Zitat: «45 Minuten lang erzählt er zum ersten Mal die ganze Geschichte. Danach weiß er, wen er ansprechen möchte und wie.»
Die Aufgabe von Martina Christian und Andreas Kern ist es nicht, Entscheidungen zu treffen, sondern Gespräche wieder möglich zu machen. Beide kommen aus der pädagogischen Praxis. Martina Christian arbeitet als Dozentin, Coachin und war viele Jahre Klassenlehrerin sowie in der Schulführung tätig. Andreas Kern war lange als Lehrer tätig und bildet heute angehende Lehrkräfte aus. Die Arbeit in der Schlichtungsstelle leisten sie zusätzlich – aus persönlicher Überzeugung. «An manchen Stellen wird viel zu wenig gesprochen, obwohl sehr viel geredet wird», sagt Kern. Viele Konflikte entstehen im Vorbeigehen, auf dem Flur, auf dem Parkplatz oder zwischen zwei Terminen. Gespräche bleiben informell, die zuständigen Gremien erfahren nichts davon, Missverständnisse wachsen, bis irgendwann ein Konflikt entsteht, den niemand mehr klar überblickt. Hier setzt die Schlichtungsstelle an: Christian und Kern hören zu, ordnen und helfen, Wege zu Gesprächen zu finden. Beide betonen, dass sie diese Arbeit nicht aus Pflichtgefühl oder Verwaltungssinn tun. «Uns ist wichtig, dass Menschen innerhalb der Waldorfbewegung ein unabhängiges Ohr finden», sagt Christian. Viele wenden sich an die Stelle, weil sie an ihrer Schule niemanden mehr sehen, an den sie sich wenden können oder möchten.
Vertraulich – und ohne Weisung
Die Schlichtungsstelle berät Eltern, Mitarbeitende und Angehörige des Kollegiums vertraulich, zunächst ohne Kontakt zur Schule, es sei denn, Betroffene wünschen dies ausdrücklich. Viele schreiben direkt an den Bund der Freien Waldorfschulen, in der Hoffnung, dort entscheide jemand den Konflikt. Doch genau das passiert nicht. «Wir sind keine Aufsichtsbehörde», sagt Kern. Auch eine andere Erwartung hören beide häufig: dass jemand von der Schlichtungsstelle in die Schule kommt und den Konflikt vor Ort löst. «Es ist mit unserem Budget und der uns zur Verfügung stehenden Zeit nicht möglich, zu reisen», sagt Christian.
Die Aufgabe der Stelle ist eine andere: zuhören, sortieren, Orientierung geben. Christian beschreibt diese Arbeit mit der Metapher des Wollknäuels. Menschen melden sich mit einem Bündel aus Ärger, Enttäuschung, Sorgen und offenen Fragen. Gemeinsam sucht man den Anfang dieses Knäuels. Von dort lässt sich Schritt für Schritt klären, was geschehen ist und welcher nächste Schritt möglich sein könnte.
Zuhören – oft lange
Ein großer Teil der Arbeit besteht aus Gesprächen. Viele Anfragen führen zu langen Telefonaten. Menschen erzählen ihre Geschichte, manchmal zum ersten Mal vollständig. «Wir hören zu», sagt Christian. «Und wir nehmen uns Zeit.» Das sei keine Nebensache, betonen beide. Viele Menschen melden sich in einer Situation großer Anspannung. Sie fühlen sich übergangen oder nicht gehört. Manche haben Angst vor einem Gespräch mit der Schule. Andere wissen nicht, wie sie ihr Anliegen formulieren sollen. Dann beginnt die eigentliche Arbeit: zuhören, nachfragen, ordnen. Kern beschreibt das so: Menschen kommen mit viel Druck. Im Gespräch lässt sich der Fall sortieren und der Druck lässt nach. Plötzlich wird klarer, worum es eigentlich geht. Ein Beispiel: Ein Vater meldet sich nach der Kündigung des Schulvertrags. 45 Minuten lang erzählt er zum ersten Mal die ganze Geschichte. Danach weiß er, wen er ansprechen möchte und wie. Aus solchen Gesprächen entstehen oft drei Fragen, die helfen, einen Konflikt zu ordnen: Was ist eigentlich passiert? Was möchte ich erreichen? Wie kann ich ein Gespräch beginnen, ohne den Konflikt zu verschärfen?
Schlichtung oder Beschwerde
Der allererste Schritt ist immer derselbe: schreiben. Denn wer Kontakt mit der Schlichtungsstelle aufnimmt, muss das Anliegen zunächst kurz per E-Mail schildern. Im Gespräch zeigt sich dann, was das Ziel der Beratung ist, eine Schlichtung oder eine Beschwerde. Die Grenze ist nicht immer eindeutig. Eine Schlichtung hat ein Ziel: Die Situation soll besser werden. Dafür braucht es Dialog und die Bereitschaft beider Seiten. Eine Beschwerde benennt einen Missstand. Sie entsteht oft dann, wenn die Beziehung bereits beendet ist, zum Beispiel nach der Kündigung des Schulvertrags. Wichtig bleibt: Die Schlichtungsstelle handelt nie eigenständig gegenüber einer Schule. Erst wenn Betroffene zustimmen, wird Kontakt aufgenommen.
Nicht jeder Konflikt gehört in die Zuständigkeit der Schlichtungsstelle. Bei Hinweisen auf physische, psychische oder sexualisierte Gewalt verweisen die beiden Berater:innen an spezialisierte Beratungsstellen. Auch rechtliche Fragen, etwa zu Arbeits- oder Vertragsrecht, liegen außerhalb ihres Auftrags.
Typische Konflikte
Besonders häufig melden sich Eltern nach der Kündigung des Schulvertrags. Viele berichten, dass sie diesen Schritt nicht erwartet haben. Gespräche hätten kaum stattgefunden oder seien nicht dokumentiert worden. Zurück bleibt ein Satz, der tief verletzt: Mein Kind wird abgelehnt und ich weiß nicht, warum. Ein zweites Konfliktfeld sind Aufnahmen. Auch wenn ein Kind keinen Platz bekommt, ist der Schmerz groß. Doch Schulen entscheiden darüber selbst. Die Schlichtungsstelle kann hier vor allem zu Gesprächen und zu mehr Transparenz ermutigen. Auch Beschwerden über pädagogische Entscheidungen erreichen die Stelle. Doch auch hier sind die Berater:innen nicht zuständig, sie bewerten keinen Unterricht. Dafür sind die einzelnen Schulen zuständig.
Was Schulen lernen können
Was müsste sich ändern, damit die Schlichtungsstelle seltener gebraucht wird? Christian und Kern nennen zwei Punkte. Erstens: früh sprechen. Konflikte sollten angesprochen werden, solange sie noch klein sind. Zweitens: klare Wege, klare Zuständigkeiten. Wer ein Problem hat, muss sofort wissen, an wen sich die Person wenden kann. Die Rollen sollten getrennt sein. Wenn dieselbe Person gleichzeitig Vorstand, Vertrauenskreis und Klassenlehrkraft ist, entsteht schnell der Eindruck von Befangenheit.
Am Ende steht eine einfache Botschaft. «Man kann sich mit allen Anliegen an uns wenden», sagt Christian. Auch wenn die Schlichtungsstelle nicht zuständig ist, hilft sie, gemeinsam den richtigen Weg zu finden. Konflikte sollten niemals so groß werden, dass sie eine Schulgemeinschaft zerstören. Aber sie brauchen Form und Interesse. Und dann beginnt alles mit etwas sehr Einfachem: jemand hört zu.
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