Wenn einer eine Reise tut

Von Mathias Maurer, Juli 2021

Ferienzeit – Reisezeit. Manche nehmen dafür ihr Gehäuse mit, andere logieren in standardisierten Unterkünften – nur die Kulisse wechselt wie die Tropentapete im heimischen Wohnzimmer –, wieder andere setzen sich radikal der Fremde aus, das heißt den Menschen, denen sie auf dem Weg oder am Ziel ihrer Reise begegnen.

Die Erwartungen sind dabei so verschieden wie die Skala der Mischung aus gewohnten und ungewohnten Zumutbarkeiten. Das Angebot zwischen Massen- und Individualtourismus hat für alle etwas zu bieten – bis hin zum geplanten Oktoberfest in Dubai.

Doch wenn eine Reise eine wirkliche Reise war, kommt der Reisende verändert zurück. Die neuen Erfahrungen, denen er sich ausgesetzt hat in der Begegnung mit fremden Menschen, mit fremden Ländern, fremder Sprache, fremdem Klima, haben ihn einen anderen werden lassen.

Wir sind es gewohnt, in jeden Winkel der Erde zu reisen. Zumindest in Europa galt volle Reisefreiheit. Mit der S-Bahn durch Berlin zu reisen, dauert manchmal länger als der Trip nach Mallorca. Das unbeschwerte Gefühl, sich frei bewegen zu können, stellt sich heutzutage nicht mehr so leicht ein. In früheren Jahrhunderten hing von diesem Übertritt die Zugehörigkeit zu einem Volk, zu einer Nation, zu einem Wirtschaftsraum ab. Heute ist es das Individuum, dem auf seiner Reise der Übertritt auf Grund seines gesundheitlichen Status versagt werden kann, Grenzen zu überschreiten. Es ist möglich, dass die Bewegungs- und Reisefreiheit von Menschen, die diesen Status nicht nachweisen können, auf Dauer eingeschränkt bleibt. Die »Ärzte für individuelle Impfentscheidung« halten diese Perspektive für »erschreckend« – zumal eine gleichberechtigte vollumfassende gesellschaftliche Teilhabe nur Familien mit Kindern, die geimpft sind, gestattet sein soll – und lehnen das Konzept eines europäischen Covid-19-Impfpasses, in Übereinstimmung mit der Position der WHO ab. Auch ob nur noch geimpften Kindern ein Schulbesuch möglich sein wird, steht zur Diskussion und verspricht uns einen heißen Herbst.

Nachdenklich an dieser Entwicklung macht die eingetretene Abhängigkeit von grundgesetzlich verbürgten Freiheitsrechten, die für alle Bürger eines Landes gelten, vom individuellen, physisch-biologischen Status eines Mitbürgers und dessen medizinischen Erfassung.

Waldorfpädagogik lebt jedoch nicht nur von äußeren Freiheiten – sie kennt, pflegt und arbeitet mit den Kräften der Phantasie – und diese sind unbegrenzt – in Märchen, Fabeln, Geschichten, Erzählungen und Literatur – von der ersten bis zur dreizehnten Klasse. Die »Erkenntnisleistung« der »exakten Phantasie« nimmt dabei einen großen Bogen von der Gemütsbildung bis zur wissenschaftlichen Analyse. – Wir laden Sie mit diesem Heft zu phantasiebeflügelnder Lektüre und Gespräch über nahe und ferne Orte ein – so individuell beschrieben, wie es ihre Autoren sind.

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