E l t e r n # s t i m m e n #
Martina Göß, ehemalige Mutter an der Waldorfschule Wien-Mauer:
Die Klassenlehrerin ist meine Heldin
2010 kam unser Sohn ganz regulär in eine staatliche Volksschule in Wien. Schon nach wenigen Wochen klingelte unser Telefon. Die Lehrerin berichtete von mangelnder Konzentration und Störungen im Unterricht. Wir waren verunsichert, wollten aber auch genau hinschauen. Die Testung brachte keine ADHS-Diagnose, sondern eine sensorische Integrationsstörung – ähnliche Symptome, aber eine andere Ursache. Umso mehr traf es uns, dass die Lehrerin das Gespräch mit der Psychologin unseres Sohnes ausdrücklich verweigerte. Statt Zusammenarbeit erlebten wir immer wieder Vorladungen zu Lehrerin und Direktorin. Es fühlte sich wie ein Tribunal an: Unsere Hinweise, die Diagnose, konkrete Vorschläge – alles prallte ab. Als unser Sohn trotz unseres Widerstands sogar in die Vorschule zurückgestuft wurde, war das wie ein Schlag in den Magen. Nach drei Vierteln eines Schuljahres stand für uns fest: So kann es nicht weitergehen. Im Herbst 2011 begann unser Sohn an der Waldorfschule Wien-Mauer nochmals in der ersten Klasse. Das erste Gespräch mit Barbara Pazmandy, der Klassenlehrerin, war wie Aufatmen. Unser Sohn mochte sie sofort – und wir spürten: Hier sieht jemand nicht zuerst ein Problem, sondern das Kind. In den ersten beiden Jahren gab es zeitweise die «Ameisengruppe», eine kleine Parallelgruppe, die dafür sorgte, dass unser Sohn und andere Schüler:innen, die es in der großen Klasse schwer hatten, im Stoff weiterkamen. Er war sprachlich und kognitiv weit, doch sein Verhalten hinkte dem oft hinterher: erst aktiv-störend, später eher abwesend. Und trotzdem brachte er am Ende meist gerade noch die erwartete Leistung. Die körperlichen Symptome der sensorischen Integrationsstörung wurden mit der Zeit weniger, weil die Lehrerin sie wahrnahm und klug damit umging. Wir hatten etwa monatliche Gespräche – manchmal zu zweit, manchmal gemeinsam mit unserem Sohn. Es ging nie um Schuld, sondern um Wege: Was lief gut, was nicht, und wie weiter? Und auf Elternabenden stand die Lehrerin für alle Kinder ein, die «anstrengend» waren. Sie machte deutlich: Sie gehören dazu. Diese Haltung trug die Klassengemeinschaft – und wir fühlten uns nicht ausgegrenzt, sondern gehalten.Die Zeugnisse waren so detailliert und umfangreich, dass sie länger waren als jedes Diagnosepapier der Psycholog:innen. Und als die achte Klasse zu Ende ging, schrieb die Lehrerin ein eigenes Stück nach Les Misérables und gab jedem Kind eine passende Rolle. Unser Sohn spielte ausgerechnet Inspektor Javert, der das Recht durchsetzt – und als bei der zweiten Aufführung ein Kind krank wurde, sprang er ein, denn er kannte fast alle Rollen auswendig. In solchen Momenten waren wir sehr stolz. Und die Klassenlehrerin hatte sich zu meiner privaten Heldin entwickelt. Heute wissen wir: Der Wechsel war ein Glücksgriff. Die Klassenlehrerin ist inzwischen gestorben – und wir spüren umso deutlicher, was sie uns geschenkt hat. Wir sind dankbar: für ihren Blick, ihre Geduld, ihre Klarheit – und für eine Schule, die unseren Sohn nicht fallen ließ, sondern mitgetragen hat.
M. S., Mutter an einer Waldorfschule in Nordrhein-Westfalen:
Mir fehlt die Transparenz
Ich bin ehemalige Waldorfschülerin, Mutter eines Kindes in der Mittelstufe an einer Waldorfschule und engagiere mich seit Jahren in der Schulgemeinschaft. Wenn ich an Erziehungspartnerschaft denke, habe ich zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen im Kopf: eine, die mich bis heute trägt, und eine, die mich im Alltag oft ernüchtert.
In meiner eigenen Schulzeit habe ich mich in der Waldorfschule sicher gefühlt. Entscheidend war für mich die Kontinuität. Unser Klassenlehrer blieb viele Jahre, kannte uns wirklich und war auch für die Eltern erreichbar. Elternabende waren gut besucht, und es gab ganz selbstverständlich gemeinsames Anpacken bei Festen, Projekten und rund um das Schulgebäude. So entstand Vertrauen, und ich hatte das Gefühl: Schule und Elternhaus ziehen an einem Strang.
Als Mutter erlebe ich heute, wie fragil diese Partnerschaft geworden ist. Die Zeit ist knapp. Eltern, besonders Mütter, sind beruflich stärker eingebunden, individuelle Bedürfnisse stehen oft über der Gemeinschaft. Viele ziehen sich zurück. Auch Lehrkräfte fühlen sich der Schule weniger verbunden als früher. Was mich belastet, ist die Kommunikation. Transparenz fehlt, Informationen müssen mühsam eingeholt werden. Ich habe mehrfach um Hinweise gebeten, wie mein Kind besser begleitet werden kann, bekam aber wenig Rückmeldung. Also organisiere ich Nachhilfe in mehreren Fächern und zahle sie zusätzlich zum Schulgeld. Damit fällt ein Teil des Bildungsauftrags ans Elternhaus zurück – ein großer Unterschied zu früher. Damals waren Eltern stärker im Schulleben, aber weniger in der eigentlichen Bildungsaufgabe eingebunden.
Auch Entscheidungen, die mein Kind betreffen, wurden teils getroffen, ohne dass wir wirklich im Gespräch waren. Das fühlte sich nicht partnerschaftlich an. Ich wünsche mir klare Absprachen, transparente Wege, eine offene Kommunikation und echte Verbindlichkeit.
Sevinc Özen, Mutter in Dortmund:
Und dann ging er wieder gern zur Schule
Mein Sohn hat seine Grundschulzeit auf einer Regelschule verbracht. Nach der vierten Klasse ist er auf eine Realschule gewechselt. Ich wollte ihn nicht dem Druck eines Gymnasiums aussetzen. Er war noch sehr verspielt. Aber mit dem Wechsel auf die Realschule erlebte ich den Schock meines Lebens. Er wurde in der ersten Woche schon bedroht. Es herrschte allgemein viel Gewalt an der Schule. Ich habe den Lehrer nicht an die Strippe bekommen, auf E-Mails wurde nicht reagiert. Dann kam die Klassenfahrt, da wollte er auf keinen Fall mit. Er hat sich vom Wesen her stark verändert durch diese ständige Angst. Er hat diese Gewalt übernommen und in sich getragen. Das habe ich zu Hause gemerkt: Drohgebärden mir gegenüber, der kleinen Schwester gegenüber. Dann habe ich gesagt: Ich muss was machen.
Die Waldorfschule war mir irgendwie ein Begriff. Man kennt immer wieder mal jemanden, der «seinen Namen tanzen» kann. Und die anderen Schulformen waren weiter weg. Obwohl die Wartelisten bei uns in Dortmund sehr lang sind, wurde Elias schnell aufgenommen. Er passt vom Wesen her gut in die Klasse und fand mit manchen Kindern schnell Gemeinsamkeiten. Er spielt zum Beispiel viel Basketball und es gibt drei, vier Jungs, die auch Basketball spielen. Auf dem Pausenhof gibt es sogar einen Korb. Optimal. Mit der Zeit ist er auch wieder weicher geworden. Die Aggressivität ging aus ihm raus, dieses Bedrohte war nicht mehr so da. Er hat gelacht, war wieder entspannt, er ging gern in die Schule.
Gewechselt hat er nach dem Halbjahr in Klasse 6. Jetzt ist er in Klasse 9. Phänomenal war das Klassenspiel. Der Blick hinter die Kulissen hat mich beeindruckt – dass die Kinder alles selbst machen, sogar das Bühnenbild. Ich wollte helfen, aber die Kinder haben gesagt: «Frau Özel, gehen Sie zur Seite, wir machen das schon.» Und Elias hat mich überrascht. Er ist eigentlich unsicher, redet nicht gern vor Publikum, aber da war er so souverän. Ich sagte zu meinem Mann: «Das ist doch nicht Elias!» Durch diese Gruppendynamik ging das wirklich. Seitdem nehme ich mir immer die Zeit und schaue mir alle Klassenspiele der achten Klassen an. Wir sind alle froh über den Wechsel. Inzwischen geht auch meine Tochter auf die Waldorfschule. Manchmal denke ich mir: Hätte ich die doch von Anfang an gewählt.
A.B., Mutter an einer Waldorfschule in Nordrhein-Westfalen:
Den Unterschied spüre ich jeden Tag
Ich habe drei Kinder – zwei gehen auf die Waldorfschule, eins auf eine staatliche Förderschule. Den Unterschied zwischen beiden Schulen spüre ich jeden Tag. In der Förderschule gibt es im Jahr einen Elternabend und einen Sprechtag – das ist strukturierte Elterninformation, aber keine Einbindung in das Unterrichtsgeschehen.
An der Waldorfschule erlebe ich demgegenüber eine Bildungspartnerschaft. Ich bekomme Rückmeldungen – vor allem dann, wenn es sozial schwierig wird – und wir suchen gemeinsam nach einer Linie, die zu Hause und in der Schule trägt. Besonders in den unteren Klassen war es selbstverständlich, dass Eltern bei Projekten und Ausflügen dabei waren. Für mich war das oft ein richtig warmes Gefühl: Die Kinder erleben, dass Schule und Elternhaus nicht zwei getrennte Welten sind. Und ich habe auch diese schönen Momente erlebt, wenn Lehrkräfte Elternkompetenzen einbeziehen: einmal wurde ein besonderes Edelsteinbuch aus unserer Familie zur Grundlage einer ganzen Epoche – und plötzlich wurde aus Mithelfen echtes Mitgestalten. Ich bin keine «geborene Waldorf-Mutter» und hätte mir deshalb auf den Elternabenden mehr Orientierung zu den Grundlagen gewünscht – Rubikon, Menschenkunde, warum Mathe in der achten Klasse genau so gemacht wird etc.
Ich will ehrlich sein und auch Sachverhalte benennen, die ich als schwierig erlebe: Mir fehlt an der Waldorfschule eine klare Fehler- und Konfliktkultur. Im Rahmen der Selbstverwaltung fehlt es mir an Rollenklarheit. Lehrkräfte, die an ihre Grenzen stoßen, erfahren (zu) wenig Förderung und (zu) wenig Konsequenzen, Eskalationen bis hin zu schulleitenden Gremien bleiben für Eltern ohne klares Ergebnis. Die Klassenlehrkraft eines meiner Kinder hat in den ersten Jahren zwei mal gewechselt und beide Male waren Lehrkräfte in ihrem ersten Durchgang in der Verantwortung, das hat Folgen für die Klasse bis heute, wo sie bald in die Oberstufe kommt – und als Eltern steht man dann manchmal ratlos da.
Gleichzeitig habe ich erlebt, wie sehr einzelne Menschen tragen können: ein Schulsozialarbeiter, der mein Kind mit einem therapeutischen Blick gesehen und gestärkt hat; ein Hausmeister, der über Jahre eine Beziehung zu ihm aufgebaut hat und mir kürzlich sagte, wie großartig es sich entwickelt habe. Und mein «freidenkendes-rebellisches» Kind hätte an einer streng lehrplanorientierten Schule vielleicht längst zugemacht – hier durfte es Wut haben, Luft holen, praktische Arbeit lieben: Schmieden, Gartenbau, Landwirtschaft, und vor allem: Es blieb in seiner Klassengemeinschaft gehalten.
Mein Fazit: Trotz aller Kritik bin ich der Waldorfschule dankbar, weil sie meinen Kindern nicht nur Wissen, sondern Halt, Beziehungen und Raum zum Menschsein gibt.
Thomas Tenkamp, Vater in Dortmund:
Eltern sollten sich ihrer Rolle bewusst sein
Meine Frau und ich, wir sind beide Pädagog:innen. Meine Frau bildet zukünftige Erzieher:innen aus, ich bin Theaterpädagoge. Auf einer Waldorfschule waren wir selbst nie. Wir haben einen kreativen Sohn, mit viel Fantasie und Bewegungsfreude. Wir hatten Sorge, ob das zu einer Regelschule passt. Deshalb haben wir uns nach Alternativen umgesehen. An der Waldorfschule hat uns überzeugt, dass die Kinder dort wirklich fürs Leben lernen. Man sagt das ja immer so leicht, aber dort stimmt es wirklich. Alle Sachen stehen in einem Sinnzusammenhang, sind nicht abstrakt, sondern können erlebt werden. Unser Sohn hatte durchs Handarbeiten, durchs Stricken und die einzelnen Maschen, zum Beispiel eine Beziehung zu Zahlen und Mengen entwickelt, bevor er die ersten Ziffern kannte. Die Erziehungspartnerschaft mit der Schule fing schon am Kennenlerntag an. Da durften wir Eltern die Eurythmie zum Beispiel selbst ausprobieren. Genauso das Formenzeichnen. Wir durften selbst erfahren, was mit den Kindern gemacht wird, und bekamen später auch die pädagogischen Hintergründe dazu erklärt. Diese Transparenz hat Vorfreude geweckt und Vertrauen geschaffen.
Was auch sehr geholfen hat, ist, dass die Schule, unsere Klassenlehrerin und auch unsere Schulbegleitung von Anfang an dazu ermutigt haben, immer mit allem auf sie zuzukommen. «Stellt uns jede Frage, die ihr habt.» Besonders am Anfang waren das viele Fragen, wir haben die Möglichkeit trotzdem genutzt. Manchmal gab es täglich Rückmeldungen und E-Mails.
Ich finde es aber auch wichtig, dass es eine Grenze gibt. Denn auch durch Grenzen entsteht Beziehung. Wir Eltern haben durch die vielen Gremien, Arbeitskreise und Feste die Möglichkeit, großen Anteil am Schulleben zu nehmen. Der pädagogische Bereich ist aber der Bereich der Lehrer:innen. Da brauchen sie ganz einfach unser Vertrauen und nicht das Drängen, mitzubestimmen. Theoretisch könnte ich als Pädagoge dazu öfter mal was sagen. Das tue ich aber nicht, weil ich mir meiner Rolle bewusst bin. Es braucht also auch Klarheit an der Stelle, finde ich. Ich muss mich auch nicht einmischen, weil ich erlebe, wie die Schule mit der Zeit geht und veraltete Ansätze der Waldorfpädagogik überdenkt, reflektiert und an die aktuelle Lebenswelt der Menschen anpasst. Pädagogik darf nicht stehen bleiben, wenn die Welt sich bewegt.
Unser Sohn ist jetzt in die zweite Klasse gestartet. Meine Frau und ich verfolgen seinen Weg auf der Waldorfschule total gespannt und voller Freude und denken oft, dass wir dort auch gern zur Schule gegangen wären. Manchmal malen wir uns schon die Einschulung unserer Tochter aus, die erst drei Jahre alt ist.
Kommentare
Es sind noch keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.