Wie können sich Waldorfeinrichtungen gegen Rechtsextremismus positionieren? Und was ist zu tun, wenn Menschen innerhalb der Schulgemeinschaft als rechtsextrem auffällig werden? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, hatte der Verein Bildungseinrichtungen gegen Rechtsextremismus Mitarbeitende, Eltern und Lehrkräfte von Waldorfschulen sowie Studierende im vergangenen September zum dritten Thementag mit dem Titel Waldorfschulen gegen Rechtsextremismus eingeladen. Der Verein berät seit vielen Jahren Bildungseinrichtungen, die sich gegen eine Vereinnahmung durch rechtsextreme Personen oder Organisationen zur Wehr setzen wollen, und unterstützt sie unter anderem bei Projekten zur demokratischen Bildung. Das ist notwendiger denn je, denn eines ist in den vergangenen Jahren mehr als deutlich geworden: Die Gefahr durch rechtsextreme Unterwanderung von Waldorfschulen ist real und sollte nicht unterschätzt oder verharmlost werden.
Zugegeben: Die Waldorfpädagogik bietet dann Ankerpunkte für rechtsextreme Ansichten, wenn man sie mit mit einem verzerrten Verständnis von Anthroposophie gleichsetzt und sich in der Folge auf die gelegentlich von Steiner formulierten Unterschiede von Menschengruppen bezieht. Auch bestimmte Unterrichtsinhalte bieten Anknüpfungspunkte für rechtsextreme oder völkisch gesinnte Personen, wenn sie diese aus dem ursprünglich pädagogischen Kontext herauslösen und gemäß ihrer eigenen Ideologie umdeuten. Dazu gehören beispielsweise die Behandlung der germanischen und nordischen Mythologie oder die der historischen Kulturepochen, wie Vereinsmitglied und Waldorflehrer Markus Schulze erklärte. Auch das Klassenlehrerprinzip mit der Lehrkraft als zentraler Figur («geliebte Autorität») sowie die Art des Bezuges zur Natur in Form von Gartenbauunterricht, jahreszeitlichen Festen und Handwerk seien Felder, die Waldorfschulen zu einer attraktiven Option für Rechte machen würden. Gerade deshalb müssten sich Schulen offen mit Rassismusvorwürfen auseinandersetzen, sich deutlich von kritischen Inhalten abgrenzen, eigene Werte erarbeiten und diese klar nach innen und außen kommunizieren, war das Credo des Thementages.
Toleranz-Paradoxon auflösen
Wenn es letztlich darum gehe, demokratische Werte in der eigenen Schule zu schützen und zu verteidigen, ist das Neutralitätsgebot durch den Bildungsauftrag zu ergänzen, so der Verein. In einem Positionspapier liefert er Orientierungspunkte, wie insbesondere Lehrkräfte mit antidemokratischen und menschenrechtsfeindlichen Stimmen und Stimmungen im Unterricht umgehen und Haltung zeigen können. Dabei gelte es auch, das Toleranz-Paradoxon aufzulösen: Wenn Toleranz für eine Meinung gefordert werde, die sich gegen Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit richte und damit Meinungsfreiheit für andere einschränken wolle, sei Toleranz nicht mehr das richtige Mittel.
Für Waldorfschulen heißt das: Klare Kante zeigen gegen Rechts. Das beginnt bei der Einstellung neuer Lehrkräfte, die sich dem demokratischen Wertekanon der Schule verpflichten müssen, und auch bei der Aufnahme neuer Familien, denen klar sein muss, dass Waldorfpädagogik und Demokratie Hand in Hand gehen. Sabine Thiebe, Geschäftsführerin der Waldorfschule Eisenach und ebenfalls Mitglied des Vereins, berichtete aus eigener Erfahrung und betonte: «Waldorfpädagogik und Rechtsextremismus haben nichts miteinander zu tun.» Haben Lehrer:innen und Eltern mit rechtsextremer Gesinnung in Einrichtungen nämlich erst einmal Fuß gefasst, sei es ein extremer Kraftakt, diese wieder loszuwerden. Das verdeutlichten auch Beispiele aus anderen Schulen, die von den Veranstaltungsteilnehmenden und auch im Beitrag Autonomie statt Autoritarismus von Anjeli Batra berichtet wurden.
Rechte Positionen entlarven
Dass es bisweilen gar nicht so einfach sei, rechte Positionen als solche zu entlarven, wusste Martin Malcherek zu berichten. Als Rechtsanwalt engagiert er sich für Bildungseinrichtungen gegen Rechtsextremismus und benannte einige typische Argumentationsstrategien rechtsextremer Akteur:innen. Dazu gehören das Infragestellen demokratischer Strukturen, Erzählungen von einer angeblichen Bedrohung, historische Relativierung sowie emotionale Mobilisierung, um Menschen für eine antidemokratische Haltung zu gewinnen. Um als Schule klar Stellung gegen rechte Tendenzen zu beziehen, seien vor allem Aufklärungsarbeit und demokratische Bildung, eine offene Diskussionskultur sowie die Vermittlung von Medienkompetenz wichtige Ansätze, betonte Martin Malcherek.
Die Anwesenden waren sich einig, die Schule so gestalten zu wollen, dass sie für Rechtsextreme unattraktiv ist – durch Wachsamkeit gegenüber antidemokratischer Unterwanderung sowie gelebte demokratische Werte im Schulalltag. Ein schöner Nebeneffekt des Thementags war außerdem das Vorhaben der beträchtlichen Anzahl der Teilnehmenden aus den Leipziger und umliegenden Waldorfschulen, sich auch in Zukunft miteinander zu vernetzen und gemeinsam am Thema dranzubleiben. Im Fall der Fälle können sich Schulen zudem jederzeit an den Verein wenden, so die Einladung von Albrecht Hüttig, Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart und Mitglied des Vereins. «Es gibt zwar kein einfaches Rezept für den Umgang mit rechtsextremen Gesinnungen in Schulen, aber wir betrachten jeden Einzelfall genau und tragen dazu bei, dass Lösungen gefunden werden.»
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