Es ist 10:15 Uhr in der Rudolf Steiner Schule Siegen. Die große Pause ist gerade beendet. Lisa (sämtliche Namen von Schüler:innen von der Redaktion geändert) verlässt wie jeden Dienstag den Hauptunterricht und geht gemeinsam mit drei weiteren Kindern aus den Klassen drei bis fünf ins «Blaue Haus». Dort werden sie die nächste Stunde in der «Insel» verbringen. Die Sonderpädagoginnen Anja Baum und Bettina Reuter begrüßen die Ankommenden. Schon dieser Moment markiert einen Übergang: vom Trubel des Klassenverbandes in einen geschützten Raum, der Entlastung und Konzentration zugleich ermöglicht. «Wir beginnen mit Bewegung», erklärt Baum und führt die Kinder in den Nebenraum. Matten, Balancekissen, Stapelsteine und eine kleine Kletterwand laden zum Ausprobieren ein. Die Übungen sprechen gezielt die sogenannten unteren Sinne an – Gleichgewicht, Eigenwahrnehmung, Koordination. Erst danach folgt der kognitive Teil. Diese feste Struktur gibt Halt und hilft vielen Kindern, überhaupt erst in eine Lernbereitschaft zu finden. Anschließend wechseln alle in den eigentlichen Inselraum. Das ehemalige Apartment wurde bewusst wohnlich gestaltet: Sofa, Teppich, Pflanzen, warme Farben. Hier wird gearbeitet, aber auch durchgeatmet. Während die Gruppe Matheaufgaben bearbeitet, klopft es. Ben aus der vierten Klasse tritt ein und überreicht sein «Inselticket». Darauf hat die Klassenlehrerin notiert, weshalb er kommt und woran er arbeiten soll. Ben fällt es häufig schwer, im Klassenraum zur Ruhe zu kommen. In der Insel gelingt ihm das meist schnell. Kurz darauf erscheint Elif aus der fünften Klasse. Ihr Ticket vermerkt einen Streit in der Pause. Dankbar nimmt sie eine Wärmflasche entgegen und setzt sich mit Bettina Reuter in die Sofaecke. Dort wird leise besprochen, was vorgefallen ist.
Lernen wieder möglich machen
Dem Konzept liegt folgender Ansatz zugrunde: Jedes Kind, das in die erste Klasse kommt, will lernen – unabhängig von seinen Voraussetzungen. Wenn Lernen stockt, liegen die Gründe selten im Willen, sondern oft in Belastungen, Stress oder Erfahrungen, die Blockaden erzeugen. Die Insel schafft einen zusätzlichen Raum. In ihrer ruhigen Atmosphäre erleben Kinder: Ich werde gesehen. Ich werde angenommen. Ich bin richtig. Von dort aus beginnt eine gemeinsame Forschungsreise, auf der Kinder und Erwachsene entdecken, welche Bedingungen individuelles Lernen wieder möglich machen und Entwicklung erlauben.
«Für uns Klassenlehrer:innen ist die Insel eine enorme Entlastung», sagt Marina Schneider, Klassenlehrerin der vierten Klasse. «Wenn ein Konflikt geklärt werden muss oder ein Kind gerade gar nicht arbeitsfähig ist, kann ich den Unterricht weiterführen und weiß es gleichzeitig gut begleitet.» Viele Kolleg:innen berichten Ähnliches. Die Idee entstand im Schuljahr 2024/25, als die Schule erneut den Status des Gemeinsamen Lernens anstrebte. In Nordrhein-Westfalen bedeutet dies, dass eine allgemeinbildende Schule inklusiv arbeitet und Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf nicht zwangsläufig auf eine Förderschule wechseln müssen. Die Schule hatte diesen Status früher schon einmal besessen, ihn jedoch verloren, nachdem die sonderpädagogische Stelle nicht mehr besetzt werden konnte. Mit der Neueinstellung von Anja Baum eröffnete sich die Chance für einen Neuanfang – verbunden mit der Frage, wie ein zeitgemäßes Konzept aussehen könnte.
Bettina Reuter konnte als zweite Sonder- und Theaterpädagogin gewonnen werden. Gemeinsam mit Klassen- und Fachlehrkräften wurde intensiv beraten: Was brauchen unsere Schüler:innen wirklich? Schnell zeigte sich, dass Flexibilität entscheidend ist. Das frühere Modell war als zu starr empfunden worden. Nun sollte ein Ansatz entstehen, der Individualität ernst nimmt und situativ reagieren kann. Hospitationen an anderen Schulen gaben schließlich den Impuls zur Inselidee: ein Ort, an dem Lernen, Bewegung, Gespräch und Rückzug selbstverständlich nebeneinander bestehen dürfen.
Mit Theaterspiel und Fachlichkeit
Finanziert wird das Angebot über die Mittel des Gemeinsamen Lernens. Für den Primarbereich erhält die Schule pauschal Ressourcen für eine volle sonderpädagogische Stelle. Zusätzliche Gelder kommen für Kinder hinzu, die ein Verfahren zur Feststellung sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfs durchlaufen haben. Begleitet werden vor allem Schüler:innen mit den Förderschwerpunkten Lernen sowie emotionale und soziale Entwicklung. Während bei Letzteren theaterpädagogische Elemente helfen, Impulskontrolle und Ausdrucksfähigkeit zu stärken, liegt bei anderen der Fokus stärker auf fachlicher Unterstützung in Deutsch oder Mathematik. Kinder mit festgestelltem Förderbedarf haben Anspruch auf regelmäßige Einzelförderung und arbeiten zusätzlich zu den Gruppenzeiten einmal wöchentlich allein in der Insel. Die Zweitklassbetrachtung wurde als zentrales Element in das Konzept des Gemeinsamen Lernens integriert. Dabei beraten Lehrkräfte gemeinsam mit den Sonderpädagoginnen über einzelne Kinder und überlegen, welche Lernumgebung ihnen momentan am meisten entspricht. Auf dieser Grundlage werden Kinder erstmals einer festen Inselgruppe zugeteilt, wenn sich zeigt, dass ihnen eine kontinuierliche Begleitung guttut. Die festen Inselgruppen bestehen bewusst über längere Zeiträume – mehrere Wochen, manchmal sogar Monate. So entstehen Verlässlichkeit, Beziehung und Vertrauen. Gleichzeitig bleibt das System durchlässig: Wenn sich Bedürfnisse ändern, werden Gruppen angepasst oder aufgelöst. Neben den festen Gruppen gibt es weiterhin die Möglichkeit, spontan zu kommen. Manche Kinder nutzen die Insel nur einmal, etwa um nach einer Krankheit versäumten Stoff nachzuholen. Andere erscheinen in bestimmten Phasen häufiger, etwa wenn familiäre Belastungen oder Konflikte im Klassenverband ihre Konzentration erschweren.
Keine fertige Ideallösung
Seit dem Schuljahr 2025/26 ist die Insel montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr geöffnet. Das Angebot wird von Lehrkräften, Eltern und Kindern gleichermaßen geschätzt. Dennoch verstehen die Beteiligten es ausdrücklich als Prozess. «Wir haben uns auf den Weg gemacht», sagt Bettina Reuter. «Die Insel ist keine fertige Ideallösung, sondern unsere momentane Antwort auf die Bedürfnisse unserer Schüler:innen. Und diese Bedürfnisse verändern sich.» Auch epochenabhängig schwanke die Nachfrage, ergänzt Anja Baum. Wichtig ist dem Team, dass grundsätzlich alle Kinder profitieren können – nicht nur jene mit diagnostiziertem Förderbedarf. Manche brauchen vorübergehend einen stillen Arbeitsplatz, andere ein klärendes Gespräch, wieder andere eine bewegte Pause. Derzeit nutzen vor allem Schüler:innen der Klassen drei bis sechs das Angebot, doch auch für die Mittelstufe wird bereits über Erweiterungen nachgedacht.
Parallel wächst der Wunsch nach noch stärkerer multiprofessioneller Zusammenarbeit. Neben den beiden Sonderpädagoginnen sind bereits eine Handarbeitslehrerin und eine Kunsttherapeutin eingebunden. Perspektivisch könnten Heileurythmie oder sozialpädagogische Begleitung hinzukommen. Solche Erweiterungen hängen jedoch stark von finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen ab. Sorge bereitet dem Team insbesondere das neu digitalisierte Verfahren zur Feststellung sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfs mit seinen umfangreichen Dokumentationspflichten. Trotz solcher Herausforderungen herrscht Einigkeit darüber, wie bedeutsam das Projekt ist. Wenn Schulen Kindern mit Förderbedarf keinen Platz bieten können, müssen diese häufig an ohnehin stark ausgelastete Förderschulen wechseln. Die Insel zeigt, dass ein anderer Weg möglich ist: einer, der Differenzierung nicht als Störung, sondern als Normalität versteht.
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