Die erste Klasse des Autors. Im Hintergrund ein alter Bauern-Kachelofen.
Es war 1989, als in Wien ein neues Waldorflehrer:innenseminar begann. An diesem berufsbegleitenden Seminar nahmen je 15 Personen aus Slowenien und Kroatien teil. Dreimal im Jahr trafen wir uns für eine Intensivwoche, in der die Hauptthemen der jeweiligen Klasse besprochen wurden. Zu den Dozent:innen gehörten damals Tobias Richter und Christof Wiechert. Beide stellten auf starke und tiefgehende Art und Weise Anthroposophie, Anthropologie und Methodik-Didaktik vor. Auch künstlerisch hatte das Seminar viel zu bieten, wir machten Eurythmie, malten, sangen und gestalteten Skulpturen. Parallel zum Seminar war ich noch Student der Elektrotechnik in Ljubljana, doch mein tiefstes Interesse galt schon immer dem Menschen.
Ich wurde Seminarist im Waldorfseminar durch eine besondere Begegnung. Der großartige Violinist Miha Pogacnik organisierte Ende der 1980er Jahre jeden Sommer das Festival Idriart in Bled. Es gab viel Musik, aber auch Vorträge aus dem Bereich der Anthroposophie. Mich hat es sehr beeindruckt, als jemand ein Waldorfspielzeug aus Holz vorstellte. Die Erklärung, dass das Spielzeug einfach sein muss, damit mehr Raum für die kindliche Fantasie bleibt, begeisterte mich sofort. Mein Vater war Schreiner und ich hatte schon hier und da ein Spielzeug aus Holz gemacht. Ich wollte mehr darüber wissen und zum Glück war da die Telefonnummer von der slowenischen Initiative für Waldorfpädagogik Kortina. Branka Strmole, die Präsidentin von Kortina, fragte mich bald, ob ich Interesse hätte, das Studium zum Waldorflehrer zu absolvieren. Ich sagte ja.
Irrwege kennen und verstehen
So sehen wir, wie die Meister des Schicksals die Sprache sprechen, die wir verstehen können. Diese Sprache war für mich Spielzeug. Inzwischen habe ich seit vielen Jahren ein Wandermuseum für Holzspielzeug. Ich mache Ausstellungen und halte Vorträge über gute und schlechte Spielsachen. Darüber schrieb ich 2016 mehrere Seiten in meiner Doktorarbeit mit dem Titel Die philosophische Bedeutung des Lernens bei Platon und Rudolf Steiner. Es ist mir dabei wichtig, nicht nur gutes Spielzeug, sondern auch Irrwege auf diesem Gebiet zu kennen und zu verstehen, weil es dadurch leichter ist, eine schlechte Wahl zu vermeiden.
Wie schon erwähnt, studierte ich parallel Elektrotechnik und Waldorfpädagogik und schloss beides im Frühling 1993 ab. Die Frage war, wie sich mein Schicksal weiterentwickeln würde. Neun Monate in einer Elektrofabrik waren als eine Erfahrung genug und ich fühlte, wenn ich nicht sofort etwas anderes finden würde, dann könne es passieren, dass ich in der Fabrik bliebe und meine wirkliche Aufgabe für dieses Leben nicht erfüllen könne. Die Waldorfschule in Ljubljana fing 1992 mit zwei ersten Klassen an. Weil das Kollegium ausschließlich aus Frauen bestand, wünschte sich unser Mentor Christof Wiechert, dass später auch Männer an die Schule kommen sollten. Als man mich fragte, sagte ich: «Ja, ich möchte Klassenlehrer in der ersten Klasse werden!» Ich hatte mir eine einfache Frage gestellt: «Kann ich das als mein Schicksal erkennen?» Die Antwort war: Ja!
Prägende Begegnungen
Natürlich war ich im Schuljahr 1992/93 oft zu Gast in der Waldorfschule von Ljubljana. Es war für mich immer interessant zu sehen, wie verschieden man etwas tun kann. Dann besuchte ich im Frühling und im Sommer vier Waldorfschulen, immer für eine Woche: die Schulen in Graz, Salzburg, München und Erftstadt.
Aus Erftstadt möchte ich einige Momente beschreiben. Ich kam mit meinem alten Wagen aus Slowenien an und traf Maria Devin. Sie war Klassenlehrerin an der Schule, wo ich in der ersten Klasse hospitieren sollte. Sie sagte mir, der Klassenlehrer Alfons sei krank und in der ersten Klasse werde Werner Bode sein. Und dass ich bei ihr statt bei Alfons übernachten dürfe. Also das Schicksal brachte mir auf diese Weise Maria und Werner auf meinen Weg. Es war toll, Werner Bode unterrichten zu sehen, der schon fünfmal eine Klasse über die acht Jahre der Klassenlehrerzeit geführt hatte. Werner sagte mir: «Für die erste Klasse ist die Märchenstimmung wichtig und die Kinder müssen sehen, dass du als Lehrer mit Freude in die Schule kommst.» Maria schenkte mir Grimms Märchen, die ich auch gerade jetzt wieder lese, weil ich wieder eine erste Klasse habe. 1993/94 war Christof Wiechert Klassenlehrer der ersten Klasse, so wie ich. Ich durfte ihn für eine Woche in Den Haag besuchen, um in der Schule zu hospitieren, dabei konnte ich seine Familie kennenlernen. Beides war für mich sehr bereichernd. Wie ein echter Freund half Christof mir und unserer kleinen Schule in Visoko, sodass wir besser arbeiten können. Ich schreibe diese Geschichte im Umriss in tiefer Dankbarkeit an alle, die der Waldorfbewegung in Slowenien halfen, auch wenn ich nur einige mit Namen erwähne.
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