Ausgabe 11/26

Waldorfpädagogik verbindet den Menschen mit der Welt

Florian Stille


Handwerksunterricht, sechste Klasse: Lena, zwölf Jahre alt, steht vornübergebeugt an der Hobelbank und bearbeitet mit einer Raspel ihr Werkstück. Die Arbeit treibt ihr Schweiß auf die Stirn und Röte ins Gesicht. Feine Späne fallen zu Boden. Lena ist eins mit dem Vorgang. Nach einer Weile spannt sie das Werkstück, einen Klüpfel, aus, hält es gegen das Licht und fährt mit der Hand prüfend über die Oberfläche der entstehenden Schlagwalze: Stimmt die Rundung? An welchen Stellen muss noch Material abgetragen werden? Lena vollbringt eine anspruchsvolle Integrationsleistung: Sie verbindet eine sachgemäße Körperhaltung und einen präzise gelenkter Krafteinsatz mit der Orientierung an der vorab geleisteten Planung und Zielsetzung. Durch genaue Wahrnehmung kontrolliert sie ihr Vorgehen und betätigt zugleich ihren ästhetischen Sinn. 

Deutschunterricht, zwölfte Klasse: Es wird Goethes «Faust» gelesen. Es geht um Fausts ersten Monolog im zweiten Teil der Tragödie. Faust befindet sich in den Bergen und beobachtet die morgendlichen Veränderungen in der Natur. Voller Begeisterung blickt er in die aufgehende Sonne, muss sich aber «von Augenschmerz durchdrungen» sofort abwenden. Auf der gegenüberliegenden Seite sieht er einen Wasserfall samt einem im Sprühnebel erscheinenden Regenbogen, über den er Folgendes sagt: «Ihm sinne nach, und du begreifst genauer: Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.» 

Die Erschließung des Textes erfolgt in verschiedenen Schritten: Zunächst wird der Text laut gelesen, wobei Sprachrhythmus und Klang wahrgenommen werden. Anschließend stellt die Klasse fest, dass Faust konkrete Naturbeobachtungen benennt, und wendet sich dem Bildgehalt der Sprache zu. Dabei ergibt sich eine überraschende Erkenntnis: Bei Goethe ist das Symbolische das Wirkliche – und die Wirklichkeit wird zum Symbol. Der Regenbogen ist lebensweltliche Realität und Metapher zugleich. Am nächsten Tag beginnt der Unterricht mit einem Austausch darüber, wie der «farbige Abglanz» als Lebenssphäre des Menschen verstanden werden kann. Verschiedene Denkansätze werden geäußert und aufeinander bezogen. Die Urteile individualisieren sich. Der Unterricht führt vom Text ins Leben.

Menschsein muss in der jetzigen Zeit auch unter Entfremdungsbedingungen gelingen. Waldorfpädagogik kann in jedem Fach dazu beitragen. Der Weg führt nicht in ein weltfremdes Idyll, sondern über eine seriöse Fachlichkeit in das Leben der Gegenwart. 

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