Ausgabe 09/26

Wenn die Gemeinschaft bröckelt

Juri Kirstein
Unser Autor ist Oberstufenschüler. Auch er findet den Dialog zwischen Eltern und Lehrkräften sehr wichtig. Bildquelle: Charlotte Fischer

Zitat: «Als Schüler:in hat man den Eindruck, in der Schule würde nicht mehr aktiv zusammengearbeitet.»
 

«Ich verstehe es einfach nicht», sagt eine Schülerin aus der zwölften Klasse und schüttelt den Kopf. «In der ersten Klasse kämpfen Eltern um jeden freien Platz an unserer Schule, und bei uns in der Oberstufe müssen wir Klassen zusammenlegen, weil einfach zu viele gehen.» Annabell Burkhard (Name geändert, der Redaktion bekannt) ist Schülerin der Freien Waldorfschule Offenburg und blickt, genau wie ich, besorgt auf die aktuelle Situation. Sehen wir uns in den Klassenräumen der Oberstufe um, fehlen tatsächlich einige Gesichter, die in der Mittelstufe noch fester Bestandteil der Klassengemeinschaft waren. Es scheint, als ob sich immer mehr Schüler:innen mit zunehmendem Alter unwohl an der Offenburger Schule fühlen würden. Ist eine spürbare Veränderung der Bildungspartnerschaft in den höheren Klassenstufen ein Auslöser dafür? In Gesprächen mit ehemaligen Schüler:innen, die die Schule gewechselt haben, höre ich oft ein ähnliches Fazit: In den ersten Jahren funktioniere das sich ergänzende Kommunikationsdreieck zwischen Eltern, Lehrkräften und Schüler:innen oft hervorragend, man fühle sich wohl und gut aufgehoben. Doch später, zu Beginn der Oberstufe, zerfalle diese Basis von Unterstützung und Vertrauen in der Praxis häufig. Viele sind sich dann unsicher, ob sie im Rahmen dieser Pädagogik ihren Abschluss schaffen werden. Es fehlen der Rückhalt und die leitende Struktur, die den Schüler:innen das Gefühl von Sicherheit geben. Die intensive Aufmerksamkeit seitens der Lehrkräfte, die individuelle Förderung einzelner Schüler:innen, das Feiern von Erfolgen und die Möglichkeiten, sich einzubringen, werden bis zum Abschluss nicht so durchgetragen, wie es in den jüngeren Klassenstufen der Fall ist. 

Zusammensetzen, Lösungen suchen
 

In der Unter- und Mittelstufe greifen die bewährten Mechanismen meist noch. Als Schüler:innen wissen wir, dass wir uns, wenn es Sorgen gibt, immer an die Klassenlehrkräfte wenden können, worauf diese den direkten Kontakt zu den Eltern suchen und an Lösungen arbeiten werden. Es ist eine Art Sicherheitsnetz, in dem alle miteinander verbunden sind. Ein schönes Beispiel dafür konnte ich in meiner frühen Schulzeit erleben: Ein Mitschüler war über lange Zeit Auslöser von Unruhen während des Unterrichts. Er verweigerte Aufgaben, sprengte den Unterricht und verleitete andere dazu, es ihm gleichzutun. Die Leidtragenden waren oft diejenigen, die nur selten etwas sagten und Bedenken äußerten. Doch mit der Zeit wurden auch ihre Stimmen gehört. Lehrer:innen und Eltern setzten sich zusammen und man suchte nach Lösungen. Sie versuchten nicht nur über den Mitschüler zu reden, sondern mit ihm. Eine Herangehensweise, die keineswegs einfach war oder schnell ging, aber eine Art der Konfliktbewältigung darstellte, die nicht dazu führte, dass der Schüler ausgeschlossen wurde. Sie gab ihm die Möglichkeit, sich zu entwickeln und Teil der Klasse zu werden. Einen Höhepunkt fand diese Entwicklung während des Achtklassspiels. Der Schüler musste plötzlich Verantwortung übernehmen, seine Rolle beherrschen und vor einem Publikum zeigen, wer er war. Ein Wendepunkt, an dem spürbar wurde: Die Klasse braucht ihn. Es zeigt, wie Bildungspartnerschaften eine Vertrauensbasis schaffen können, die sich in herausfordernden Situationen bewährt.

Fehlender Austausch, zunehmende Entfremdung
 

Wie diese Basis schon früh geschaffen werden kann, berichtet mir eine Mutter der Freien Waldorfschule Kassel. Bereits seit der ersten Klasse versendet die Klassenlehrerin regelmäßig ausführliche E-Mails, teils sogar wöchentlich. Diese Nachrichten informieren die Eltern nicht nur über anstehende Termine, sondern sie geben auch einen Einblick in die Entwicklung der Klasse und in die pädagogische Arbeit. Sie erläutern Maßnahmen, feiern Erfolge und skizzieren Wege der Weiterentwicklung. «Man muss immer erarbeiten, wieso die Kinder der jeweiligen Eltern auf einer Waldorfschule sind», sagt Johannes Renzenbrink, Kunstlehrer der Offenburger Schule. Bleibe das Verständnis für die waldorfspezifischen Besonderheiten über die Schuljahre hinweg klar, ließen sich tiefgreifende Konflikte vermeiden.

Doch genau dieses Netz bekommt Risse, sobald der Übergang in die Oberstufe geschieht. Als Schüler:in erlebt man, dass sich plötzlich der Ton ändert. Von Seiten der Schule wird erwartet, dass wir Jugendlichen uns selbst organisieren. Sämtliche Infos, zum Beispiel Fristen für Projekte, und auch pädagogische Hintergründe sollen nun von uns in die Elternhäuser getragen werden. Doch welche:r Jugendliche setzt sich nach einem langen Schultag hin und erklärt am Abendbrottisch Vorgehen und Konzept der Schule? Der direkte Austausch zwischen Lehrkräften und Eltern versandet. Die Konsequenz zeigt sich im Alltag: Viele Eltern fühlen sich von der Pädagogik entfremdet und als Schüler:in nimmt man diese Entwicklung wahr, als würde an der Schule nicht mehr aktiv zusammengearbeitet. Man stellt sich die Frage, was die Schule für einen selbst eigentlich noch an Mehrwert hervorbringt und ob man andernorts bessere Routinen, Pläne und Aussichten auf geregelte Strukturen hat. Das gilt vor allem während der Anfangsphase der Oberstufe, in der man sich als Schüler:in ohnehin mit vielen neuen und vielleicht noch fremden Begebenheiten beschäftigt. Indem Schulen die Kommunikation über Pädagogisches stillschweigend an uns Jugendliche delegieren, wird das Prinzip der Selbstorganisation der Gemeinschaft verdreht: Wir werden neben unserem Lernalltag unfreiwillig zu den Verwalter:innen einer bröckelnden Gemeinschaft und übernehmen Aufgaben, die fest verankerte Strukturen bräuchten. 

Gremien als Potenzial
 

Als junger Mensch steht man in dieser Phase, wenn die Schule nicht klar mit ihrer Gemeinschaft kommuniziert, oft daneben und weiß nicht, wie man auf diese Strukturprobleme reagieren soll. Die Schüler:innenschaft merkt es oft als erste, wenn die Kommunikation unter den Erwachsenen nicht stimmt. Für viele brachte die Coronapandemie diese präventive Beziehungsarbeit zusätzlich massiv ins Wanken. Persönliche Gespräche fielen aus, der gewohnte Austausch brach ab. Johannes Renzenbrink nimmt diese Zeit nachträglich als tiefen Bruch innerhalb der Schulgemeinschaft wahr. Das vor der Pandemie gelebte Austauschkonzept, bestehend aus interaktiven Elternabenden, Arbeitskreisen und klassenübergreifender Kommunikation, müsse nun mühsam wiederbelebt werden. Das größte Potenzial sieht der Kunstlehrer im Gremienleben. «Es braucht die Unterstützung der Gremien, in denen Lehrkräfte und Eltern miteinander ins Gespräch kommen», betont Renzenbrink. «Wenn Vertreter:innen aus der Elternschaft, aus dem Lehrkräftekollegium und aus der Schülerschaft nicht mehr an einem Tisch sitzen, stirbt der Austausch und damit das Vertrauen.»

Wir als Schüler:innen der Oberstufe brauchen keine Bildungspartnerschaft, die als Idee verstaubt. Es braucht Erwachsene, die miteinander reden, statt die Jugendlichen als Puffer zwischen die Fronten zu schieben. Wenn Lehrkräfte und Eltern wieder beginnen, sich als echtes Team zu verstehen, das an der gleichen Vision arbeitet, und das die Heranwachsenden in diese Arbeit miteinbezieht, dann  füllen sich auch die Klassenzimmer in der Oberstufe wieder – mit Schüler:innen, die sich an ihrer Schule zu Hause fühlen. 

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