Ausgabe 05/26

Warum zieht man hier die Schuhe aus?

Cora Klein
Henning Küpper

Bild oben: Schülerinnen der Freien Waldorfschule Am Prenzlauer Berg in der Aziziye-Moschee in Varna.
Bild links unten: Frühstück im Hof des Casablanca-Hostels in Varna und Amphitheater in Plovdiv.
Bild rechts unten: Mosaikboden der Bischofsbasilika von Plovdiv (frühchristlich).

«Betest du eigentlich auch fünfmal am Tag?» «Ja, wenn ich die Möglichkeit dazu habe», antwortet der Berliner Waldorfschüler Latif. Dann kniet er sich hin und betet für uns eine Sure auf Arabisch. Seine Mitreisenden, Schüler:innen der elften Klasse der Freien Waldorfschule Am Prenzlauer Berg in Berlin, sitzen mit ihm im Kreis auf dem weichen grünen Teppich der Aziziye-Moschee in der bulgarischen Hafenstadt Varna. Draußen regnet es gerade, drinnen ist es warm und gemütlich. Durch die Fenster fällt weiches Licht. Die Mädchen der Gruppe haben Tücher umgetan, um ihre Haare zu bedecken. Alle haben ihre Schuhe vor der Moschee ausgezogen. «Warum eigentlich?», fragt jemand. Latif erläutert mit großem Ernst und die Gruppe hört respektvoll zu, was er von seiner Religion erzählt, und stellt viele Fragen. Respekt vor dem heiligen Ort ist der Grund, warum die Schuhe ausgezogen werden. Es soll das Bewusstsein für Reinheit während des Gebets unterstützen. Ein junger Mann kommt herein, sieht unsere Gruppe und setzt sich zu uns in den Kreis. Wir machen Platz. Er gehört zur türkischen Minderheit in Bulgarien und freut sich über die Gäste in der Moschee. Ein bisschen fühlt es sich an, als würden wir gemeinsam in einem großen Wohnzimmer sitzen. Draußen gibt es sogar einen Wasserspender, einen Kaffeeautomaten und wie bei jeder Moschee Waschräume und Toiletten, die allen offen stehen. Abends bei unserer gemeinsamen Feedbackrunde wird die Zeit in der Moschee von den meisten als die beste des Tages genannt werden.

Die elfte Klasse ist unterwegs mit Reisendlernen e.V.  Das Projekt wird unterstützt von der Qualitätsinitiative Zukunft.Machen unter dem Dach des Bundes der Freien Waldorfschulen. Ziel ist es, den Unterricht raus aus der Schule und rein ins echte Leben zu holen. Die Inhalte dieser Projektfahrten werden im Unterricht an der Schule vorbereitet und dann auf der begleiteten Fahrt im Sinne der Waldorfpädagogik lebendig und greifbar gemacht. Die Jugendlichen sollen dabei ganzheitlich, ohne die Trennung in einzelne Fächer Zusammenhänge verfolgen, eigenes Interesse entwickeln und sich im Team und in der Begegnung mit Menschen vor Ort Wissen und Kenntnisse aneignen. Konkrete Zielgruppe für die Fahrten sind Schüler:innen der Klassen 9 bis 12 an Waldorfschulen. Fahrtenziele sind Deutschland und das europäische Ausland. Schwerpunkte der Bildungsinhalte umfassen Ökologie, Geografie, Geschichte, Kunst, Architektur, Sozialkunde und Sprache.

Wenn Pläne scheitern…


Unsere elfte Klasse vom Prenzlauer Berg hat Bulgarien ausgehend von Varna bereist und auf dem Weg vom Schwarzen Meer innerhalb von acht Tagen noch eine Kräuterfarm am Fuß des Balkangebirges besucht, drei Tage in der Stadt Plovdiv verbracht und ist schließlich von Sofia wieder nach Berlin geflogen. Für unseren verregneten Tag in Varna gab es eigentlich einen ganz anderen Plan. Ausgehend von der imposanten Muttergottes-Kathedrale, wo Sascha eine Einführung in die Orthodoxie gab und Artem mit uns einige bulgarische Redewendungen übte, sollte die Stadt in Kleingruppen erkundet werden. Die Jugendlichen hatten sich zu Hause im Klassenzimmer Themen gewählt, die sie in der Fremde vertiefen wollten: die Römer in Bulgarien, das Gold der Thraker, die Situation der Roma, der EU-Beitritt Bulgariens. Der Regen trieb uns aber in die Gotteshäuser und so besuchten wir an diesem Tag neben der orthodoxen Kathedrale und der Moschee auch eine katholische und eine armenische Kirche. Als wir hier zunächst vergebens an der geschlossenen Tür rüttelten, kam der armenische Priester vorbei und nahm uns mit hinein in die Kirche. Er bot uns Gebäck an und wir ließen uns auf den Kirchenbänken nieder. «Warum gibt es hier in Varna eine armenische Kirche?» «Wie unterscheidet sich die armenische von der katholischen oder orthodoxen Kirche?» Auf einmal waren wir mitten in der Erzählung des Priesters über den Genozid an den Armeniern durch das Osmanische Reich. «Die Ursache für viele Kriege sind die verschiedenen Religionen. Der Islam ist eine Zeitbombe in Europa.» Diese beiden Zitate des Priesters waren Ausgangspunkt einer intensiven Diskussion, die durch unsere syrischen Mitschüler muslimischen Glaubens und unseren Moscheebesuch deutlich erweitert wurde. Betroffenheit, Wut, aber auch ein gewisses Verständnis für die Person des Priesters wurden spürbar. Heute Morgen haben wir gelernt: Respekt vor dem heiligen Ort ist der Grund, warum die Schuhe in der Moschee ausgezogen werden. Es hat uns geholfen, uns einzulassen. Auch jetzt hilft uns der Respekt weiter, auch wenn wir nicht einer Meinung sind.

Tage, Momente und Gespräche wie diese lassen sich nicht vorausplanen, sondern sie passieren, wenn man ohne starres Konzept reist. Das Projekt des Unterrichts auf Reisen bietet andere Entwicklungs- und Bildungsmöglichkeiten, weil Schule nicht in künstlicher Form im abgesonderten Klassenzimmer stattfindet, sondern in der wirklichen Welt. Die Waldorfpädagogik kennt das vom Landwirtschaftspraktium, der Feldmessfahrt, dem Sozialpraktikum und der Kunstfahrt. Der innovative Teil des Projekts Reisendlernen ist, dass es sich nicht um konfektionierte Klassenfahrten mit einem Themenschwerpunkt handelt, sondern um Reisen, die vollständig mit den Schüler:innen gemeinsam geplant und durchgeführt werden.

Standpunkte und Lebenspraxis


«Braucht noch ein Zimmer Wasser?» Bei der Diskussion über den vergangenen Tag ist es spät geworden. Wir sitzen verteilt auf den Betten eines 4-Bett-Zimmers, weil es in diesem Hostel leider keinen Gemeinschaftsraum gibt. Eine Gruppe von drei jungen Frauen macht sich auf den Weg und holt noch drei 5-Liter-Behälter mit Trinkwasser. Wasser einfach aus dem Wasserhahn zu trinken, geht hier nicht. «Wer organisiert morgen mit mir das Frühstück?» Ohne vorher aufgestellten Plan melden sich spontan zwei Schüler:innen. Die elfte Klasse hat von der Anreise bis zur Buchung der Hostels, den Lebensmitteleinkäufen und den Ticketkäufen für Züge innerhalb des Landes alles weitgehend selbstständig organisiert. Auf diese Weise wurde sehr bescheiden gereist und es entstand fast ein Sport, möglichst günstig, aber trotzdem für alle akzeptabel zu reisen.

Dazu gehörten auch Nadelöhre, durch die wir gemeinsam gegangen sind. So war es für eine Gruppe von vier Jugendlichen klar, dass sie nicht fliegen, sondern mit Bussen anreisen wollten. Sich gegenseitig zu hören und andere Standpunkte zuzulassen, ist unumgänglich. Bei gemeinsamer Reiseplanung und dem Reisen in der Gruppe finden zahlreiche solcher sozialen Prozesse statt. Auch Eltern möchten bei solchen Prozessen zumindest zum Teil mitgenommen und informiert werden. «Seid ihr gut losgekommen?», fragt Daniel in die Signalgruppe. Die vier Busreisenden sind bereits um 6 Uhr zum Busbahnhof aufgebrochen. «Ja, sind im Bus, alles prima.» 

Bei diesem Projekt sind nicht die Inhalte in Form von abrufbarem Wissen das primäre Ziel, sondern viel eher die Prozesse, die zu Interesse und der Auseinandersetzung mit den Inhalten führen. Trotzdem gibt es viele Möglichkeiten, wie der Kompetenzerwerb unmittelbar erlebt wird. Das gilt insbesondere für lebenspraktische Fragen, wenn es zum Beispiel ausgehend von einer Idee, über die Diskussion in der Gruppe hin zu einer erfolgreich getätigten Buchung kommt, ein soziales Problem in der Gruppe gelöst wird, oder das Essen zufriedenstellend organisiert wird. Es wird aber auch dann deutlich, wenn ein Teil der Gruppe sich ein Thema erarbeitet und die übrigen durch eine selbst erarbeitete Führung vor Ort daran teilhaben lässt oder mit ihnen darüber diskutiert.

Inzwischen haben wir mit drei Klassen reisend gelernt und zwei weitere Fahrten sind in der Planung. Diesmal geht es nach Bosnien und auch diesmal werden die Geschichte des Landes und seine Ökologie die Themenschwerpunkte sein. Langfristige Perspektive ist die Übertragung des Ansatzes auf andere Schulen. Zwei herkömmliche Epochen wie Biologie und Geschichte können mit einem Vorlauf an der Schule abgedeckt werden. 

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