Es ist so offensichtlich wie tragisch, dass wir es bis heute nicht geschafft haben, egoistisch-kurze Bequemlichkeitsziele zugunsten einer für alle lebenswerten Zukunft zurückzustellen. Vor allem wir in der westlichen Hemisphäre, die wir aus dem Vollen schöpfen können und unbeirrt wider besseren Wissens handeln – welches uns unbegrenzt zur Verfügung steht. Flachsten wir doch bereits in den 1980er-Jahren: «Gestern standen wir kurz vor dem Abgrund. Heute sind wir einen Schritt weiter.» Zwischenzeitlich riefen uns die Jungen wach: Sind wir alle die letzte Generation? Ein Schauern, ein Gruseln vor der Zukunft, ein kurzer Ruck durch unsere Gesellschaft. Der wache Moment zerbröselte kurz darauf in den Fängen von Populist:innen jeder Couleur, rechts, links und verschwörungsverstrahlt, immer einen Mausklick, ein Fingerwischen von der Lebensrealität entfernt. Mit der Pandemie wurde schließlich wie unter einem Brennglas deutlich, was sich schon länger abzeichnete: Wir haben uns auf einen gesellschaftlichen Konsens verlassen, der nicht wirklich existiert. Emanzipation und Achtsamkeit wichen ideologisierter Engstirnigkeit und Cancel Culture. Und die Hässlichkeit offenbart sich nicht mehr nur in der feindseligen Unterdrückung anderer, sondern sogar innerhalb der eigenen Gruppe.
Was also tun? Für mich ist es nach wie vor ein Ideal, den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Damit das nicht zur Phrase verkommt oder sich nur auf das Kind in der Waldorfklasse oder die Kund:innen im Drogeriemarkt bezieht, setze ich mir zum Ziel, bei jeder Begegnung mit mir Fremden, noch vor dem ersten vorschnellen Urteil, dem Gegenüber in die Augen zu schauen und die Frage zu stellen: «Wer bist du?» Dann verschwinden Schubladen, öffnen sich Möglichkeiten, entspinnen sich Geschichten. So wird mein achtlos vorüberlaufendes oder auch lästig mich behinderndes Gegenüber zum Menschen, der mit Sehnsüchten und Hoffnungen, Makeln und Macken dieselbe Welt belebt wie ich. Ich stelle mir gerne vor, wie es wäre, wenn jegliche zwischenmenschliche Begegnung auf beiden Seiten immer mit dieser Frage begänne. Wäre nicht dies ein guter und leichter erster Schritt auf dem Weg zu einer friedlichen Welt, in der wir einander Zukunftsräume eröffnen können?
Ausgabe 05/26
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