Ausgabe 09/25

Wie wir essen

Angelika Lonnemann


Meine Töchter machen sich heute darüber lustig: «Wir durften am Tisch nicht singen!?!» Verboten waren außerdem Schmatzen, schmierige Hände, Ellenbogen auf dem Tisch – wenn ich heute daran denke, habe ich das Gefühl, Mahlzeiten waren die Bereiche mit den meisten Ge- und Verboten in unserer ansonsten, wie ich finde, relativ liberalen und lockeren Familie. 

Ein absolutes No-Go war die Gleichzeitigkeit von gemeinsamem Essen und Fernsehen. Inzwischen, wenn die erwachsenen Töchter zu Besuch kommen, dann wünschen sie sich manchmal ein abendliches gemeinsames Essen vor dem Fernseher. Und in mir herrscht Streit. Ich finde es gleichermaßen sehr, sehr schlimm und extrem entspannt! 

Als wir in den 1980er Jahren eine Gastschülerin aus den USA hatten, erzählte sie uns, dass es für sie eine neue Erfahrung war, dass wir für drei Mahlzeiten am Tag als Familie zusammen an einen Tisch kamen und gemeinsam aßen. Bei ihr zuhause würde sich jede Person dann etwas zu essen machen, wenn sie hungrig war. Ich erinnere mich noch genau an die Reaktion  meiner Mutter: «Das ist ja schrecklich! Wo bleibt denn da das Familienleben?» 

Essgewohnheiten: Nicht nur Kulturen machen da Unterschiede, auch die einzelnen Familien oder Kolleg:innen. In der Onlinekonferenz essen? Zum Essen bei anderen eingeladen sein, was ist dort Brauch und Sitte? Das ist spannend. Gemeinsames Essen verbindet. Das deutsche Wort Kumpan, ist eine Ableitung aus dem lateinischen companio, (cum panis, «mit Brot»). Meine Freundin ist also diejenige, mit der ich mein Brot teile. Was für eine schöne Bedeutung!

Wir spannen in dieser Erziehungskunst einen größeren Bogen. Wir beginnen mit einem Text über Brot und seine Relevanz in Kulturgeschichte, Religion und Literatur. Meine Tochter Klara gibt uns einen Einblick, wie etwa junge Mädchen und Frauen bei TikTok in ihrem Essverhalten beeinflusst werden. Jürgen Beckmerhagen zeigt auf, das längst nicht alle Waldorfschulen ihren Schüler:innen ein Küchenpraktikum abverlangen. Heidi Käfer war zu Besuch im Wendland, wo die anthroposophisch geprägte und sehr heutige Firma Voelkel Säfte ihren Sitz hat. Anne Brockmann hat sich mit einer Ernährungswissen-
schaftlerin unterhalten. Und Christina Reinthal von den Freunden der Erziehungskunst beschreibt das Thema Essen in Waldorfschulen im Globalen Süden.

Ich wünsche Ihnen eine interessante Lektüre und einen süßen September!

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