Die Band vor ihrem Candela-Mestiza-Tour-Mobil. Der VW-Bus der Eltern des Autors brachte die Band in vier Wochen rund 7.000 Kilometer auf die Straße.
Es waren knapp 40 Grad Celsius. Zusammen mit meinen kolumbianischen Kolleg:innen stieg ich, in der gleißenden Sonne zerfließend, die Treppen zur Basilika Sacré-Cœur de Montmartre hinauf. Wir hatten uns zwei Tage Pause in Paris gegönnt. Danach ging die Tour weiter: Hände schütteln, «Wir sind die Band aus Kolumbien», auspacken, Rampenlicht, einpacken und stundenlang Autobahn.
Da die CES Waldorf keine Schule ist, wird die Arbeit dort nicht staatlich finanziert. Darum steigt und fällt das Angebot mit den Spenden, die wir aus Deutschland erhalten. In den letzten Jahren ist die Unterstützung einiger Großspender:innen drastisch zurückgegangen, weswegen eine finanzielle Notlage herrschte, als ich im August 2024 nach Bogotá kam. Alles war neu für mich und ich brauchte ein paar Wochen, um mich in dieser fremden Welt, die mir über die Zeit so vertraut geworden ist, zurechtzufinden. Doch gerade in diesen ersten Wochen war ich besonders motiviert und hatte große Ideen. Im Gespräch mit einer Freundin ließ ich nebenbei den Gedanken fallen, man könnte doch eine Spendentour durch Deutschland machen. Am Abend kam mir dieser Gedanke wieder und ich sprach mit meinem Gastvater darüber. Wir redeten zwei Stunden, schmiedeten Pläne und steigerten uns so stark in diese Idee hinein, dass meine Hoffnung ins Unendliche stieg. Ich wollte es schaffen. Ich wollte eine Band gründen und durch die Musik Menschen erreichen.
Licht und Rückschläge
An den darauffolgenden Tagen folgten eine Menge Dämpfer für meine Euphorie. Niemand glaubte daran, dass es funktionieren könnte, aber ich erhielt die Möglichkeit, es zu versuchen. Ich wusste, ich würde es nicht allein schaffen, also schöpfte ich alle Kontakte aus, die ich hatte. Ich schloss mich einer Initiative aus ehemaligen Freiwilligen an und das brachte frischen Wind. Monatelang schrieben wir Schulen, Firmen, Stiftungen und Organisationen an und es gelang uns, genug Geld zu sammeln, um die Flüge zu finanzieren. Wir schrieben Artikel, hielten Vorträge, telefonierten, diskutierten und verbrachten viele lange Tage im Büro in der CES Waldorf in Bogotá. Es gab Momente des Lichtes und es gab Rückschläge. Ich habe für dieses Projekt gelacht und geweint und Tag und Nacht an nichts anderes gedacht. Zwischendurch habe ich kurz Luft geholt, habe eine neue Sprache gelernt, wunderschöne Länder und Kulturen entdeckt und ein neues Zuhause und neue Freunde gefunden.
Zusammen mit meinen beiden Arbeitskollegen Jonathan und Luis Carlos gründete ich die Band Candela Mestiza. Wir komponierten unsere eigene kolumbianische Musik, gaben ihr einen Hauch von Jazz und Funk und erschufen so unseren eigenen Klang. Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung von der Musik in Kolumbien und konnte daher nicht viel beitragen, sondern hatte stattdessen sehr viel zu lernen.
Jonathan spielte Gitarre und stand als Hauptsänger am Mikrofon. Er war von Anfang an die treibende Kraft in unserer Band. Luis Carlos übernahm die Percussion und legte sich ins Zeug, bis ihm der Schweiß von der Stirn tropfte. Zusammen mit mir am Piano bildeten wir ein Trio, eine eigene kleine Band.
Als Generalproben gaben wir schon vor unserer Ausreise drei Konzerte in Kolumbien. Fast nichts lief nach Plan: Wir verspielten uns, der Ton fiel aus, die Notenblätter flogen weg und wir waren sehr aufgeregt, aber wir lernten viel daraus. Dann war es wirklich so weit. Wir standen am Flughafen in Bogotá und waren bereit für ein Abenteuer. Maria Antonia Zárate Camargo, Mitgründerin der CES Waldorf, und ihre Schwester Laura hatten sich dem Projekt angeschlossen und kamen mit nach Deutschland. Es folgte eine turbulente und aufregende Zeit für uns alle.
7.000 Kilometer Tour
In Lübeck stand unser Equipment schon bereit. Wir testeten alles und machten uns dann einen Tag später auf die Reise. Wir krönten den VW-Bus meiner Eltern zum Candela-Mestiza-Tour-Mobil und brachten damit in vier Wochen über 7.000 Kilometer hinter uns. Wir hatten 23 Auftritte in 17 verschiedenen Städten. Unsere Route führte uns unter anderem nach Hamburg, Salzburg, Basel und Luxemburg. Wir waren sogar zu einem Event des kolumbianischen Konsulats in Berlin eingeladen und konnten mit der Botschafterin und anderen Gästen reden. Es war eine mit Eindrücken gesättigte Zeit, vor allem für diejenigen unter uns, die noch nie vorher in Europa waren.
Da ich alles von Bogotá aus organisiert hatte, freute ich mich sehr, dass an vielen Auftrittsorten mit Engagement und Enthusiasmus Werbung für uns gemacht wurde.
Unser Start in Salzburg lief etwas holprig, denn zu unserem ersten Auftritt erschien niemand. Wir waren verzweifelt und holten uns unser Publikum aus einer Chorprobe im Nachbargebäude. Wir waren unsicher, hatten kaum Übung und mussten viel improvisieren. Dann waren wir überwältigt von der Freude, die die Menschen an unserer Musik hatten. Direkt am ersten Tag, nachdem wir zwölf Stunden Auto gefahren waren, erlebten wir Absturz und Erfolg, Erschütterung und Freude an einem Abend.
Es folgten viele weitere bereichernde Erfahrungen. Wir traten an verschiedenen Orten auf, mit unterschiedlichem Publikum: von Schulen und kleinen Kindern bis zu Altersheimen. Maria Antonia tanzte mit den Zuschauern, die Kinder warfen sich gegenseitig in die Luft und manchmal wurde so viel Zugabe gefordert, dass wir Songs wiederholen mussten. Zwischendurch unterbrachen wir diesen Trubel und konfrontierten unser Publikum mit der Realität in Bogotá. Wir erzählten aus unserem Arbeitsalltag, den verschiedenen Programmen der CES Waldorf und dass wir unterwegs waren, um Spenden zu sammeln.
Wir konnten in diesen vier Wochen tausende Menschen mit unserer Musik und unseren Vorträgen erreichen und blicken heute dankbar auf dieses unerwartet erfolgreiche Projekt zurück, denn wir konnten rund 27.000 Euro Spenden sammeln und die CES Waldorf so vor der Schließung bewahren. Besonders gefreut habe ich mich über die Anerkennung von Maria Antonia: «Diese Reise hat mir gezeigt, dass junge Menschen außergewöhnliche Aufgaben übernehmen können, wenn sie die Liebe, das Vertrauen und Unterstützung haben. Die verrückte Idee eines Freiwilligen ist nur verrückt, solange sie nicht konkret wird, solange sie nicht Realität wird. An sie zu glauben, hat uns Hoffnung gegeben, die Ressourcen zu erhalten, die wir in dieser Zeit benötigen, um weiterhin den Kindern und Familien zu helfen, die Schutz, Nahrung und Bildung brauchen. Ich freue mich sehr über den Mut, die Fantasie und die Willenskraft der jungen Menschen, die uns diesen Traum ermöglicht haben.»
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