Ausgabe 11/26

Wenn Zugehörigkeit gefährlich wird

Juri Kirstein
Illustration: Caroline Becker


«Man kann sich einfach schwer vorstellen, wie es sich anfühlt, Drogen zu nehmen, und ob man in der Lage ist, abzuschätzen, was der Körper tragen kann und was nicht. Aber der Reiz ist da.» Das sagt Tina, eine Mitschülerin von mir. Wir haben eine Präventionsveranstaltung zu Drogenkonsum besucht, das Thema beschäftigt uns, wir reden weiter darüber. Ich denke über Tinas Aussage nach. Sie zeigt mir, dass Präventionsangebote an Grenzen stoßen, wenn sie keine Vorstellung davon vermitteln, wie es ist, wenn Situationen unter Drogeneinfluss außer Kontrolle geraten. 

Als ich mich in der zwölften Klasse für eine Jahresarbeit entscheiden musste, fielen mir diese Unsicherheit und die Gefahren des Drogenkonsums wieder ein. So stand für mich schnell fest, dass ich als Arbeit die Produktion eines professionellen Kurzfilms wählen möchte. Einen visuell aufgeladenen und emotionalen Film über den Drogenkonsum bei Jugendlichen in Verbindung mit Gruppenzwang – das wollte ich machen.

Gruppenzwang ist selten laut


Der Film handelt von einem jungen Mädchen, das auf einer Party, genötigt von einem Trio junger Männer, eine Partydroge nimmt. Was als kurzlebiger Rausch beginnt, wird schnell zu einem psychischen Alptraum, bis sie eine Psychose bekommt und schließlich stirbt. Bei der Entwicklung dieser Handlung wollte ich die emotionalen Tiefen des Themas spürbar machen, das habe ich unter anderem durch filmästhetische Elemente aus dem Horrorfilmgenre getan. 

Bei Jugendlichen ist es manchmal der Wunsch, nicht uncool zu wirken, dazuzugehören, Freundschaft nicht aufs Spiel zu setzen, der zu ersten Drogenerfahrungen verleitet. Beim Schreiben wurde mir klar, dass die erste Begegnung mit Drogen selten spontan aus Abenteuerlust passiert. Gruppenzwang ist selten laut. Er kommt leise. Er entsteht aus der Angst, den Anschluss zu verlieren.

So gerät auch meine Protagonistin Luisa nicht aus Leichtsinn in Bedrängnis. Es ist ihr Bedürfnis nach Halt, Anerkennung und Gemeinschaft, das vieles überdeckt – wie es so oft im Jugendalter geschieht. 

Prävention im digitalen Raum
 

Ich bin ähnlich alt wie meine Protagonistin Luisa. Und ich habe selbst erfahren, dass Veranstaltungen und Aktionstage zu Jugendtrends, Drogen und Mobbing wichtig sind, um das Bewusstsein zu wecken. Um noch mehr Beachtung zu finden, kann es hilfreich sein, das Thema auch dort anzusprechen, wo häufig die Aufmerksamkeit der Jugendlichen liegt: Im digitalen Raum. Präventionsangebote können über soziale Medien, Podcasts, Videos und Formate verbreitet werden, die genauso leise wirken wie die Trends im Schulalltag selbst. Denn wer in den Pausen durch Schulflure läuft, sieht, wie schnell sich Trends unter Jugendlichen verbreiten. Ein neues Wort wie «6 7» (Trend- und Füllwort ohne feste Bedeutung) oder der Begriff «Schere» («Sorry, mein Fehler») macht einmal die Runde – kurz darauf verwendet es die ganze Schule. Auf einer Veranstaltung zum Thema Jugendtrends und Mobbing begriff ich vor Kurzem, wie tief diese unbewussten Mechanismen wirken. Trends verfestigen sich zu Gewohnheiten. Versteckte Codes schleichen sich in jede Begegnung ein. Das passiert oft unbewusst. Mit einiger Verzögerung merke ich zum Beispiel an mir selbst, wie sich meine Vorlieben, Modetrends etwa, aber auch Freizeitaktivitäten, an die meiner Mitschüler:innen anpassen. Man möchte dazugehören, neue Freundschaften knüpfen und neue Dinge ausprobieren. Dabei kann es leicht passieren, dass das Angleichen irgendwann in Gruppenzwang mündet – oder auch in Ausgrenzung oder Mobbing, wenn man sich dagegen verwehrt. Denn selbstbewusst «Stopp» zu sagen, ist nicht einfach, wenn man Sorge hat, Anerkennung und Zustimmung zu verlieren. Im Klassenzimmer sind solche Situationen Alltag. Das reicht von Ausdruckweisen über die neusten Kollektionen von Markenklamotten bis hin zu Trends bei Softgetränken, E-Zigaretten oder eben Alkohol- und Drogenkonsum. Es herrscht eine Gruppendynamik, in der man mitschwimmt. Mal mehr, mal weniger freiwillig.

Mit meinem Film möchte ich zeigen, wohin all das im Worst Case führen kann. Er soll Mut machen, eben doch selbstbewusst «Nein» zu sagen – auch wenn wir wissen, wie schwer das manchmal fällt. 

Kommentare

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen

0 / 2000

Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.