Ausgabe 04/26

Werden wir pädagogische Roboter?

Susanne Bregenzer

Die Frage nach Qualität, Belohnung, Bestätigung und Strafe beschäftigt Susanne Bregenzer, wenn sie hört, dass man Kinder nicht loben soll.
 
«Man soll ja Kinder nicht loben», sagte eine Freundin verzweifelt zu mir. «Wie soll das überhaupt gehen? Wird man dann nicht jeglicher Herzlichkeit beraubt? So kann man Kinder doch nicht begleiten!» Sie hatte darüber mit einer Gruppe angehender Pädagog:innen diskutiert und fand die Vorstellung schrecklich, einem Kind nicht sagen und zeigen zu dürfen, wie sie bewertete. «Das ist doch total unnatürlich!» Neuen Erkenntnissen der Pädagogik zufolge wird das Loben tatsächlich hinterfragt. Es ist nämlich im Grunde das Gegenstück zur Strafe und wird damit als ein Akt der Dressur angesehen. Die Dualität von Belohnung und Strafe ist doch eigentlich total veraltet hat aber einen schickeren Namen bekommen. Da gibt es «Belohnungssysteme» und «Sternchen», «Striche» oder «Konsequenzen oder Sanktionen».

Ich beurteile dich
 

Die Theorie ist, dass ein Lob ein Urteil ist und damit eigentlich eine verkappte Note. Folgendes passiert: Wenn jemand ein Kind lobt, stellt die Person sich über das Kind und aus dieser übergeordneten Sicht heraus sagt sie dem Kind, was gut und was schlecht ist. Das Kind hat laut dieser Theorie keine Möglichkeit mehr, sich selbst ein Urteil zu bilden, sondern wird abhängig gemacht von einem übermächtigen Gegenüber, das ihm sagt, was richtig und was falsch ist, und das seine Leistung bewertet. Wie können wir, von Anfang an darauf dressiert, uns Lob zu verdienen, überhaupt lernen, eine intrinsische Motivation zu finden? Also einen Antrieb aus uns selbst heraus, der uns Energie schenkt und uns in Aktion treten lässt? Wie können wir überhaupt erkennen, was uns Freude bereitet und was nicht? Und wieviel davon tun wir, um etwas zu bekommen? Und wie schlimm ist es denn eigentlich wirklich, sich Lob und Anerkennung zu wünschen?

Wir sind soziale Wesen


Evolutionär betrachtet sind wir keine Perpetuum Mobile. Wir brauchen die Gemeinschaft und wir passen uns ganz natürlich den Menschen an, die uns umgeben. Kein Urvolk würde je hinterfragen, dass ein Mensch die Gruppe in der einen oder anderen Form benötigt, um das Überleben zu sichern. Das heißt nicht, dass wir alle uns ständig dem Gruppenzwang beugen und kein Rückgrat besitzen, sondern dass es ein urmenschliches Bedürfnis ist, sich in eine Gemeinschaft einzufügen und ein wichtiger und gebrauchter Bestandteil dieser zu werden. Anerkennung bekommen zu wollen, halte ich daher nicht für ein andressiertes oder schlechtes Verhalten, für das wir uns schämen müssten, sondern es gehört zum Menschsein dazu. Wenn wir gleichmäßig und gefühllos auf alles reagieren, was ein Kind tut, also ohne Lob, ohne Zorn, dann fühlt sich das für uns – zurecht – unangenehm an, denn wir lassen das Kind ja ganz allein. Kinder wollen ihre Bezugspersonen spüren. Bleibt Zuneigung weg, dann sterben Kinder, selbst wenn sie ernährt und gepflegt werden. Denn ein Kind konnte in jeder Kultur ohne die Erwachsenen nicht überleben, ist also von ihrem guten Willen abhängig und hat daher ausgefeilte Antennen für die Ansichten und die Gefühle ihrer Bezugspersonen. Wenn wir uns aber aneignen, nicht mehr zu loben oder auch mit Ablehnung (Strafe) zu reagieren, spielen wir dem Kind etwas vor und es wird das Theater in seinem Gefühl sehr schnell durchschauen und sich betrogen fühlen. Es kann am Gesichtsausdruck, an den Gesten, an der Stimme ganz genau wahrnehmen, was der Erwachsene fühlt und denkt. 

Liebesentzug – niemals nie


Es gibt aber einen Ausweg aus dem Dilemma, ein Kind nicht ständig beurteilen zu wollen oder zu einem pädagogischen Roboter zu werden. «Das ist gut oder schlecht» bedeutet übersetzt: «Ich, als übermächtiger Erwachsener, sage dir, was gut und was schlecht ist, du kannst das selbst nicht beurteilen». «Das gefällt mir oder gefällt mir nicht» bedeutet übersetzt: «Ich verbalisiere dir mein Gefühl zu dem, was du mir zeigst. Ich zeige dir, was ich mag, was ich nicht mag, worüber ich mich freue, was mich begeistert und auch, was mich hilflos oder traurig macht. Dann kennst du meine Grenze, meine Meinung und mein Gefühl und kannst selber entscheiden, was du davon annimmst und was nicht.» 

Offen wird es dem Kind vor allem dann gelassen, wenn mit dem Gefühl, mit dem Urteil des Erwachsenen kein Liebesentzug stattfindet. Denn wenn es die Liebe fühlt, auch wenn es Dinge tut, die uns nicht gefallen, dann kann es zu einem selbstentscheidenden, freien Erwachsenen heranwachsen. Nicht zu loben – und sich damit zu benehmen, wie ein pädagogischer Roboter – würde unsere Kinder in einer emotionalen Armut zurücklassen und sie zudem lehren, dass ihre emotionalen Antennen nicht richtig funktionieren. Auch wir Erwachsene freuen uns darüber, einem anderen Menschen eine Freude zu machen, Menschen, die wir lieben, glücklich zu sehen. 

Es ist ein schönes Gefühl, ein Lob auszusprechen, jemand anderen positiv wahrzunehmen. Auch als Erwachsene freuen wir uns über ein begeistertes Lob und fühlen uns davon nicht herabgesetzt, oder? Auch als Erwachsene wollen wir anerkannt werden, für das, was wir tun, wo wir uns bemühen und was wir leisten. Und das liegt in meinen Augen nicht an unserer verkorksten Erziehung mit Zuckerbrot und Peitsche, sondern ist ein Grundbedürfnis des Menschen.

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