«Mir ist wichtig, dass du das lernst!»
«In der Epoche war ich krank», ist meine Standardausrede, wenn ich irgendwas nicht kann, was man als Erwachsene eindeutig können oder wissen sollte. Es ist ein Running Gag bei uns, nicht wirklich ernst gemeint – oder vielleicht doch ein bisschen?
«Wenn Waldorfschüler:innen sich in unserer Einrichtung bewerben, erkennen wir das oft an der schlechten Rechtschreibung», sagt mir eine Bekannte, die in der Personalabteilung arbeitet. Ich zucke zusammen. Rechtschreibung, in dieser Epoche war ich auch krank, natürlich! Bis ich anfing, Texte veröffentlichen zu wollen und es oberpeinlich wurde.
Meine ersten Texte veröffentlichte ich in einem Internetforum, in dem Autor:innen Teile ihrer Schriften posten konnten und andere sie kommentieren sollten. Die einzigen Kommentare, die ich bekam, lauteten: «Die Rechtschreibung ist grottig! Das will ich nicht mal lesen.» Ich, als freiheitlich erzogene Waldorfschülerin, dachte verächtlich: «Wen interessiert Rechtschreibung? Auf den Inhalt kommt es an!»
Inzwischen denke ich darüber ganz anders, denn eine gute Rechtschreibung schafft Ordnung und steht für Sorgfältigkeit. Ordnung ist kein menschengemachter Mist, sondern liegt dem Kosmos, der Natur, dem Menschsein zugrunde und hat eine eigene Schönheit. Ordnung zu schaffen, befriedigt. Ordnung zu erkennen, macht sogar glücklich? Und es macht Spaß, immer mehr von dieser Ordnung zu verstehen.
Als meine Kinder in der ersten und zweiten Klasse Schreiben lernten, fand ich ihre Lautschrift genial. «Schbilblaz» und «Fux», ja genauso klingt das. Sie ständig zu meck-bessern, schien mir falsch zu sein, sie hätten ihren Mut verloren, überhaupt zu schreiben. Und wann ist also der Zeitpunkt gekommen, an dem man anfängt, die Kinder zu korrigieren? Wenn es pikierte Blicke von Nicht-Waldorf-Verwandten gibt? Ab einem bestimmten Alter, vielleicht dem Rubikon? Oder kommt das «von selbst»?
Auch andere Fähigkeiten, die wir in unserer Kultur können sollten, die stoisches Lernen und nicht Kreativität fordern, sind heiß umstritten, wenn man in die Waldorfszene hineinlauscht. Vokabeln? Ja, die braucht man, um eine Sprache zu können. Notenlesen? Macht uns fähig, die Sprache der Musiker:innen selbständig zu entschlüsseln, ist aber höchst unbeliebt bei Schüler:innen. Das Einmaleins? Meinen Mann, der in der Regelschule war, kannst du mitten in der Nacht fragen, wieviel 7 mal 6 ist, und er weiß die Antwort.
Also die Kinder doch drillen, damit sie auswendig lernen und funktionieren?
Der Neurobiologe Gerald Hüther sagt: «Motivation ist der Dünger fürs Gehirn». Die Forderungen nach neuen Schulsystemen werden immer lauter. Drill ist out. Kinder sollen lernen, was sie interessiert und wann es sie interessiert. Es gibt offenbar gewisse Entwicklungszeitfenster fürs Lernen unterschiedlicher Fähigkeiten. Diese Zeitfenster sind ganz individuell. Schwierig ist es, in den großen Klassen der Waldorfschule darauf einzugehen.
Mein Mann sagt: «Es war einfach klar, dass ich das können muss, um diese Art der Kommunikation zwischen Menschen zu erlernen.» Oft wünschen sich Eltern für ihre Kinder die Waldorfschule, weil sie das Drill-System der Regelschulen selbst durchlaufen und darunter gelitten haben. Weil sie wollen, dass ihre Kinder nicht gestutzt und unter Druck gesetzt werden. Das sind also Eltern, die für ihre Kinder mehr Freiheit wollen, sie wollen, dass ihr Kind Freude am Lernen hat und gerne zur Schule geht. Sie wollen einen anderen Weg gehen, sie wollen den Menschen als Ganzes sehen und nicht als defizitäres Wesen, und das ist ja wunderbar!
Für die kulturellen Fähigkeiten wie Rechtschreibung, Einmaleins, Notenlesen und so weiter bedeutet das aber, dass es in der Waldorfschule Schlupflöcher, groß wie Scheunentore, gibt. Nicht wegen der fehlenden Benotung. Nicht wegen des fehlenden Drills. Nein, es ist etwas Inneres, ein «Akzeptieren, wenn das Kind keine Rechtschreibung kann», ein «Bewundern, wie man so gut Cello spielen kann, ohne auch nur eine einzige Note zu kennen».
Was können wir Waldorfeltern also tun?
«Mir ist wichtig, dass du das lernst!» Sowas kann ich als Mutter sagen – aber ich sollte es vor allem fühlen, sonst werde ich nicht ernstgenommen. Wir sind soziale Wesen – und nicht immer kann man ganz genau trennen, woher eine Motivation kommt. Ist sie da, weil sie aus unserem Herzen kommt? Oder ist sie da, weil unsere Umgebung sie lebt? Ich glaube, dass ein Kind, dessen Umgebung vermittelt «Das ist wichtig, ich will, dass du das kannst! Es gibt keinen Ausweg», auch Motivation für sich finden und sogar Spaß daran entwickeln kann, immer besser zu werden.
Motivation ist der Dünger fürs Gehirn – aber nicht immer kommt diese nur aus dem Herzen, manchmal lernen Kinder etwas, weil wir Erwachsenen erkannt haben, dass es wichtig ist, dies zu können und unsere Kinder nicht ohne diese Fähigkeiten in die Gesellschaft entlassen wollen.
Kommentare
Liebe Susanne, das hast Du schön gemacht geschrieben!! Hätte ich nicht von Dir erwartet! Ist ja eigentlich mein Hobby...
Ordnung und Rhythmus gibt auch Sicherheit- aus der heraus sich Kreativität entfalten kann.
Lieben Gruß, Du weißt schon...
Wunderbar! Du sprichst mir aus der Seele! Spannend ist doch auch, dass Kinder sprechen lernen, ohne dauernd korrigiert zu werden, dass sie die Grammatik ihrer Muttersprache anwenden, ohne die Regeln lernen zu müssen. Für die Rechtschreib-Motivation ist es wichtig, irgendwann die Norm (anzu-) erkennen und wissen zu wollen, wie "man" das schreibt. Dann werden auch die Regeln nützlich! Und offensichtlich passiert das genau dann, wenn man möchte, dass jemand, dessen Meinung einem wichtig ist, sagt: das ist richtig!
Kommentar hinzufügen
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.