Ausgabe 12/23

Was ist Hochsensibilität?

Melanie Vita

Mia ist sieben Jahre alt und hochsensibel. Sie wirkt zurückhaltend und taut erst nach längerer Zeit auf. In den ersten Monaten nach der Einschulung wirkt sie unsicher und beobachtend. Kontaktangebote nimmt sie nur zögerlich an. Erst nach Längerem fasst Mia Vertrauen, gesellt sich zu den ruhigen Kindern und geht forschen Kindern aus dem Weg.

Der neunjährige Tim wirkt auf den ersten Blick ganz anders. Sein Wesen ist nach außen gerichtet. Er liebt es, neue Dinge auszuprobieren und hält sich gerne in Gruppen auf. Er zeigt ein großes Herz für seine Schulkamerad:innen, tröstet Mitschüler:innen und setzt sich bei Ungerechtigkeiten für sie ein. Von Zeit zu Zeit kippt Tims Stimmung allerdings. Seine emotionalen Schwankungen einzuschätzen, fällt Klassenkamerad:innen und Lehrer:innen schwer.

Beide Kinder wirken sehr unterschiedlich und doch haben sie eine wesentliche Gemeinsamkeit: sie haben eine hochsensible Wahrnehmungsverarbeitung. Stoßen Eltern bei der Suche nach Erklärungen von Verhaltensweisen auf das Thema Hochsensibilität, macht sich meist Erleichterung breit. «Jetzt verstehe ich endlich, warum mein Kind sich so verhält», ist einer der meistgehörten Sätze in meiner Beratung. Die Auseinandersetzung mit diesem Thema lohnt sich. Denn laut Psychologin Elaine Aron sind etwa 15 bis 20 Prozent aller Kinder hochsensibel. Hat das anvertraute Kind eine hochsensible Persönlichkeitsstruktur, kann das Wissen darüber helfen, den Alltag und den Schulalltag so zu gestalten, dass das Kind in seiner Entwicklung optimal gefördert wird und seine Potenziale ausschöpfen kann.

Laut Aron ist die Hochsensibilität ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal. Hochsensible Kinder haben von Geburt an ein empfindsameres Nervensystem. Sie nehmen Sinneseindrücke viel intensiver wahr als andere. Kaum etwas können sie ausblenden. Was sie beobachten, spüren und wahrnehmen, wollen sie verarbeiten, durchdenken, verstehen. Hochsensible nehmen dabei viel mehr Details auf als andere Kinder und denken intensiver über alles nach. Es ist verständlich, dass ihnen schnell alles zu viel wird. Durch die Menge an Eindrücken während eines Schultages, wie Stimmungen von Mitschüler:innen, Geräusche, Gerüche und vieles mehr, kann es zu einer Reizüberflutung kommen. Sie fühlen sich in Folge erschöpft, geraten unter Stress, schirmen sich ab oder sind gereizt. Entgegen ihrer sonst ruhigen und freundlichen Art beginnen hochsensible Kinder zu weinen oder haben Wutausbrüche, die signalisieren, dass ihnen alles zu viel ist. Auch Schlafprobleme, Kopf- und Bauchschmerzen können Signale einer Überreizung sein.

Aron nennt vier Hauptmerkmale der Hochsensibilität: Einerseits die Verarbeitungstiefe: Hochsensible verarbeiten sämtliche Informationen gründlich. Andererseits besteht eine Übererregbarkeit, dadurch neigen Hochsensible zur Überstimulation. Die weiteren Merkmale sind die emotionale Intensität und die sensorische Empfindlichkeit.

Hochsensible Kinder haben eine sehr gute Beobachtungs- und Auffassungsgabe. Wirken sie nach außen passiv, arbeitet ihr Gehirn dennoch auf Hochtouren, um viele Details aufzunehmen und zu verarbeiten. Ihr Gedächtnis ist eines ihrer großen Stärken. Doch nicht nur kognitiv zeigt sich eine hohe Wahrnehmungsverarbeitung. Auch Gefühle erleben hochsensible Kinder besonders intensiv. Sie haben ein gutes Gespür für ihre Mitmenschen, ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis und ein hohes Gerechtigkeitsempfinden. Von Konflikten, Missverständnissen und Ungerechtigkeiten sind sie meist tief getroffen. Sinneswahrnehmungen jeglicher Art werden wie durch einen Verstärker wahrgenommen. Dies zeigt sich zum Beispiel an einer hohen visuellen Beobachtungsfähigkeit und einem guten Gehör. Dadurch durchleben hochsensible Kinder den Alltag viel intensiver. Sie sind mit allen Sinnen präsent. Dies kann schnell zu einer Überreizung führen. Wie sich diese zeigt, ist unterschiedlich. Introvertierte Hochsensible, die etwa 70 Prozent aller Hochsensiblen ausmachen, ziehen sich eher zurück, extrovertierte laden ihren Stress nach außen ab.

In Summe haben hochsensible Kinder eine Vielzahl an wertvollen Fähigkeiten. Dazu gehören unter anderem ein gutes Einfühlungsvermögen, ein starkes Gerechtigkeitsempfinden, Verlässlichkeit und Kreativität. Eigenschaften, die für eine Gruppe wie einem Klassenverband sehr bereichernd sind. Um diese Stärken zu fördern ist es wichtig, auf ein inneres Gleichgewicht zu achten. Kontinuierliche Ruhephasen und Rückzugsmöglichkeiten zur Verarbeitung der Eindrücke gehören zu den elementaren Bedürfnissen. Nur so können Ressourcen Raum bekommen und die Hochsensibilität als Stärke im Leben erlebt werden.

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