Ausgabe 01-02/24

Wie ein Bauprozess gelingen kann

Angelika Lonnemann
Angelika Lonnemann

Erziehungskunst | Wenn Waldorfschulen neue Gebäude benötigen, dann beginnt ja in der Regel ein spannender Prozess.  
 

Dunselman | Ja, wir merken aber auch in der Praxis, dass das Bauen heute oft als eine große Belastung empfunden wird. Manchmal hat man das Gefühl – und das betrifft nicht nur Waldorfschulen – dass es besser wäre, diesen Prozess von der anderen Seite her zu denken. Also Bauen nicht als etwas Belastendes, sondern wirklich als eine Möglichkeit, eine Chance die eigene Identität zu gestalten und etwas Gutes in die Welt zu stellen. Ich habe Ende der 90er Jahre studiert und erlebt, was für eine beindruckende inhaltliche Tradition es in den 70er und 80er Jahren bei Waldorfschulen gab, wie die inhaltlichen Prozesse angegangen wurden und welche originellen Gebäude dann realisiert worden sind: das waren Gebäude als Ausdruck einer Pädagogische Vision. Und da stellt sich mir einfach die Frage: wie kann man heute so einen Prozess miteinander gestalten? Wie kommt man aus dem Inhalt heraus zu einer aktuellen zeitgemäßen Architektur, die Antworten gibt auf die heutigen pädagogischen Fragen?  
 

Van der Ree | Die Ausgangsfrage für uns – und das interessiert uns auch als Sektion für bildende Künste – ist: Wie kann man mit Architektur – in diesem Falle für ein Schulgebäude oder ein Schulgelände – die Entwicklung der Kinder unterstützen? Die gesellschaftliche Situation ändert sich, die Kinder sind nicht mehr die gleichen wie vor 30 oder 40 Jahren. Sie kommen mit anderen Bedürfnissen, sie haben mit anderen Herausforderungen zu tun. In den Niederlanden ist das auch nochmal anders als in Deutschland. Es stellen sich andere Fragen an die Schulen. Und aus diesen pädagogischen Fragen lassen sich Ideen für die Gestaltung entwickeln. Für den Bauprozess ist also der Wunsch nach der Unterstützung der Entwicklung der Kinder die Ausgangsfrage. In den Schulen, für die ich Anfang der 90er Jahre gebaut habe, gab es ein höchst motiviertes Lehrerkollegium. Die Schule war selbst Auftraggeberin für das Gebäude. 15 bis 20 Jahre später wünschte sich eine dieser Schulen eine Erweiterung. Ich kehrte an die Schule zurück, ein bisschen mit meiner Erwartung von damals, ein motiviertes Team vorzufinden, das sich gern mit mir austauschen würde zum Thema der Erweiterung. Doch dann waren alle Lehrer viel zu beschäftigt, sie fühlten sich überfordert mit dieser Frage und sie hatten den Bau an die Kommune abgegeben, die eigentlich nur daran interessiert war, den Bau im richtigen Zeitplan und im Finanzbudget zu realisieren. Da gab es aus der Schule keine inhaltlichen Gesichtspunkte mehr, die wir berücksichtigen sollten! Da war ich enttäuscht. Es ist aktuell so eine Tendenz, dass das Bauen mit allen Parametern viel komplizierter wird. Dann werden Prozessbegleiter eingeschaltet, aber man kümmert sich wenig um den Inhalt. Leider sieht man das dann auch manchmal im Ergebnis (Van der Ree lacht). Deshalb ist es uns ein Anliegen, dass wir die Schulen als Bauherren anregen möchten zu fragen: «Was braucht man eigentlich, was brauchen die Kinder, was braucht die Schulgemeinschaft?» – nicht, um das Projekt teurer zu machen, sondern damit etwas entsteht, was unterstützt und nicht hemmt und womöglich dem Lehrer mehr Anforderungen bringt.  
 

EK | Wie kann man das heute schaffen? Viele Lehrkräfte sind so sehr mit Arbeitsanforderungen belastet, dass sie nicht noch mehr Zeit für die Schule aufbringen wollen.  
 

YD | Mir ist ein interessantes Phänomen aufgefallen. Wenn ich mit anderen als Waldorfschulen gearbeitet habe, dann haben die Schulen vorher ein Raumprogramm inhaltlich ausformuliert, in dem zum Beispiel die Räume an das Lebensalter der Kinder angepasst werden sollten oder dass die Bewegung im Raum Teil des Unterrichts sein soll, dass Natur und Jahreszeiten wichtig sind, dass die Jahreszeiten auch ins Gebäude reingeholt werden müssen. Dann hatte ich den Eindruck – Ah, das könnte auch von einer Waldorfschule kommen. Da kommt mir das Waldorfspezifische aus der Peripherie entgegen. Und dann würde ich die Waldorfschulen gerne aufrufen, mit inhaltlicher Kraft die zukunftsorientierenden Inhalte der Pädagogik klar zu definieren, sodass dies sich in einer vorbildlichen Architektur widerspiegeln kann.  

Wir brauchen ein Bewusstsein für die Möglichkeiten, in einen Bauprozess das Vorhaben miteinander zu gestalten. Das muss nicht unbedingt viel Zeit kosten. Aber es ist eine Bewusstseinsfrage, ob man gemeinsam als Schulgemeinschaft und Architekt in die Verantwortung geht, um in einem Prozess Motive zu finden, die aus dem Inhalt heraus gestaltet werden können.  
 

PVdR | Man könnte es fast umdrehen: Das Vor-Denken eines Baues wird oft als eine Belastung empfunden, aber man könnte die gemeinsame Beschäftigung auch als ein Angebot verstehen, die Lehrer:innen nicht zu belasten, sondern zu unterstützen, damit sie ihre Arbeit besser machen können. Wenn das gut funktioniert, ist es keine eitle Selbstdarstellung des Architekten, sondern eine Selbstdarstellung der Pädagogik. Das kann dem Pädagogen auch helfen. Ich habe mal einen Workshop gegeben, das waren Kindergärtnerinnen und die bekamen eine Erweiterung ihres Gebäudes. Und der Architekt, der da gearbeitet hatte, hatte wohl gedacht «Kinder brauchen viel Licht» und hat dann drei Glaswände und ein ansteigendes Dach gemacht. Die Erzieherinnen waren richtig verzweifelt, denn der Raum war so offen, dass die Kinder nicht ins Spiel fanden. Das hat die Erzieherinnen viel Kraft gekostet, die Kinder zu beruhigen und sie haben sich in ihrer Not beholfen, kleine Häuschen mit Tüchern im Raum zu bauen. Das heißt also, wenn man so etwas vorher nicht abfragt, was die Kinder brauchen, dann kann das nachher richtig viel Kraft kosten.  


EK | Was raten Sie den Schulen, die in einen Bauprozess gehen? 


PVdR | Die Schulen können natürlich im Vorfeld schon etwas machen, aber als Architekt:innen bieten wir auch eine kleine Reihe von Workshops an, in denen man wichtige Themen entwickeln kann. Daran muss natürlich nicht das ganze Kollegium teilnehmen, aber Vertreter:innen aus den wichtigsten Bereichen, besonders die Leute, die sich von diesem Vorgang angezogen fühlen. Meistens gibt es im Kollegium einzelne, die das besonders interessiert und die sollen dann teilnehmen können. Es ist wichtig, dass die Entscheidungsträger, die Mitarbeitenden, die Finanzwächter – dass die alle beteiligt sind. 


YD | Wir als Architekten sind Passanten. Wir kommen, sind eine kurze Zeit anwesend und gehen dann wieder. Aber wir prägen etwas durch die Gestaltung, was lange bleibt und in dem die Schulgemeinschaft viele Jahre ihre Wirkung hat. Deswegen ist es für uns so wichtig, durch die Augen der Nutzenden an der Schule zu schauen, um zu wissen, was denen wichtig ist, in welcher Umgebung sie leben und unterrichten wollen. Ich als Vater finde es schon schwierig, drei Kinder zu erziehen. In einer Klasse werden 30 Kinder «erzogen». Was ist dafür entscheidend? Was wirkt, was wirkt nicht? Wir sind Spezialisten als Architekten, aber nicht als Pädagogen. Deswegen ist dieser Prozess so wichtig, in dem wir uns mit der Schulgemeinschaft verbinden.  


PVdR | Das schöne ist, dass man als Architekt in so einem Prozess Anteil nehmen kann an der Pädagogik, am Unterricht. Aber die Lehrkräfte sollen auch Anteil nehmen an der Architektur. Welches sind die Elemente, über die man überhaupt entscheiden kann oder muss. Vielleicht denken die Lehrer:innen in erster Instanz erstmal an ihre eigenen Klassenräume – die Größe, die Höhe, die Farben, das Licht. Aber es gibt auch die Schule als Gesamtorganismus, es gibt die Materialien, die Flure, den Außenraum, die Beziehung von Innen- und Außenraum. Es gibt also viele Elemente, über die man entscheiden muss, wenn man ein Gebäude entwirft. Manchmal habe ich das Gefühl, es gibt eine unendliche Menge an Entscheidungen, die man treffen muss und das schüchtert ein. Aber man muss einen Grund haben, warum man einen Raum zum Beispiel weiß oder hellblau oder dunkel macht. Und wenn man vor dem eigentlichen Planungsprozess ein paar Workshops oder Bildgestaltungsstunden macht, dann findet man gemeinsam die Gründe, warum welcher Raum wie gestaltet werden soll. Und das hilft dem Architekten im Entwurfsprozess und das hilft der Gemeinschaft, einen Entwurf zu beurteilen. Wenn es gut läuft, dann sehen die Menschen im Entwurf, was sie vorher gewollt haben. Dann können sie auch sagen, Halt, dieses Element stimmt noch nicht, wir wollten doch mehr Licht. Dann bildet sich ein gemeinsamer Verständnisgrund. 


EK | Wie lange sollte der Prozess vor dem eigentlichen Planen dauern? 


YD | Das ist verschieden und hängt von der Größe des Projektes ab. Wir wünschen uns mindestens zwei Workshops, um sich auf die Fragen einzulassen. In dieser Phase halten wir uns mit der Planung noch zurück. Der Inhalt dieser Workshops verdichtet sich dann später im Entwurfsprozess. Das geht dann ineinander über. Insgesamt muss das nicht mehr Zeit kosten, man muss den Zeitprozess nur anders einrichten. Wenn die Architekt:innen gleich einen Entwurf machen und danach sagt die Schulgemeinschaft dann – ach das gefällt uns nicht, macht uns nochmal etwas Neues!  Damit würde man ja viel, viel mehr Zeit verschwenden. Sondern man geht in einen Prozess, der sich immer weiter verdichtet – und das ist dann auch sehr effektiv und damit kann man dann zu etwas Starkem, etwas inhaltlich Überzeugendem kommen.  


PVdR | Und idealerweise macht man diesen Prozess auch nicht nur mit einem Direktor oder der Schulleitung, sondern mit den Pädagog:innen und auch mit den Eltern, die bringen nämlich auch nochmal neue Gesichtspunkte mit. Eltern haben vielleicht Anliegen wie eine Bibliothek oder die Gestaltung des Außenraums. Oft wirkt es auch sehr hilfreich und bereinigend, wenn die verschiedenen Gruppen ihre Anliegen voneinander hören. Ich weiß noch, bei der ersten Waldorfschule, die ich geplant habe, da hatten die Klassenlehrkräfte so den Eindruck «Wir sind eine Gemeinschaft aus Schule und Kindergarten». Die Erzieher:innen fühlten sie dagegen gar nicht so gut wahrgenommen in ihren spezifischen Bedürfnissen. Und in so einem Gestaltungsprozess kann so etwas dann plötzlich zu Tage treten und eine neue gegenseitige Wahrnehmung beginnen. Das ist auch für das gegenseitige Verständnis sehr wertvoll.  


YD | Bei einem unserer aktuellen Bauprojekte gab es die Stimmen von Lehrer:innen, die meinten, wie herrlich sei das Übrigbleibsel aus der Coronazeit, dass die Eltern nicht mehr ins Schulhaus dürften. So eine Meldung kommt dann aus dem Workshop, und dort können dann Eltern sich auch äußern und sagen, wie sie das Empfinden. Das ist ja eine ganz wichtige Frage für eine Schulgemeinschaft – kommen Eltern mit rein oder bleiben sie draußen, auch im übertragenen Sinne. Also kommen da wichtige Prozesse innerhalb einer sozialen Gemeinschaft zutage. Das ist wichtig, die soll man angehen und gestalten!  


PVdR | Wir als Architekten hatten das vorher nie im Bewusstsein, wie wichtig es für Eltern ist, dass sie sich im Schulhof treffen können, beim Hinbringen oder Abholen der Kinder. Das ist Kommunikation, da entstehen Initiativen und Kreativität für Feste, für Arbeitsgruppen. So etwas sollte dann nicht unbedingt zwischen Autos im Regen passieren! Wenn wir so planen, dass wir solchen Begegnungen Raum geben, ohne dass diese das Pädagogische stört, dann unterstützt Architektur Gemeinschaft. Das Signal an die Eltern, ihr bleibt lieber draußen ist übrigens auch nicht hilfreich, wenn man einmal Spenden für Schulprojekte braucht. (Van der Ree lacht

Rudolf Steiner wurde einmal gefragt, wie kommt man eigentlich zur Organischen Architektur? Und da hätte man eine sehr lange komplexe Antwort erwarten können oder den Tipp, erst einmal Goethe zu studieren. Tatsächlich hat er scheinbar lapidar geantwortet: «Man frage sich, was geschieht» Also wenn man eine lebendige Vorstellung bildet von allem, was dort passiert und passieren soll, dann formen sich innerlich schon Bilder. Wenn man dagegen ein abstraktes Raumprogramm hat, in dem man die Quadratmeter überblickt, dann entstehen keine Bilder im Kopf. Aber wenn man sich vorstellt, dass die Kinder ankommen, ihre Jacken ausziehen, ein Instrument auspacken– dann kommen gleichzeitig Gestaltungsideen.  


Eine Waldorfschule ist eine Waldorfschule – und doch ist jede anders und sie kann sich im Lauf der Zeit verändern. Deswegen muss man eben auch jedes Mal schauen, wie ist es hier und jetzt an dieser Schule.  


EK | Beschäftigen Sie sich auch mit Schulmöbeln und der Innenausstattung der Schulen? Klassischerweise war der Unterricht an Waldorfschulen frontal, dies scheint sich aktuell an vielen Schulen zu verändern. 


YD | Ja, wenn wir den Prozess mit den Schulen gehen, dann ist das auch einer unser Fragen, weil man sieht, dass das in staatlichen Schulen ein starkes Thema ist. Traditionell gab es in Schulen Klassenräume und Flure. Heute werden in Holland in den staatlichen Schulen die Klassenräume kleiner und die Flure größer. Die Flure werden auch Räume fürs Lernen und auch die altersgemäße Trennung in eine 6. und eine 7. Klasse gibt es ja an manchen Schulen nicht mehr, sondern man bildet altersgemischte Gruppen. Das hat sich stark entwickelt. Und wenn wir dann an Waldorfschulen kommen, dann höre ich da schon noch viel Unsicherheit, müssen wir noch Frontalunterricht geben, brauchen wir noch Klassenräume oder müssen wir auch flexibel werden. Oft ist die inhaltliche Richtung noch nicht vorhanden und ausdiskutiert. Aber da ist dann eben genau die spannende Frage: Wie möchte die Waldorfschule das inhaltlich gestalten? Was ist heute das richtige für die heutigen Kinder? Und das lässt sich dann individuell gestalten. Man muss auch nicht entweder frontal oder flexibel machen, sondern dazwischen gibt es noch einen großen Spielraum für individuelle Lösungen. Es ist noch sehr verbreitet, dass in Waldorfschulen jede Klasse ihre eigene Farbe hat, das ist ja ein wichtiger inhaltlicher Hintergrund, den könnte man auch «neu» denken. Es nicht lassen, aber aus dem Inhalt für die heutige Zeit gestalten.   


PVdR | Man muss sich eben auch an den Kindern orientieren. Manche Kinder brauchen ihren festen Platz im Klassenzimmer, der ihnen eine Grenze bietet. Sie sind überfordert, wenn ihnen die völlige Freiheit gegeben wird. Unendliche Freiheit ist nicht immer das höchste Glück. Ich habe einen Workshop für Studierende der Pädagogik gegeben und nach Architekturerfahrungen gefragt und dann hat eine Studentin eine Skizze aus ihrer Schulzeit gezeichnet. Darauf zu sehen war ein Schrank unterhalb der Treppe in ihrem Elternhaus, in den sie sich nach der Schule immer zurückgezogen hat. Die Schule war für sie eine solche emotionale Überforderung an Eindrücken gewesen, dass sie sich zuhause erstmal freiwillig ins Dunkel des Schrankes unter der Treppe gesetzt hat. Sie saß auf einem Staubsauger und schlug mit einen Feuerstein Funken. Und das so lange, bis sie wieder zu sich gekommen war. Da habe ich gestaunt und gelernt, dass Schule auch eine Überforderung sein kann.  

Als ich noch zur Schule ging, da war die Schule nur ein Teil meines Tages. Vorher hatte ich in Ruhe mit der Familie gefrühstückt. Nach der Schule kam ich nach Hause, meine Mutter war da, wir haben gemeinsam gegessen, nachmittags habe ich allein oder mit Freunden gespielt. Also die Schule war nur ein Teil meines kindlichen Alltags und ein Teil einer mehr oder weniger heilen Umwelt. Wir haben den Eindruck, dass die Anforderungen an Schule heute größer und höher sind. In Holland gibt es Schulen, wo Kinder morgens ohne Frühstück in der Schule gehen. Die müssen erst mal etwas zum Essen bekommen, ansonsten können sie sich gar nicht auf dem Unterricht konzentrieren. Die Schule übernimmt einen Teil der Versorgung und Pflege des Kindes. 

Der Schulalltag nimmt so viel Raum und Zeit ein für das Kind, dass der Raum viele zusätzliche Aufgaben übernehmen muss: Das Kind muss sich in der Schule  bewegen, es soll die Elemente und Jahreszeiten, Tiere oder Wachstum wahrnehmen. Ursprünglich war das nicht eine Aufgabe der Schule, sondern das fand im normalen Kinderleben statt. Aber wenn das normale Leben nicht mehr hergibt, muss die Schule das übernehmen.  


Die Fragen stellte Angelika Lonnemann.  

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