Ausgabe 09/26

Was hat das mit Religion zu tun?

Johannes Roth
Biografien wie die von der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner können wegweisend im Religionsunterricht sein. Bildquelle: Martin Maack Wikimedia

Zitat: »Religiöse Qualitäten sollen altersgemäß geweckt und gebildet werden.«
 

Seit ihrer Gründung im September 1922 erteilt die Christengemeinschaft an Waldorfschulen Religionsunterricht in allen Klassenstufen für Kinder, die im engeren oder weiteren Sinn zu ihren Gemeinden gehören. Diese Möglichkeit ergibt sich dadurch, dass der Religionsunterricht im Lehrplan der Waldorfschulen enthalten ist. Zudem gehört es zum Profil dieser Schulen, weltanschaulich keine Glaubensrichtung zu bevorzugen, sondern prinzipiell jeder Konfession die Möglichkeit zum Unterrichten zu geben, sofern eine entsprechende Anzahl von Kindern vorhanden ist. Daneben wurde der sogenannte freie Religionsunterricht eingerichtet. Er ist für alle Kinder und Jugendlichen offen, die keiner Konfession angehören. Das Spannungsfeld, das sich aus diesem Spektrum und den damit verbundenen Unschärfen ergibt, ist in der Erziehungskunst schon öfter erwogen und diskutiert worden.

Vertrauen statt Bekenntnis
 

Vor einigen Jahren, damals noch in der Gemeinde der Christengemeinschaft in Kassel arbeitend, bekam ich von der Gebietssynode den Auftrag, beim Kultusministerium in Wiesbaden einen Lehrplan für unseren Religionsunterricht an hessischen Waldorfschulen einzureichen. Im Verlauf der Gespräche gab es eine Situation, die mir charakteristisch für unser Grundanliegen zu sein scheint. Seitens des Ministeriums wurde moniert, dass wir unseren spezifischen Glauben viel zu wenig im Lehrplan verankert hätten. Hierauf konnte ich nur erwidern, dass es gerade nicht unser Anliegen ist, die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu treuen Mitgliedern der Christengemeinschaft zu bilden. Vielmehr besteht das Ziel des Unterrichts in Qualitäten, die ich hier benennen möchte. Es soll das Vertrauen in die Welt wachsen: das Vertrauen darauf, dass die Erde ein Ort ist, an dem ich etwas tun und bewegen kann. Ebenso soll das Vertrauen in das eigene Vermögen wachsen: Es hat einen Grund, dass ich auf die Erde gekommen bin. Wer das vollendete Leben eines Menschen vor sich hat, bekommt eine Ahnung davon, dass das, was dieser Mensch geleistet, verursacht und gelernt hat, so nur durch diesen Menschen geschehen konnte. Schließlich geht es um das, was wir Vertrauen in den Geist nennen können: darum, dass es so etwas wie eine höhere Ordnung gibt, dass sich hinter vielem, was uns rätselhaft scheinen muss, Sinn finden lässt, und dass wir mit unsichtbaren Kräften wirken können.

Bertha von Suttner in der siebten Klasse
 

Dieser letzte Bereich ist für alle, die für die Christengemeinschaft Religionsunterricht geben, wohl der wichtigste – und kann dennoch niemals vordergründig ausgesprochen oder erklärt werden. Wie sich diese Schwierigkeit und Spannung im Unterrichtsgeschehen spiegeln, konnte ich zuletzt wieder beispielhaft erleben: In einer siebten Klasse erzählte ich über viele Wochen vom Schicksal der Friedensaktivistin Bertha von Suttner (1843-1914). Aufgewachsen in der Donaumonarchie Österreich-Ungarn als einzige Tochter eines schon vor ihrer Geburt verstorbenen Hochadeligen und seiner um 50 Jahre jüngeren Frau, schien dem jungen Mädchen die Rolle vorgezeichnet, für einen «Zukünftigen» eine glänzende Partie zu sein. Als sich dies nicht erfüllte, versuchte sie es als Sängerin, was jedoch ebenfalls scheiterte. Einen deutlich älteren Baron, der um ihre Hand anhielt, wies sie nach inneren Kämpfen ab; ein von ihr geliebter Mann, dem sie sich schon versprochen hatte, verstarb plötzlich auf einem Schiff.

So sah sie schon vor sich, wie sie in Zweisamkeit mit ihrer Mutter ihre Tage fristen würde, die das Vermögen der Familie beim Glücksspiel verloren hatte. Schließlich nahm Bertha, fast 30-jährig, ihr Leben in die Hand. Sie bekam bei einer Wiener Adelsfamilie die Aufgabe, für die vier jugendlichen Töchter als eine Art Erzieherin zu sorgen, und verliebte sich dabei in den um sieben Jahre jüngeren Sohn Arthur Gundaccar, der ihre Liebe erwiderte. Selbstverständlich war eine Verbindung der beiden eine Unmöglichkeit. Bertha wurde umgehend des Hauses verwiesen und verdingte sich in Paris bei Alfred Nobel, um dessen Briefschaften zu erledigen. Mit ihm schloss sie eine lebenslange Freundschaft, verließ Paris aber schon bald überstürzt, der Sehnsucht nach ihrem Geliebten folgend.

Dann folgten die heimliche Hochzeit der beiden und die Reise in den Kaukasus, wo sie in einer Art Exil lebten und Zeugen des russisch-türkischen Krieges wurden. Hierbei fand Bertha ihre Bestimmung als Autorin eindringlicher Beschreibungen der Kriegswirklichkeit und schließlich als Friedenskämpferin. Acht Jahre später, mit ihrem Ehemann nach Wien zurückgekehrt und in seine Familie aufgenommen, erntete sie zunächst nur Spott und Ablehnung, wurde aber mehr und mehr zu einer gewichtigen Stimme in ganz Europa und darüber hinaus. Im Briefwechsel mit ihrem Freund Nobel trug sie maßgeblich zur Stiftung des Friedensnobelpreises bei, den sie 1905 als erste Frau erhielt. Wie viele Wendungen und Infragestellungen enthält dieser Lebensweg – bis dahin, dass Bertha von Suttner im Juni 1914 verstarb, wenige Tage bevor der Mord von Sarajevo die unheilvolle Kette von Drohungen und Zwängen in Gang setzte, die in den Krieg von 1914 bis 1918 mündete, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Danach war von so vielen maßgeblichen Personen zu hören: «Das haben wir nicht gewollt.» Dieser Inhalt wurde Stück für Stück erzählt, dem Lebensalter entsprechend mit einem starken Bemühen darum, konkret und lebensnah zu erzählen und immer wieder Details zu beschreiben: etwa das Porträt des Kaisers Franz Josef mit seinem Backenbart, das in allen Amtsgebäuden hing, oder das k.u.k. Wappen, das vielerorts zu sehen war.

Religion als innere Beteiligung


Eines Tages meldete sich eine Schülerin, um in energischem, beinahe etwas verärgertem Tonfall die Frage vorzubringen, was denn das alles eigentlich mit Religion zu tun habe. Dabei war ihr anzumerken, dass sie in ihrer Haltung zu dieser Frage schon entschieden war: doch wohl nichts. Ich konnte ihr das nicht schlüssig erklären, merkte aber sehr wohl, an welchen Stellen sie und die anderen innerlich stark beteiligt waren. Das galt etwa, als wir die unmögliche, später aber sich erfüllende Liebe zwischen Bertha und Arthur besprachen und dabei auf die eindringliche Charakterisierung und Definition von Erich Fried (1921–1988) zu sprechen kamen:

«Es ist Unsinn», sagt die Vernunft. 
«Es ist, was es ist», sagt die Liebe. 
«Es ist Unglück», sagt die Berechnung.
«Es ist nichts als Schmerz», sagt die Angst. 
«Es ist aussichtslos», sagt die Einsicht. 
«Es ist, was es ist», sagt die Liebe. 
«Es ist lächerlich», sagt der Stolz. 
«Es ist leichtsinnig», sagt die Vorsicht. 
«Es ist unmöglich», sagt die Erfahrung. 
«Es ist, was es ist», sagt die Liebe.

Wir haben das Gedicht auswendig gelernt, zunächst im gemeinsamen Sprechen. Dann erklang es am Anfang der Stunde jedes Mal aus einem anderen Mund. Dabei nahmen wir uns vor, so zu sprechen, dass die vielen Eigenschaftsworte ihre ganz eigene Farbe bekommen: lächerlich, unsinnig, leichtsinnig. Danach war der religiöse Charakter des Stoffes keine Frage mehr.

Hier habe ich ein Beispiel aus einer bestimmten Altersgruppe herausgegriffen. Für die anderen ließe sich Entsprechendes heranziehen: etwa die biblischen Erzählungen vom Weg des Gottesvolkes Israel in der dritten und vierten Klasse, der Weg des Völkerapostels Paulus in der neunten Klasse mit seiner Dramatik und seinen vielen Gegensätzen, die sich wunderbar bearbeiten und besprechen lassen, die großen Weltreligionen in der elften Klasse und schließlich stärker gedankliche Ansätze im zwölften Schuljahr.

So hat der Religionsunterricht der Christengemeinschaft nicht das Ziel, die Kinder und Jugendlichen fest im Glauben an formulierte Glaubenssätze der Gemeinschaft zu machen, etwa im Sinn eines Katechismus. Vielmehr sollen religiöse Qualitäten altersgemäß geweckt und gebildet werden. Wir sind der Waldorfschulbewegung dankbar dafür, dass wir seit über 100 Jahren an vielen Schulen und in den Kollegien willkommen waren – und hoffentlich weiterhin sind. 

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