Ausgabe 05/26

Waldorfschulen als Schulen für den Frieden?

Janis Maiwald

Die Mensa einer Waldorfschule: Im besten Fall ein Ort der Begegnung und der Friedfertigkeit.

Als Waldorfpädagoge habe ich mich gefragt, ob nicht die Waldorfschule, insbesondere aufgrund der pädagogischen Freiräume an Schulen in freier Trägerschaft, ein geeignetes Praxisfeld für die Friedenspädagogik darstellen könnte. 2022 fasste ich den Entschluss, diese Fragestellung im Rahmen eines Promotionsprojekts näher zu untersuchen. Jakob Benecke, Professor für Erziehungswissenschaft an der Alanus Hochschule am Mannheimer Standort, und Eva Matthes, Professorin für Pädagogik an der Universität Augsburg, betreuen mein Arbeit. Das Promotionsprojekt wird außerdem durch ein Stipendium des Graduiertenkollegs für Waldorfpädagogik gefördert.

Aufbau der Dissertation


Die Dissertation ist dreiteilig aufgebaut. Im ersten Teil wird eine Vergleichsgrundlage geschaffen, indem das Feld der Friedenspädagogik systematisch erschlossen wird. Dabei wird untersucht, wie sich die Friedenspädagogik historisch entwickelt hat, welche pädagogischen Praxen heute existieren und mit welchen thematischen Schwerpunkten sich die Diskurse befassen. Auf Grundlage dieser Perspektive erfolgt in den beiden weiteren Hauptteilen ein Vergleich mit Positionen der Waldorfpädagogik.

Der erste Schritt besteht in einer Kontrastierung friedenspädagogischer Positionen mit ausgewählten Positionen Rudolf Steiners. Da Steiner selbst nie explizit die Begriffe Friedenserziehung oder Friedenspädagogik verwendet hat, erfolgt der Abgleich anhand einer Auswertung von Passagen aus seinem Gesamtwerk, die anderweitige Bezüge zur untersuchten Thematik aufweisen. Die Auswahl und Auswertung des Textmaterials orientieren sich dabei an den Prinzipien der Grounded-Theory-Methodologie, ein systematischer Forschungsansatz, um Theorien direkt aus Daten zu entwickeln, statt Hypothesen vorab zu testen. Im zweiten Schritt werden leitfadengestützte Interviews mit Waldorflehrer:innen in Beziehung zu den Ergebnissen der vorangegangenen Teile gesetzt.

Erste Ergebnisse


Im ersten Hauptteil wurden verschiedene Perspektiven auf die Friedenspädagogik herausgearbeitet. Letztere konnte sich im Vergleich zu verwandten Pädagogiken wie der interkulturellen Pädagogik bislang nur begrenzt akademisch etablieren. Historisch reichen die Ursprünge der Friedenspädagogik bis in die Renaissance zurück. Als Impulsgeber sind hier unter anderem Erasmus von Rotterdam und Johann Amos Comenius zu nennen. Die Begriffe Friedenserziehung und Friedenspädagogik finden sich erstmals um 1900 in der pädagogischen Literatur. Die entsprechenden Vorstellungen stehen im Zusammenhang mit reformpädagogischen Ansätzen sowie der damaligen Friedensbewegung. Als akademisch orientiertes Feld entwickelte sich die Friedenspädagogik vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg. Inhaltlich lassen sich zwei thematische Schwerpunkte ausmachen: der Umgang mit Fremdheit und Differenz sowie stärker gesellschaftsanalytisch akzentuierte Perspektiven auf strukturelle Bedingungen von Unfrieden.

Im zweiten Teil meiner Arbeit werden zentrale Perspektiven Steiners auf die Friedensthematik herausgearbeitet. Entlang seiner Biografie lassen sich mehrere Phasen identifizieren, in denen das Thema auf unterschiedliche Weise relevant wird: Im philosophischen Frühwerk wird es zunächst implizit behandelt, später explizit, etwa im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit in der Theosophischen Gesellschaft, während des Ersten Weltkriegs sowie angesichts der sozialen Frage. Dabei lassen sich deutliche Kontinuitäten, aber auch einige Diskontinuitäten in Steiners Denken erkennen. Schließlich kommen seine Sichtweisen zur Friedensthematik auch in der Waldorfpädagogik zum Ausdruck, auch wenn hier kein expliziter Bezug hergestellt wird. Deutlich lässt sich demgemäß auch zeigen, dass Steiner die Gründung der Waldorfschule als Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden verstand. Steiners implizite Vorstellung einer Friedenserziehung ist dabei von zentralen Motiven neuhumanistischer Bildungstheorien geprägt. Im Zentrum steht das Ziel, selbstbestimmungsfähige, sach- und werturteilsfähige junge Menschen aus der Waldorfschule in die Welt zu entlassen.

Von Steiner ausgehend lassen sich zudem Bezüge zur Friedensbewegung um 1900 und reformpädagogisch geprägten Ansätzen einer Friedenserziehung aus derselben Zeit herstellen, etwa bei den Reformpädagog:innen Maria Montessori und Kurt Hahn. Auf verschiedenen Ebenen können Steiners Anregungen zur Praxis der Waldorfschule außerdem an modernere friedenspädagogische Praxisentwürfe anschließen. Unter einer stärker theoretisch gewichteten Perspektive lassen sich gegenüber aktuellen friedenspädagogischen Diskursen jedoch auch Differenzen ausweisen. Ins Gewicht fallen hier etwa Passagen im Gesamtwerk Steiners, die unter moderner friedenspädagogischer Perspektive als Formen kultureller Gewalt eingestuft werden können, zum Beispiel hierarchisierende Beschreibungen von «Rassen» oder relativierende Äußerungen zum Aussterben indigener Völker.

Ausblick


Die Ausarbeitung des dritten Teils der Dissertation Waldorfpädagogik als Friedenspädagogik? Eine komparative Studie zur Vereinbarkeit friedenspädagogischer Konzepte mit bildungstheoretischen und didaktischen Grundannahmen der Waldorfpädagogik für die Unter- und Mittelstufe ist aktuell noch im Prozess. Die Fertigstellung der Dissertation soll Ende 2027 erfolgen.

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