe alles, was ich brauche. Ich mache hier nur meine Arbeit. Aber wenn Sie mal jemandem begegnen, der Hilfe benötigt – dann denken Sie an mich und helfen Sie ihm!» 
 

Selbstfürsorge als Professionalität 
 

Schließlich möchte ich noch die Selbstfürsorge erwähnen, die für die Arbeit als Waldorfpädagoge, vor allem aber für die Arbeit in einer JVA zwingend notwendig ist: Nur wer in sich selbst ruhig und klar ist, kann Orientierung geben – und im Notfall blitzschnell reagieren. Ich gestalte die Abende vor meinen Unterrichtstagen in der JVA bewusst leer, nehme keine Termine wahr, halte mein inneres Gleichgewicht, schlafe ausreichend. Dies ermöglicht Präsenz und Sicherheit im Unterricht. Jede Unaufmerksamkeit birgt Risiken. Ich merke es schon, wenn ich unausgeschlafen und nicht zu hundert Prozent präsent bin: Sofort wird es in der Klasse unruhiger. Die Männer merken, dass ich nicht die volle Kontrolle habe, und reagieren darauf. An guten Tagen, wenn die Gruppendynamik stimmt und alle halbwegs ausgeglichen sind, gleichen sie meine Fahrigkeit wohlwollend aus. Aber sobald auch nur einer von ihnen Stress mit einem anderen Gefangenen, der Familie, einer zusätzlichen Strafe oder Ähnlichem hat, kann die Stimmung innerhalb von Millisekunden kippen. Und bei alldem ist mir sehr bewusst, dass die Männer sich jederzeit für sich und gegen mich entscheiden würden, wenn sie einen realistischen Fluchtweg sähen … 
 

Inseln der Menschlichkeit 
 

So verdanke ich der Waldorfpädagogik mehr, als ich je ahnte: Werkzeuge, die über die Schule hinauswirken, Beziehungen ermöglichen, wo sie kaum denkbar scheinen. Zwischen Mauern, in einem Raum ohne Farben, entstehen kleine Inseln von Menschlichkeit – geformt durch Rhythmus, Struktur, Resonanz, Vertrauen und das Ansprechen des Guten im Menschen.

 

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