Szenen aus dem Stück Weird Sisters.
Jede Spielerin brachte zu unseren Proben ihren eigenen Zugang mit: Maya überzeugte durch starke Inhalte und Texte, Marie fand ihren Ausdruck im Tanz und Melina in provokanter Aktionskunst. Gemeinsam bildeten sie die drei Hexen aus Shakespeares Macbeth – auf Englisch. Das Unfassbare, Wahnsinnige und Undefinierbare des Scottish Play wurde unser Ausgangspunkt für einen Abend, der sich ganz den Interessen und Impulsen der Mädchen verschrieben hatte und doch zu etwas viel Größerem wurde.
Neben den Weird Sisters brachten wir viele absurde und kreative Ideen der Schülerinnen ein und entwickelten gemeinsam eine collagenartige Performance mit selbstgeschriebenen und teilweise improvisierten Texten. So entstand etwa die groteske Selbsthilfegruppe rund um den ausgestorbenen Vogel Dodo («Hallo, ich heiße Maya und ich habe einen Dodo.» – «Hallo Maya.»), ein Höhepunkt des Abends, denn dieser Teil bestand größtenteils aus Improvisation.
Hinzu kamen weitere Szenen mit absurden Nachrichten: Feministische Aktivistinnen strickten Friedrich Merz’ Privatflugzeug nach; Elon Musk gab ein Interview live vom Mars. Zu all dem bildeten Bertolt Brechts Gedicht An die Nachgeborenen sowie die Originalprotokolle eines historischen Hexenprozesses aus Bremen einen bewussten, scharfen Kontrast.
Während unserer gemeinsamen Arbeit versuchte ich, die Schülerinnen durch meine Präsenz zu inspirieren und ihnen gleichzeitig Raum zu geben, ihre eigenen Wege zu entdecken. Ich blieb von außen beobachtend, Sicherheit gebend und sanft lenkend. Diese Sicherheit ermöglichte dann noch mehr Freiheit für die Spielerinnen.
Wir näherten uns dem Thema der Weird Sisters und dem Theaterspielen auf viele Arten. Wir erforschten intensiv den Raum der Körpersprache und die Beziehung zwischen den Spielerinnen, wir beschäftigten uns spielerisch-provokant mit Frauenrechten und feministischen Themen mitten im Schwarzwald, wir arbeiteten sorgfältig an Texten und Sprachgestaltung, wir improvisierten frei auf der Bühne und fanden so gemeinsam unsere Rollen in Bewegungsimprovisationen; Gedichte wurden gesprochen, Sprache wurde zum Erlebnis gemacht, der Dodo fand thematisch seinen Weg zu uns – immer getragen von großer Spielfreude und purer Lebenslust.
Wir gingen gemeinsam an Grenzen: anarchistische Aktionskunst mit Sahnetorten im Gesicht; Demonstrationen gemeinsam mit dem Publikum; ein Mikrofon ging herum – jede:r durfte alles sagen. Die Absurdität der Dodo-Selbsthilfegruppe traf auf die Intensität einer peinlichen Befragung; die Befreiung vom Scheiterhaufen gelang durch einen kraftvollen Ausdruckstanz. Immer wieder wagten sich die Mädchen mutig ins Publikum hinein und stellten Fragen – offen, ehrlich und direkt.
Die ständige Aufmerksamkeit zum Publikum hin und die beständige Lust an Improvisation führten dazu, dass sich Maya, Melina und Marie von ihren Vorstellungen befreiten – Vorstellungen davon, was realistisch oder verständlich sein muss. Sie fanden Mut zur Freiheit auf der Bühne.
Warum überhaupt Theater in Klasse 11 oder 12 an einer Waldorfschule? Weil gerade in diesem Alter junge Menschen beginnen müssen und wollen, ihre eigene Stimme zu finden. Weil Theaterarbeit bedeutet: sich zeigen lernen, Verantwortung übernehmen, Gemeinschaft erleben, Grenzen überschreiten dürfen, mutig sein, kreativ denken lernen. Es bedeutet kurzum: erwachsen werden dürfen.
Für mich persönlich war dieses Projekt Herausforderung und Geschenk: Ich durfte den Schülerinnen Raum geben, sie sanft führen und inspirieren. Gleichzeitig musste ich manchmal Grenzen setzen, um nicht im reinen Aktionismus zu versinken. Es ging darum, ihre Ideen auszuschöpfen und kreativ aufzubereiten – ohne sie dabei einzuschränken oder ihnen vorzuschreiben, was Theater darf oder sein soll. Im Nachhinein bin ich begeistert, wie mutig die drei jungen Frauen Verletzlichkeit zeigten oder provozierten. Die Badische Zeitung schrieb über unsere Aufführung: «Ein Abend voller Intensität und absurder Schönheit.» Genau das war unser Ziel.
Nachhaltig ist mir die kämpferische Agitation der Liedermacherin Sarah Lesch im Ohr geblieben, die da singt: «Drunter machen wir’s nicht! Wir brauchen euch an unserer Seite, damit ihr euch mit uns empört.» Genauso ist es. Denn was braucht es am Ende wirklich? Es braucht Kunst, die kitzelt, provoziert; Kunst, die Lust auf Leben macht; Kunst, die inspiriert.
«Es braucht Theater».
Kommentare
Es sind noch keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.