Jahrelang dachte ich, dass wir beide eben sehr verschiedene Individuen sind, ich mit einer deutlich größeren Toleranz roten Ampeln und Geschwindigkeitsbegrenzungen gegenüber als er. Dann waren wir einmal in einer Show von Caveman und ich verließ den Theatersaal geschockt. Obwohl mir vieles übertrieben vorkam, hatte uns der Schauspieler lauter Beispiele von Männern und Frauen im Auto genannt, die ich alle wiedererkannte. War unser Verhalten im Konfliktraum Auto gar nicht individuell, sondern typisch und normal aufgrund unseres Geschlechtes oder unserer Rollen? Die Frage «Wer bin ich und warum bin ich, wie ich bin?» darf und soll also immer wieder gestellt werden.
Wenn wir uns in der Erziehungskunst Themen suchen, dann stellen wir manchmal fest, dass die Beiträge in unserem Thementeil nur einzelne Elemente eines Bildes sind und dass wir das Thema nicht umfassend abbilden können. Auch diesmal ist es uns so ergangen. Gesellschaftliche Veränderung findet immer statt und auch Schüler:innen in den Waldorfschulen sind an diesen Veränderungen beteiligt. Im Vergleich etwa zu den 50er Jahren haben sich unsere Rollen, die Machtverhältnisse, die Partizipation von Frauen an allen Diskursen erheblich verbessert. Dennoch gibt es noch viele Bereiche, auf die wir wach und empfindsam schauen müssen, wo Benachteiligung oder Herabwürdigung aufgrund des Geschlechtes passiert.
In unserem Thementeil berichten Lehrerinnen, wie Feminismus und Rollenbilder an ihren Schulen thematisiert werden.
Eine Schülerin erzählt von einer Initiative der bundesweiten Schüler:innenvertretung, Hygieneartikel an allen Waldorfschulen
kostenlos anzubieten. Eine Ärztin lenkt den Blick auf das Thema «Frauengesundheit» und warum Erschöpfung ein typisches Symptom bei Frauen ist.
Wir freuen uns über viele weitere spannende Texte in dieser Ausgabe der Erziehungskunst. Empfehlen möchte ich Ihnen eine neue dreiteilige Serie, in der die beiden Pädagogikprofessorinnen Christiane Adam und Fanny Stein aufzeigen, wie Waldorfpädagogik heute auf die gewandelte Kindheit reagieren muss.
Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre und einen schönen Juni!
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