Bild oben: Kegelschnitte entstehen, wenn eine Ebene einen Doppelkegel schneidet: Kreis, Ellipse, Parabel, Hyperbel – oder sogar Geradenpaare. In der projektiven Geometrie gelten sie als Mitglieder einer Familie: Unter Perspektivwechseln können sie ineinander übergehen.
Bild links: Der 8-Kegelschnitt Satz: Die sieben Kegelschnitte bestimmen einen achten (rot gestrichelt dargestellt).
Bild rechts: Eine Familie von Kegelschnitten, die sich alle in zwei Punkten berühren: eine Grundstruktur des Penrose-Theorems, doch anschaulich für Uneingeweihte.
Im Mai 2024 gelang einer kleinen internationalen Gruppe von Mathematiker:innen der Beweis eines geometrischen Satzes, den Roger Penrose als Student im Jahr 1950 entdeckt, aber nie veröffentlicht hatte: der sogenannte 8-Kegelschnitt-Satz. Dies löste eine Reihe von Ereignissen aus, die zu einer Zusammenarbeit mit Penrose, der Rekonstruktion seiner beiden ursprünglichen Beweise und der Veröffentlichung eines Artikels über den Satz führten.
Penrose ist ein Mathematiker, der 2020 den Nobelpreis für Physik für seine Entdeckung zur Beweisbarkeit schwarzer Löcher erhielt. Er ist bekannt durch seine Arbeiten zu Raumzeit und Singularitäten und hatte die Beobachtung zu den Kegelschnitten seinem Doktorvater vorgelegt. Das Thema galt jedoch als randständig, der Gedanke blieb unveröffentlicht. Unabhängig davon entdeckte der norwegische Geometer Morten Eide in den 1980er-Jahren denselben Zusammenhang und veröffentlichte ihn.
Nach strukturellen Beziehungen fragen
2019 gründete sich eine lose internationale Forschungsrunde, die sich seither wöchentlich online trifft: der Projective Geometry Club. Seine Mitglieder leben in fünf Ländern, gehören unterschiedlichen Generationen an und arbeiten in verschiedenen Bereichen der Mathematik, von theoretischer Forschung über Visualisierung bis hin zur Hochschul- und Schulpraxis. Interessanterweise haben vier der Beteiligten in ihrer Biografie Berührungspunkte mit der Waldorfpädagogik. Thomas Neukirchner unterrichtet Mathematik und Physik an der Freien Waldorfschule Karlsruhe, während sowohl Morten Eide als auch Charles Gunn ehemalige Waldorfmathematiklehrer sind. Russell Arnold ist ein ehemaliger Waldorfschüler, heute wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Mathematischen Sektion am Goetheanum in Dornach. Was die Gruppe verbindet, ist keine Institution, sondern das gemeinsame Interesse an projektiver Geometrie, jenem Teilgebiet der Mathematik, das nicht Längen und Winkel misst, sondern nach strukturellen Beziehungen fragt.
Die mathematische Idee: Was bleibt invariant?
Kegelschnitte wie Kreis, Ellipse, Parabel oder Hyperbel entstehen, wenn eine Ebene einen Doppelkegel schneidet. Unter Projektionen, also bei einem Wechsel der Perspektive, können diese Formen ineinander übergehen. Längen verändern sich dabei, Winkel ebenfalls. Bestimmte Beziehungen bleiben jedoch erhalten, etwa welche Punkte auf einer Geraden liegen oder wo sich Kurven berühren.
Solche unveränderlichen Beziehungen nennt man Invarianten. Der Satz der acht Kegelschnitte besagt vereinfacht: Sind sieben Kegelschnitte in einer bestimmten projektiven Konfiguration so angeordnet, dass sie definierte Berühr- und Schnittverhältnisse erfüllen, dann ist ein achter Kegelschnitt eindeutig bestimmt. Die Struktur erzwingt ihn. Hinter dieser harmlos anmutenden Aussage verbirgt sich eine große Tragweite: Er fasst die meisten bekannten Sätze der projektiven Geometrie in einem einzigen Satz zusammen. 2021 erwähnte Penrose seine alten Gedanken beiläufig in einem Podcast. Clubmitglied Albert Chern erkannte sofort die Nähe zu Fragen, mit denen sich die Gruppe bereits beschäftigte: Warum erscheinen in vielen klassischen Sätzen der projektiven Geometrie ähnliche Konfigurationsmuster? Lassen sich diese Strukturen vereinheitlichen?
Es folgten drei Jahre intensiver Zusammenarbeit. Unterschiedliche Zugänge, algebraische, synthetisch-geometrische und visuelle, wurden entwickelt, geprüft und miteinander abgeglichen. Im Mai 2024 lag schließlich ein vollständiger Beweis vor. Erst danach kontaktierte die Gruppe Penrose. Er antwortete umgehend und beteiligt sich seither regelmäßig – mit 94 Jahren ist er das älteste Mitglied.
Zusammenarbeit über Perspektiven hinweg
Die Mitglieder bringen unterschiedliche fachliche Hintergründe mit: algebraische Methoden, visuelle Modellierung, historische Forschung und didaktische Erfahrung. Entscheidend ist weniger die Spezialisierung als die Bereitschaft, die eigene Perspektive zur Diskussion zu stellen. Geometrische Anschauung allein reicht nicht, algebraische Strenge allein ebenfalls nicht. Erst im Wechselspiel entsteht Tragfähigkeit. Diese Form der Zusammenarbeit ist nicht spektakulär. Sie ist ruhig, dialogisch und langfristig angelegt. Gerade darin liegt ihre Stärke.
Rückwirkung auf den Unterricht
Für Thomas Neukirchner bleibt die Forschung nicht auf theoretischer Ebene. Sie wirkt in seinen Unterricht zurück. Projektive Geometrie ist in vielen Waldorfschulen Bestandteil der Oberstufe. Ihr besonderer Zugang liegt darin, Perspektivwechsel zu thematisieren. Ein Kreis kann durch Projektion zur Ellipse werden. Eine weitere Veränderung erzeugt eine Parabel oder eine Hyperbel. Die einzelnen Formen erscheinen damit nicht als isolierte Kapitel, sondern als zusammenhängende Familie. Im Unterricht bedeutet das: Schüler:innen erleben Übergänge. Sie beobachten, was sich verändert und was trotz Veränderung gleich bleibt. Neukirchner formuliert es so: «Wichtig ist nicht, dass der Lehrer alles weiß. Wichtig ist, dass er eine echte Frage hat.» Die leitende Frage lautet: Was bleibt gleich, wenn sich alles ändert? Sie führt direkt ins Zentrum mathematischen Denkens und verbindet Forschung und Unterricht.
Ein verbreitetes Missverständnis trennt anschauliche Geometrie und formale Algebra. Die Arbeit am Satz der acht Kegelschnitte zeigt das Gegenteil. Die geometrische Betrachtung macht Zusammenhänge sichtbar, der algebraische Beweis prüft und sichert sie. Beide Zugänge sind notwendig, sie widersprechen sich nicht, sondern ergänzen einander. Für die Schule heißt das: Anschauung und formale Strenge gehören zusammen. Geometrie macht Zusammenhänge sichtbar. Algebra prüft und begründet sie.
Mehr als ein Spezialthema
Auch wenn der 8-Kegelschnitt Satz nicht als Thema für den Lehrplan der Oberstufe geeignet ist, lässt sich das, was die Erzählung über das «Mathematisieren» aussagt, dennoch anwenden. Er zeigt, dass mathematische Forschung nicht nur isolierter Spezialdiskurs ist, sondern auch ein Prozess des gemeinsamen Klärens. Ein Gedanke wird aufgegriffen, weiterentwickelt und in einem neuen Kontext verstanden. Er zeigt auch, dass Perspektivenwechsel produktiv sind, in der Forschung ebenso wie im Unterricht. Wenn sich die Perspektive ändert, verändern sich Formen. Tragfähige Beziehungen bleiben. Diese Einsicht verbindet einen Nobelpreisträger, eine internationale Forschungsrunde und ein Klassenzimmer in Karlsruhe.
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