Ausgabe 12/25

Was in Seelen und Herzen dringen soll

Dorothee Raiser

Das Derbe und das Erhabene in Urbildern der christlichen Weihnachtsgeschichte zeigen die Oberuferer Weihnachtsspiele. Hier die Kumpanei der Augsburger Waldorfschule beim Christgeburtspiel 2013.

«Es wäre ganz verfehlt, wollte man etwa mit pessimistischer Gesinnung darauf hinblicken, daß die Zeiten andere geworden sind», meinte Steiner.


Zauberwind der Weihnachtsstimmung. Lebt nicht in vielen die Sehnsucht danach? Eine Sehnsucht nach echter Weihnacht, nach dem Zauber wirklicher Christgeburt? Eine Sehnsucht danach, dieses Fest anders zu erleben, jenseits vom Zu-Viel, das heute oftmals vorzuherrschen scheint. Zu viel Gans, zu viele Termine, zu viel Großfamilie, zu viele Geschenke? Zu viel Stress? 

Berlin 1910. Steiner führt vor Mitgliedern der anthroposophischen Gesellschaft die Stimmung aus, in der in früheren Zeiten das Weihnachtsfest begangen wurde. Die von seinem Freund und Lehrer Karl Julius Schröer zusammengetragenen, volkstümlichen Spiele scheinen damals richtig und zumindest den Versuch der Aufführung wert, verbunden mit der Hoffnung, in eine spirituelle Gestimmtheit und ein Bewusstsein für die «[…] völlige Erneuerung […] durch den Christus-Impuls» zu kommen (Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe 125, sämtliche folgende Zitate ebenso). Was damals, verbunden mit der Hoffnung auf Erneuerung versucht worden ist, scheint gelungen. Zumindest für die einen, für die nicht Weihnachten werden kann ohne den Besuch dieser alten Spiele. Sie scheinen die vertrauten Bilder, Worte und Gesten, den Stern in den Händen des Baumsingers und die volkstümlichen Grobheiten der Hirten zur Einstimmung zu benötigen. Jedes Jahr wieder. Meist sind es die Oberuferer Spiele, die an den Waldorfschulen gespielt werden. Von Lehrer:innen, teilweise auch von Schüler:innen oder den Eltern. Von Greifswald bis Überlingen, von Görlitz bis Saarbrücken. Große Bühne. Der mit dem Stern ist cool. Schnapp raus, schnapp rein. Urbildhaft und holzschnittartig kommen die Szenen zur Aufführung. Sie anzusehen – heilige Pflicht.

Jedes Jahr das Gleiche


Anderen graut es jedes Jahr erneut davor. Nicht, dass man sie nicht absitzen könnte, die Zeit. 90 Minuten. Jedes Jahr das Gleiche. Es ist so langweilig. Und es zieht sich. Vor allem, wenn man sagen muss: «Ich hab’s nie gecheckt, warum erst Adam und Eva und dann wird sofort danach Christus geboren. Aber ich fand’s eigentlich immer schrecklich.» Und es dauert für die, die ihre Klasse anderthalb Stunden allein für das Christgeburtsgeschehen einigermaßen ruhig halten müssen. Und das nicht erst im Zeitalter der schnellen Bilder: «Dass man‘s nicht aushalten kann, die Diskussion gab‘s schon in den 80er Jahren: Müssen wir das jedes Jahr sehen? Damals hat mancher Schülerrat die Freiwilligkeit durchgesetzt. Auch weil Lehrer:innen an allen Ecken kämpften und nicht nur gegen strickende Schülerinnen», erinnert sich eine ehemalige Schülerin. 

Im alten Oberungarn sammelte der, der die damals noch nicht niedergeschriebenen Spiele einstudierte, Menschen, richtiger gesagt Männer, die er für geeignet hielt. Sie mussten sich laut Steiner während der Probenzeit an strenge Vorschriften halten: «1. nicht zu 'n Diernen gehn, 2. keine Schelmliedel singen die ganze heilige Zeit über, 3. muß er ein ehrsames Leben führen, 4. muß er mir folgen.» Der ganze Mensch sollte sich zur Verfügung stellen, würdig sein und geläutert werden, um an der Kunst teilzunehmen und sie derart aus sich heraus zu erschaffen. Oberufer heute in Google Maps eingegeben ergibt «Prievoz», eine Gemeinde, die seit 1946 Teil Bratislavas, ehemals Preßburg, ist. Anfang des 20. Jahrhunderts war das eine deutsche Enklave und Sprachinsel, wie Steiner es nennt, in der sich, vergleichbar etwa den Amish in Amerika, Brauchtum sowie Sprache und Denken konserviert erhalten hatten, während sich in Deutschland selbst Gesellschaft und Kultur von Generation zu Generation weiterentwickelten. In diesen Gemeinden wurden mit schlichten und bescheidenen Mitteln Weihnachtsspiele und -bräuche gepflegt, deren Formen bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Steiner selbst hat wohl als Kind sehr eindringlich noch Sternsinger in solchen Dörfern erlebt und spricht vom «Zauberwind [der] durch die Seelen, durch die Gemüter ziehen konnte […], wenn die Weihnachtszeit herannahte […].»

Derb und erhaben
 

Volkstümlich derb das Spiel, andere Szenen sind von erhabener Symbolik, etwa, wenn der Engel Maria das Jesuskind aus dem Himmel holt und in den Schoß legt. Auf jeden Fall emotional. Zu Steiners Zeiten waren es vor allem Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft, die, von ihm selbst angeleitet, spielten und vor denen gespielt wurde. Von Kindern, Jugendlichen gar, ist nicht die Rede. Aber schon Steiner spricht davon, dass die Zeiten andere geworden sind, und lenkt den Blick nicht etwa zurück: «Eine jede Zeit hat ihre besonderen Aufgaben, und in einer jeden Zeit muß man verstehen, das, was in die Seelen und Herzen der Menschen dringen soll, in einer neuen Weise zu beleben.» Ob dafür, wiederum 100 Jahre später, uralte Zeugnisse untergegangener deutscher Kultur bis in die Sprache hinein bewahrt, gepflegt werden müssen? Nicht für die, die sagen: «Die Sprache? Warum tut man sich das an? Adam, nimm an dein Weib, oder so ähnlich – also da kann man sich wirklich fragen: Muss das sein?» Vor allem auch, weil die Mischung aus dem Bemühen um den Preßburger Dialekt mit hochdeutschen Einsprengseln schmerzen kann. «Ir liabn meini singa samlet eng zsam gleiwia die Krapfen in der Pfann!» Für andere wäre hochdeutsch undenkbar. Sie schwelgen: «Die alte Sprache? Herrlich! Ich lieb‘s! Die Sprache gehört dazu! Wenn man eintaucht, ist die Sprache kein Problem!» Ja, wer das kann! Eintauchen. Ist das so etwas wie Mit-dem-Herzen-verstehen? Und braucht es gar Jahre des Immer-Wieder dazu? Einzutauchen gilt es auch für die Darsteller:innen, wenn die Proben, ähnlich wie im alten Ungarn, gegen November beginnen. Es heißt einsingen, die Lieder durchsingen und dann Szene für Szene sprechen. Zum Teil gibt es Einzelproben. «Noch vor ein paar Jahren war es streng: alles frontal, erst die Geste, dann die Sprache – oder war es andersherum», erinnert sich ein diesjähriger Engel aus dem Paradeisspiel. Und meint zum Textlernen: «Es kam einfach, weil es so verinnerlicht war. Es kam einfach raus. Es gibt keine Anweisungen oder Anregungen. Die Kumpanei macht es. Alles wird zusammengetragen. Es sitzt bei allen im Ätherleib.» Also nur etwas für die langjährig Treuen? Zur Kumpanei zu gehören, war bis noch vor ein paar Jahren an etlichen Schulen eine Ehre. Wie man es sonst von Ehrenlogen kennt, wurde man angefragt, konnte sich also nicht etwa selbst anmelden wie für eine Theater-AG. Mit Theater soll es auch nichts zu tun haben. Geht es doch mehr um die Darstellung als um ein Schauspiel. Ritus schon fast. Inzwischen wird es immer schwieriger, Willige zu finden. An vielen Schulen wird nur noch das Christgeburtsspiel aufgeführt, seltener das Paradeis- oder gar Dreikönigspiel. Durch die überzeichnete Darstellung von Juden, etwa mit den stigmatisierenden «Judenhüten», setzten sich manche Schulen auch Antisemitismus-
vorwürfen aus. Viele Schulen lassen das Dreikönigsspiel daher weg, wenn sie die Oberuferer Spiele aufführen. 

Irgendwas Heiliges


Kein Weihnachten ohne die Spiele? Vielleicht sprechen so Menschen, die trotz oder gerade wegen der Sprache eintauchen können, Menschen, die durch die Spiele in genau jene Seelenverfassung versetzt werden, die Steiner intendierte, um den Menschen etwas erfahrbar zu machen vom wahrlich weihnachtlichen Geschehen. Aber das Gros der Schüler:innen? Die älteren vor allem? «Es wird einem nichts erklärt, sondern es ist irgendwas Heiliges. Und: Die Lehrer haben sich für euch so viel Mühe gegeben. Und dann musst du rein und verstehst die Hälfte nicht und irgendwann denkst du: naja, besser als Unterricht.» Müsste man für solche Schüler:innen nicht andere Wege finden, zu anderen Mitteln greifen? «[…] Mittel, die uns zu einem noch tieferen Quell der menschlichen Natur führen, zu jenem Quell der Menschennatur, der in einer gewissen Weise von der äußeren Zeit unabhängig ist», wie Steiner es einst formulierte. Braucht es dafür eine verständlichere Sprache? Oder gerade nicht? Würden die Bilder, die auf der Bühne die Urbilder der christlichen Erzählungen zeigen, reichen und man könnte den Text weglassen? Gilt es, das Weihnachtsgeschehen in einer neuen Weise zu beleben, wie Steiner es schon für seine Zeit fordert? Modernisierung also? Erneuerung? Oder etwas ganz anderes? Ein Kunstwerk, das den ganzen Menschen anspricht, der in aller vorherrschenden Säkularität doch die Sehnsucht nach Spiritualität, nach etwas, das über das bloße Dasein hinausweist, in sich trägt? Ein Ritual? Jedes Jahr wieder? Dass «[…] die Menschheit an alle Tiefe und Größe jenes Impulses wieder herankommen kann, der gerade bei diesem Feste empfunden werden sollte.» Denn sicher ist, dass sich der Zauberwind nicht mehr ohne Weiteres erfahren lässt, schon gar nicht unbewusst und träumerisch. Bedauerlich? Nein, auch wenn Steiner davon spricht, dass nur noch «[…] ein letzter, die Größe kaum mehr ahnen lassender Nachklang […]» vom einstmaligen Weihnachtsfest übriggeblieben ist, damals 1910, weist er dabei jeden Kulturpessimismus von sich. «Es wäre ganz verfehlt, wollte man etwa mit pessimistischer Gesinnung darauf hinblicken, daß die Zeiten andere geworden sind», meinte er. Und das ist modern. Und ruft geradezu auf, Gewachsenes infrage zu stellen und zu bestätigen oder neue Versuche zu wagen. 

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