Ausgabe 09/26

Wann, wenn nicht jetzt?

Aurelina Bücher
Diversität gibt es in der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim auch bei den Handpuppen, die dort im Projektunterricht entstanden sind. Bildquelle: Ann Marz
Schiffe, die mit Zeitungspapier beklebt wurden. Bildquelle: Ann Marz

Eine Schule für gesellschaftlich benachteiligte Kinder stand von Anfang an als Idee hinter der Waldorfschulbewegung: 1919 bat der Industrielle Emil Molt Rudolf Steiner um ein Schulkonzept für die Kinder seiner Arbeiter:innen. Was damals als sozialer Impuls begann, entfernte sich im Lauf der Jahre zunehmend von der Idee der sozialen Integration – einer Frage, die heute wieder drängender und wichtiger wird. Vielen sind die Debatten über die «Schere» in unserer Gesellschaft vertraut: die soziale ebenso wie die integrative, die sich immer weiter öffnet. An der Interkulturellen Waldorfschule in Mannheim ist das anders.

Sie wurde als erste Schule ihrer Art in Europa 2003 gegründet. Dem Konzept folgten 2014 die Interkulturelle Waldorfschule Berlin und 2020 die Interkulturelle Waldorfschule Dresden. In der Gründungsrede in Mannheim wurde darauf verwiesen, dass es Herausforderungen gibt, auf die die Waldorfpädagogik gute Antworten hat. Von Anfang an war es dem Kollegium ein Anliegen, «einen Kontrapunkt zu setzen, zum drohenden Kampf der Kulturen, mittels der sozialen Wurzeln der Waldorfschule [und so] die zentrale soziale Frage des 21. Jahrhunderts anzupacken». Die Anmeldezahlen geben der Schule Recht: Inzwischen schicken Eltern, die selbst zur ersten Generation der Waldorfschüler:innen gehörten, ihre Kinder wieder an diese Schule.

Anspruch und Wirklichkeit
 

Der Zugang zu Bildung ist ein Menschenrecht, zu dem sich auch Deutschland in seinem Grundgesetz bekennt. In der praktischen Umsetzung stehen viele Bildungseinrichtungen jedoch vor der Frage, wie sich dieses Recht verwirklichen lässt. Fakt ist zum Beispiel, dass die durchschnittliche Lesekompetenz von Jugendlichen mit Migrationshintergrund deutlich niedriger ist als die ihrer Altersgenoss:innen ohne Migrationshintergrund. Um das zu verstehen, muss man berücksichtigen, dass Migrantenfamilien in sozialen Schichten prekärer Lebenslagen überrepräsentiert sind und ihre Kinder daher häufiger unter ungünstigen sozioökonomischen Bedingungen aufwachsen. Vergleicht man ihre Bildungssituation mit der von sozial ähnlich gestellten Schüler:innen ohne Zuwanderungshintergrund, zeigt sich für beide Gruppen ein sehr ähnliches Bild.

Auch auf einer anderen Ebene war die Mannheimer Schule vorausschauend. Viele staatliche Schulen – ebenso wie Waldorfschulen – sind seit diesem Jahr gesetzlich verpflichtet, für die Klassenstufen 1 bis 4 eine Ganztagesbetreuung anzubieten. In Mannheim wurde ein Ganztageskonzept jedoch von Beginn an, also seit 2003, in das Schulkonzept integriert.

Authentizität statt Folklore
 

Herzstück dieses Nachmittagsangebotes ist der sogenannte Projektunterricht. Er ergänzt konzeptionell den Hauptunterricht sowie den handwerklichen Unterricht – vier Stunden pro Woche in jeder Klasse der unteren Jahrgangsstufen.

Regelmäßig wird beispielsweise die Hausbauepoche beziehungsweise Handwerkerepoche aufgegriffen, die Schüler:innen an Waldorfschulen meist in der dritten Jahrgangstufe haben. Dabei werden nicht nur europäische Architekturformen besprochen, sondern bewusst auch Bauweisen aus den Herkunftsländern der Schüler:innen einbezogen. Zugleich wird vermieden, dass es sich um eine Art Folklore handelt; ein Augenmerk liegt auf der Authentizität der Quellen. So kann die Epoche mit einer europäischen mittelalterlichen Burg als Idee beginnen, die anschließend individuell differenziert und ausgearbeitet wird – und aus Burgtürmen werden Minaretttürmchen, die der Lebensrealität der Schüler:innen entstammen.

In Kleingruppen werden Handwerkstechniken wie Schnitzen und Modellieren vertieft. Feste, die das Jahr gliedern, werden dabei genauso als Inspiration genutzt wie die Jahreszeiten selbst. An der Interkulturellen Waldorfschule Mannheim orientieren sich diese Feste – nicht nur, aber auch – am christlichen Jahresrhythmus.

So weicht eine reine Betreuung an den Nachmittagen einem fächerübergreifenden Unterricht. Der Projektunterricht nimmt das Curriculum der Waldorfschule auf und wird seit der Gründung der Schule von der freien Künstlerin Ann Marz gegeben, die zudem eine Waldorflehrer:innenausbildung absolviert hat. Nicht nur diese Kombination hat sich in Mannheim seit Jahren bewährt.

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