Erziehungskunst | Wenn ihr an die heutige Musikszene denkt – Rap, Pop, Indie –, welche Geschlechterrollen fallen euch spontan auf?
Luise | Im Rap, vor allem wenn Männer im Mittelpunkt stehen, begegne ich oft sexistischen oder frauenfeindlichen Bildern. Es wird viel über Macht, Dominanz, Drogen und Status erzählt – und Frauen tauchen dabei nicht selten als «Deko» auf, als Objekt, fast wie ein Konsumgut. Das Problem ist weniger, dass es solche Texte gibt, sondern wie normal sie geworden sind: Viele hören es, feiern es, singen es mit, als wäre es einfach Teil des Sounds. Und wenn man das kritisiert, heißt es schnell: «Ist doch nicht so gemeint» oder «gehört halt dazu». Dadurch setzt sich ein bestimmtes Frauenbild fest, ohne dass es hinterfragt wird.
Jonathan | Im Pop erlebe ich bei männlichen Künstlern häufiger romantische Erzählungen – Beziehung, Herzschmerz, «wir gegen die Welt». Im Rap wird Liebe eher über Sexualität und Besitz verhandelt. Und auch im Indie gibt es ein Muster: Da geben sich manche Männer progressiv oder «feministisch», aber manchmal wirkt es wie ein Image, wie eine Pose. Als wäre «sensibel» oder «aware» auch wieder nur ein Weg, um attraktiv zu sein – nicht unbedingt echte Haltung. Natürlich gilt das nicht für alle, aber man spürt, dass selbst vermeintlich moderne Szenen ihre eigenen Codes haben.
Luise | Ja, genau. Gleichzeitig finde ich spannend, dass sich bei Rapperinnen oft ein anderer Ton zeigt. Viele rappen stärker über Empowerment, über Selbstbestimmung und über gesellschaftliche Fragen. Nicht immer, aber auffällig häufig. Bei Männern geht es dagegen oft um Alltagsposen oder um dieses «Ich bin der Krasseste»-Narrativ. Und bei Frauen im Pop erlebe ich wiederum oft eine sehr klassische, «normschöne» Feminität: viel Standardromantik, wenig Risiko. Vielleicht, weil Pop lange als «weiblicher» Bereich galt und dadurch bestimmte Erwartungen noch härter sind: angenehm, gefällig, nicht zu störend.
EK | Werden Männer und Frauen in der Musikszene unterschiedlich bewertet – besonders, wenn es um Sex, Macht und Selbstinszenierung geht?
Luise | Absolut. Und zwar nicht nur ein bisschen, sondern spürbar. Wenn ein Mann im Rap über Frauen herzieht, abwertende oder aggressive Zeilen bringt, ist das «normal» oder wird sogar als cool verkauft. Wenn eine Frau wie zum Beispiel Ikkimel dieselbe Härte nutzt oder das Machtverhältnis umdreht, wird es plötzlich moralisch diskutiert – dann kommt der Vorwurf, sie sei «zu vulgär», «männerhassend», «peinlich» oder «eine schlechte Frau». Es ist, als gäbe es einen unsichtbaren Rahmen: Männer dürfen Grenzen überschreiten, Frauen sollen sie bewachen.
Jonathan | Man merkt das auch an den Reaktionen: Manche männliche Acts werden für extrem problematische Inhalte kaum öffentlich angegriffen, während Künstlerinnen, die provokant arbeiten oder bewusst spiegeln, sofort Shitstorms abbekommen. Und dabei ist es ja manchmal gerade der Punkt: Wenn eine Künstlerin Rollenbilder überzeichnet, macht sie sichtbar, was sonst akzeptiert wird. Paradox ist dann, dass ihr vorgeworfen wird, sie sei das Problem – obwohl sie eigentlich das Problem zeigt.
Luise | Genau. Und ich finde, das gilt sogar über Texte hinaus. Auch bei der Qualität werden Frauen oft strenger bewertet. Wenn eine Frau einen eher einfachen Song macht, wird sie schnell als talentlos abgestempelt. Bei einem Mann heißt es dann: «Ist halt ein Partysong» oder «muss nicht deep sein». Diese doppelte Messlatte macht es für Frauen viel schwerer, sich frei zu bewegen – sowohl künstlerisch als auch in der öffentlichen Wahrnehmung.
EK | Gibt es für Männer mehr Freiheiten in der Musikszene als für Frauen?
Luise | Ja. Gerade wenn es um Sex und Beziehungen geht, dürfen Männer seit Jahrzehnten fast alles sagen, ohne dass sie grundsätzlich ihre Respektabilität verlieren. Frauen dagegen müssen ständig abwägen: Wie weit kann ich gehen, ohne dass mir Respekt entzogen wird? Und oft ist die Antwort: nicht weit. Deshalb bleibt vielen nur die Rolle, «typisch feminin» zu wirken: nicht zu laut, nicht zu hart, nicht zu wütend, nicht zu sexualisiert – und gleichzeitig bitte auch attraktiv. Dieser Widerspruch ist ein Käfig.
Jonathan | Und das Interessante ist: Sobald eine Frau diesen Käfig sichtbar sprengt, wird nicht das System kritisiert, sondern sie selbst. Manche Männer fühlen sich sofort persönlich angegriffen, obwohl es eigentlich um Strukturen geht. Und manche Frauen distanzieren sich dann ebenfalls, um zu zeigen: «Ich bin nicht so.» Das wirkt wie ein Anpassungsdruck, der die alten Muster stabil hält.
Luise | Gleichzeitig gibt es natürlich auch Künstler:innen, die Geschlech-
terrollen bewusst brechen – und das verändert etwas. Bei Männern fällt mir das eher im Pop und in queeren Kontexten auf: Kleidung, Auftreten, Gesten – also das, was als «feminin» gelesen wird. Bei Frauen erlebe ich den Bruch stärker im Rap, wo sie sich maskuliner geben, härter auftreten oder eine Sprache benutzen, die man lange nur von Männern kannte. Und das hat Wirkung: Es zeigt, dass Identität nicht an eine einzige Form gebunden ist.
EK | Gibt es Musiker:innen, bei denen ihr das Gefühl habt, sie brechen bewusst mit klassischen Geschlechterrollen? Welche Wirkung hat das auf euch?
Jonathan | Auf der männlichen Seite findet man typische Geschlechterrollenbrüche eher in der Popmusik. Harry Styles tritt in Kleidern auf und nutzt gesellschaftlich als feminin wahrgenommene Farben. In der Queer-Musik-Szene sind das etwa Tyler The Creator und Troye Sivan mit seinem Drag-Musikvideo.
Luise | Ich würde sagen, dass bei der weiblichen Szene das tatsächlich mehr im Rap vertreten ist als im Pop. Im deutschen Rap brechen Künstlerinnen wie Sixten und Ikkimel stärker mit Geschlechter-
rollen durch maskulinere Texte und Auftreten. Diese Rollenbrüche schaffen mehr Freiheit und Inklusion und sprechen viele Menschen an. Sie können zeigen, dass es nicht nur einen Weg gibt.
EK | Was ist gute Männlichkeit?
Luise | Gute Männlichkeit heißt für mich: Verantwortung übernehmen, respektvoll sein, Menschen nicht nach Geschlecht einordnen. Also eigentlich: Menschlichkeit. Und vor allem: schlechte Taten nicht mit «So sind Männer halt» entschuldigen.
Jonathan | Genau. Und schlechte Männlichkeit wäre dieses starre Rollenbild: immer stark, keine Gefühle, immer Dominanz – und die Angst, aus der Box zu fallen. Das schadet Männern selbst, aber auch allen um sie herum. Und wenn Musik ständig genau diese Klischees wiederholt, prägt das junge Leute.
Luise | Ja, besonders junge Männer orientieren sich stark an solchen Vorbildern. In der Pubertät, in der Selbstfindung, ist Musik nicht nur Sound, sondern ein Lebensgefühl. Wenn abwertende Frauenbilder immer wieder «normal» vorkommen – im Stream, auf Partys, im Club, wo alle mitsingen –, dann bleibt das hängen, auch wenn niemand bewusst sagt: «Ich will so denken.» Normalisierung ist mächtig.
Jonathan | Deshalb hat Musik Verantwortung. Nicht im Sinn von Zensur, sondern im Sinn von Bewusstsein. Gerade wenn Texte politische oder gesellschaftliche Bilder transportieren, sollte klarer sein, was Ironie, Satire oder Kritik ist – und was einfach die Wiederholung alter Machtmuster ist.
Luise | Und als Hörer:innen müssen wir uns auch fragen: Hören wir nur, oder verstehen wir auch, was wir da mittragen? Wenn Provokation einen Diskurs öffnet, kann sie langfristig etwas verändern. Vielleicht nicht sofort, aber sie kann sichtbar machen, was sonst im Hintergrund weiterläuft.
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