Es ist Freitagmorgen, 8:15 Uhr. Wie jede Woche sitzen die Schüler:innen der dritten Klasse lachend, knobelnd oder konzentriert zusammen und spielen Brett- und Kartenspiele. Von 8:00 bis 8:45 Uhr können die Kinder die Spiele und ihre Spielgruppe frei auswählen. Dabei gibt es nur wenige Regeln: Jede:r darf überall mitspielen, aber niemand muss spielen. Zuschauen ist ausdrücklich erlaubt, und das Ziel ist es, ein fairer Sieger oder Verlierer zu sein.
Die Regelmäßigkeit des wöchentlichen Spielens ist in meinem Unterricht der Schlüssel zum Gelingen und inzwischen ein hoch geschätzter Teil der Wochenroutine geworden. Waren es anfangs bekannte Spiele wie Uno, Memory, Domino oder Schach, hat sich das Repertoire inzwischen deutlich erweitert. Vieles stammt aus meiner privaten Sammlung, anderes wurde mit Unterstützung der Eltern angeschafft.
Michael, ein Vater der Klasse, beschreibt die Wirkung so: «Neben den positiven Effekten für die Klassengemeinschaft hat die Brettspiel-Initiative weit in unseren Familienalltag hineingestrahlt. Gemeinsames Spielen ist inzwischen ein fester Bestandteil geworden.»
Mehr als ein Zeitvertreib
Und tatsächlich sind Brettspiele weit mehr als ein netter Zeitvertreib. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Spiele Konzentration, Gedächtnis, Zahlenverständnis und logisches Denken fördern können. Eine Studie der Universität Osnabrück konnte nachweisen, dass Spiele mit klassischen Zahlenwürfeln die mathematische Entwicklung nachhaltig stärken. Weitere Forschungen beschäftigen sich mit positiven Effekten auf logisches Denken und unsere Verarbeitungsgeschwindigkeit.
Doch es geht nicht nur um messbare Leistungen. Die Kinder lernen, Regeln einzuhalten, Niederlagen zu verkraften und fair miteinander umzugehen. Kooperative Spiele wie Slide Quest oder Menara stärken Kommunikation und soziales Miteinander. Auch das Spielen über Freundesgruppen hinweg wirkt gemeinschaftsbildend. Nach ihren schönsten Momenten im Schuljahr gefragt, antworteten viele Kinder spontan: «Die Spielezeit am Freitag!»
Spiele bringen Menschen zusammen
Auch für Familien, in denen bisher wenig gemeinsam gespielt wurde, entsteht dadurch ein neuer Zugang. Eltern berichten, dass Kinder bei gemeinsamen Treffen mit Freund:innen oder in der Familie viel öfter Brettspiele spielen, sich diese zum Geburtstag wünschen oder selbst verschenken wollen. Maria, eine Mutter der Klasse, erzählt: «Das Wunderbare ist, dass vieles ganz nebenbei passiert, weil Spielen vor allem Spaß macht. Kinder lernen, Regeln einzuhalten, geduldig zu sein und auch einmal zu verlieren.» Besonders wertvoll sei für sie die Erfahrung, dass gemeinsames Spielen Menschen zusammenbringe – gerade «im Zeitalter der Bildschirme».
Inzwischen wird an der Schule in allen Unterstufenklassen regelmäßig gespielt. Lena Herbrecht, Klassenlehrerin der vierten Klasse, beobachtet: «Es ist schön zu sehen, wie freitags gleich in der Früh gezockt und gebaut, gewürfelt und gelacht wird.» Besonders spannend sei, «wie Spiele zu neuen Konstellationen und Rollen innerhalb der Klasse führen. Stille oder zurückhaltende Kinder zeigen beim Spielen oft ganz neue Seiten, während impulsive Kinder lernen müssen, sich zurückzunehmen.»
Auch in der Mittelstufe haben sich Brettspiele bewährt. Dort verschiebt sich der Schwerpunkt stärker auf strategisches Denken, Teamfähigkeit und langfristige Planung. Spiele wie Legenden von Andor oder Robin Hood fordern Jugendliche heraus, gemeinsam Entscheidungen zu treffen, Kompromisse auszuhandeln und Probleme flexibel zu lösen. Forschungen der Universität Poitiers zeigen zudem, dass solche Spiele die sogenannte fluide Intelligenz stärken können. Andere Studien weisen auf positive Effekte bei der Impulskontrolle hin.
Eigenständig denken, gemeinsam erfahren
Besonders wertvoll sind Brettspiele auch in Vertretungsstunden. Statt bloßer Beschäftigung entstehen ruhige, konzentrierte und zugleich fröhliche Lernräume. Lehrkräfte erleben Schüler:innen dabei oft von einer ganz anderen Seite.
An vielen Schulen wird das Potenzial des spielenden Lernens inzwischen bewusst genutzt. Schulen mit dem Konzept der sogenannten Spielstarken Schule integrieren Brettspiele nicht nur in den Unterricht, sondern auch in Ganztagsangebote, Spielbibliotheken (Ludotheken) und Elternarbeit. Für die Oberstufe bieten sich darüber hinaus Planspiele und thematische Lernspiele an, etwa zu Politik, Wirtschaft oder Naturwissenschaften. Sie verbinden komplexe Unterrichtsinhalte mit eigenständigem Denken und gemeinsamer Erfahrung.
Ob Grundschule, Mittel- oder Oberstufe – Brettspiele fördern Fachkompetenzen ebenso wie soziale Fähigkeiten. Sie motivieren Kinder und Jugendliche auf eine Weise, die traditionelle Unterrichtsformen oft nur schwer erreichen. Ich wünsche mir deshalb, dass Brettspiele in Schulen nicht länger als bloßer Zeitvertreib angesehen werden, sondern als das, was sie sein können: ein pädagogisch wertvolles Werkzeug für nachhaltiges Lernen und lebendige Gemeinschaft.
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